Interview mit Wolfgang Koschnick

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass er von den Abhörpraktiken wusste"

Der Journalist und Buchautor Wolfgang Koschnick ("Rupert Murdoch. Der Medientycoon", Econ Verlag) verfolgt den Aufstieg des Verlegers Rupert Murdoch seit vielen Jahren. Mit ihm sprach Florian Kain.

Berliner Morgenpost: Herr Koschnick, wie passt die Abhöraffäre, in die der Medienunternehmer Rupert Murdoch verstrickt ist, in das Bild, das Sie sich als Biograf selbst von ihm gemacht haben?

Wolfgang Koschnick: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Murdoch von diesen Praktiken frühzeitig gewusst hat. Nicht etwa, weil ich glaube, dass er dafür zu herzensgut und zu harmlos wäre. Aber als Manager eines weltweit operieren-den Medienkonzerns wird er sich nicht darum gekümmert haben, über welche Kanäle seine Reporter an ihre Storys kommen. Es wäre andererseits aber auch blauäugig zu glauben, dass er viel dagegen einzuwenden gehabt hätte.

Berliner Morgenpost: An die Spitze der Aufklärer hat sich Murdoch aber auch nicht gerade gestellt ...

Wolfgang Koschnick: Immerhin hat er zu einem frühen Zeitpunkt um Entschuldigung gebeten und die "News of the World" sofort eingestellt. Das war schon eine sensationelle Entscheidung. Die Zeitung ist ja immerhin 1843 gegründet worden, sie war die erste Zeitung, die er in Großbritannien einst erworben hatte.

Berliner Morgenpost: Allerdings blieb ihm in der Situation kaum etwas anderes übrig.

Wolfgang Koschnick: Das ist richtig. Und es kann durchaus sein, dass er am Ende sogar von all seinen britischen Zeitungen lassen muss. Dass er das vielleicht tun wird, hat er auch selbst schon angedeutet. Große Schmerzen würde ihm selbst ein solcher Schritt aber nicht bereiten. Die Zeitungen in Großbritannien sind für Rupert Murdoch - jedenfalls in unternehmerischer Hinsicht - längst nicht mehr wichtig. Die "Times of London" ist ein Zuschussgeschäft, in das er jährlich 45 Millionen britische Pfund steckt, die anderen Titel sind etwas profitabler, aber sein Geschäft hängt davon nicht ab. Den Großteil seines Geldes verdient Rupert Murdoch längst in den USA.

Berliner Morgenpost: Wo man inzwischen auch gegen ihn klagt. Droht das Imperium zu zerfallen?

Wolfgang Koschnick: Ich kann das nicht erkennen. Klar ist: Murdoch ging es noch nie so bedrohlich an den Kragen wie jetzt. Aber sein Medienkonzern ist viel umfassender und größer. Den zerschlägt keiner mal so eben.

Berliner Morgenpost: Was ist Murdoch für ein Mensch?

Wolfgang Koschnick: Politisch ist er sehr konservativ, und zwar in einer so ausgeprägten Form, wie man sie in Deutschland kaum noch kennt. Das heißt aber nicht, dass er mit seinen Zeitungen und Fernsehanstalten konsequent eine politische Mission verfolgt. Wenn er sich mit Politikern trifft, dann hat das andere Gründe.

Berliner Morgenpost: Welche?

Wolfgang Koschnick: Er probiert, das Vorfeld für seine unternehmerischen Operationen zu klären. Murdoch arrangiert sich mit Politikern, und manchmal kauft er sich auch welche. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Das ist Murdochs Reaktion auf das Umfeld, in dem er sich bewegt, in dem er es permanent mit Kartellgesetzen und dem Einfluss des Staates auf die Vergabe von Lizenzen zu tun hat.

Berliner Morgenpost: Ein skrupelloser Machtmensch?

Wolfgang Koschnick: Ein extrem erfolgsorientierter Unternehmer, ein ganz trockener Pragmatiker, aber ohne eine Spur von Größenwahn. Murdoch ist alles andere als ein Citizen Kane. Wer sich mit Murdochs Persönlichkeit beschäftigt, der wird vergebens nach wahnhaften Zügen oder krankhaftem Irresein oder wenigstens nach den schrulligen Obsessionen eines Sonderlings suchen. Murdoch ist auf langweilige Art und Weise normal.

Berliner Morgenpost: Welche Meinung hat er von Journalismus?

Wolfgang Koschnick: Keine sehr gute. Es gibt eine ganze Reihe von Äußerungen von ihm, die zeigen, dass er Journalisten für eine ziemlich nutzlose und außerdem linke Spezies hält, für Leute, die nichts Ordentliches gelernt haben. Auch um einzelne Objekte kümmert er sich nur so lange, bis sie schwarze Zahlen schreiben. Dann übernehmen andere.

Berliner Morgenpost: Was blüht Murdoch jetzt im Extremfall?

Wolfgang Koschnick: Der Verlust all seiner Zeitungen in Großbritannien. Unwahrscheinlich ist hingegen, dass bald sein Sohn das Ruder im Konzern übernimmt. Der wusste ja nach allem, was bisher bekannt ist, viel früher von den Abhörpraktiken als Murdoch selbst. Das hieße dann ja, den Bock zum Gärtner zu machen.

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