Presseaffäre

Gefährliche Nähe zu Murdochs Abhörtruppe

Allmählich verwandelt sich, was als Abhörskandal um die Boulevard-Sonntagszeitung "News of the World" begann, in eine britische institutionelle Krise. Denn der scheinbar unaufhaltsame Enthüllungsstrudel um die Zeitungsgruppe des Medienmoguls Rupert Murdoch zieht jetzt auch eine namhafte Adresse in Mitleidenschaft: die Metropolitan Police of London, besser bekannt als Scotland Yard - und eigentlich für solide Aufklärungsarbeit berühmt.

Jedenfalls hielt es Englands oberster Polizeibeamter Sir Paul Stephenson am Sonntag für geboten, seinen Hut zu nehmen.

Stepehenson hat damit Verantwortung für Missstände übernommen, die unter seiner Leitung in den Polizeidienst der britischen Hauptstadt eingezogen waren. Dazu zählte vor allem eine zu große Nachlässigkeit bei der Verfolgung illegaler Praktiken von Journalisten der "News of the World".

Das Blatt gehört zum britischen Arm von Murdochs globalem Medien-Imperium News International und hatte es im Laufe der Jahre verstanden, sich höchst effizient das politische Establishment und auch die Polizei quasi gefügig zu machen.

Fast gleichzeitig hatte es auch News-International-Geschäftsführerin Rebekah Brooks erwischt. Sie kam in Polizeigewahrsam und nach dem Verhör binnen zwölf Stunden gegen Mitternacht wieder auf freien Fuß. Mit der 43-Jährigen - die früher selbst als von manchen gefeierter und von vielen beneideter Medienstar die "News of the World" sowie die tägliche "Sun" als Chefredakteurin geleitet hatte - erhöht sich die Zahl der im Zusammenhang mit der Abhöraffäre seit April zeitweise in Untersuchungshaft genommenen Personen auf zehn. Rebekah Brooks muss nun heute mit dem gebürtigen Australier Murdoch und seinem Sohn vor dem Medienausschuss des Parlaments erscheinen.

Diese beschleunigte Aktivität der Ermittler steht in deutlichem Kontrast zu ihrem auffallenden Versäumnis in den Jahren 2009 und 2010, als trotz erdrückenden Verdachtsmaterials bezüglich der Abhörpraktiken von Reportern der "News of the World" kein Verfahren eröffnet wurde. Vielmehr entschied sich der Leiter des damalig verantwortlichen Dezernats, John Yates, dagegen, die schon zu den Akten gelegte Untersuchung wieder aufzurollen. Auch er ist übrigens am Montag von seinem Amt als Vizechef von Scotland Yard zurückgetreten.

Weil sich die Lage in London zuspitzt, sieht sich auch der konservative Premierminister David Cameron gezwungen, an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Er verknappt seine Reise ins südliche Afrika von geplanten fünf Tagen auf zwei Tage. In Nigeria und Südafrika will der Premier eigentlich eine neue afrikanische Freihandelszone propagieren. Seine Parteifreunde dagegen machen sich große Sorgen, dass sich sein persönlicher Freiraum als Regierungschef in der heimischen Arena weiter verenge.

Dazu trug auch das Statement bei, mit dem Sir Paul seine Demission begleitete. Zunächst erläuterte der Beamte seine eigene Beziehung zu der inzwischen eingestellten "News of the World". Er hatte im Oktober 2009 dem ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur des Blatts, Neil Wallis, einen Beratervertrag gegeben, den dieser bis September des vergangenen Jahres auch ausfüllte. Wallis aber war der zweite Mann hinter Andy Coulson, der zwar 2007 im Zusammenhang mit dem ersten Prozess gegen zwei "News of the World"-Figuren zurückgetreten war, aber noch im gleichen Jahr beim damaligen Oppositionsführer David Cameron als Kommunikationsdirektor Anstellung fand. In dieser Stellung zog er nach dem Wahlsieg der Konservativen über Labour mit Cameron in den Regierungssitz in Downing Street 10 ein, trat aber im Januar 2011 sogleich zurück, als neuerliche polizeilichen Ermittlungen in der Abhöraffäre (Operation "Weeting") ihn ins Fadenkreuz rückten.

Am Montagabend wurde die Sache noch brisanter: Der britische Journalist, der als erster zum Abhörskandal ausgepackt hatte, wurde tot aufgefunden. Der Tod von Sean Hoare in dessen Haus werde zunächst "nicht als verdächtig" eingestuft, erklärte die Polizei laut der britischen

In das Netz dieser Operation geriet zuletzt aber auch Neil Wallis, die Polizei nahm auch ihn kurzzeitig in Untersuchungshaft, setzte ihn später gegen Kaution frei - das übliche Muster der laufenden Ermittlungen. Erst danach wurde bekannt, dass auch dieser "News of the World"-Mann eine hochkarätige Position im Herzen des britischen Establishments innehatte, als Medienberater ausgerechnet bei Scotland Yard; war der doch seit Längerem mit Sir Paul befreundet gewesen.

Peinlicher noch erwies sich freilich für den Polizeichef der Hauptstadt, dass er Anfang dieses Jahres eine fünfwöchige postoperative Heilkur in einem renommierten medizinischen Erholungszentrum in Hertfordshire nahe London angenommen hatte. Für sich genommen kein Problem, wenn dort nicht seine Frau und er zusammen mit anderen Namhaften der Londoner Szene - auch die langjährige Murdoch-Vertraute Brooks tankte hier regelmäßig von ihrem Stress auf - kostenlos aufs Exklusivste verwöhnt wurden.

War es da nur Zufall, dass jener Neil Wallis mit seiner PR-Firma Chamy Media als Berater bei Champneys, so der Name der betreffenden Heilkurstätte, fungierte? Der Anschein von Filz war jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, und das bei einer Figur, von der Oberpolizist Sir Paul hätte wissen müssen, dass seine Beamten gegen sie zu ermitteln begannen.

Neil Wallis, Champneys und die Nachlässigkeit seiner Angestellten waren Gründe genug für den "Met"-Chef zurückzutreten. Doch nicht, ohne zum Abschied einen Giftpfeil in Richtung Premier David Cameron abzuschießen. "Als der Name Wallis im Zusammenhang mit der 'Operation Weeting' auftauchte", so befand Sir Paul in seinen nur vermeintlich rätselhaften Worten, "wollte ich den Premierminister in keiner Weise kompromittieren durch Enthüllung des Namens eines potenziell Verdächtigen, der in offensichtlicher Beziehung zu Andy Coulson stand. Der Besitz solcher Information hätte nur zu unfairen Anschuldigungen gegen ihn und Innenministerin Teresa May führen können."

Im Klartext: Cameron ist schon belastet genug, den toxischen Coulson angestellt zu haben; ich will ihm sein Leben durch Hereinziehen des Namens Wallis nicht noch schwerer machen. Eine allzu listige Floskel der Rücksichtnahme, denn einen Absatz später stößt Sir Paul dann doch mit voller Kraft zu: "Im Gegensatz zu Mister Coulson war Mister Wallis nicht bei der 'News of the World' zurückgetreten", sagte der Londoner Polizeichef am Sonntagabend: "Und mir war auch nicht bekannt, dass er mit der ursprünglichen Abhörermittlung (2006) in irgendeiner Weise etwas zu tun hatte." Dekonstruiert heißt dieser Satz wiederum: Ich, Sir Paul Stephenson, hatte im guten Glauben einen zunächst nicht Belasteten angestellt, während Mr. Cameron allen Warnungen zum Trotz durchaus einen bereits "Eingefärbten" an seine Seite holte.

Der Stoß traf, und er wurde am Montag sofort von vielen Kommentatoren aufgegriffen. Sinngemäß lautet die Einschätzung: Bei dem Vergleich Coulson/Wallis schneidet Sir Paul bedeutend besser ab als der Premierminister, den der Fehler, einen Andy Coulson 2007 eingestellt und an ihm über drei Jahre lang festgehalten zu haben, in der Tat schlecht aussehen lässt. Ein "ehrenwerter" Polizeichef habe nun den Hut nehmen müssen, aber wie sieht es mit Cameron aus? Dessen Büro, eingedenk der vergifteten Atmosphäre, versuchte sich noch am Freitag in vorauseilender Offenheit und gab an, wie oft der Regierungschef sich in den vergangenen 15 Monaten mit Spitzenleuten von News International getroffen habe: 26 Mal. Das Eingeständnis, freiwillig vor möglichen Enthüllungen auf den Tisch gelegt, bestätigt Kritiker aber nur in ihrer Auffassung, dass der Premier mangelnde Distanz zum Murdoch-Imperium gehalten habe, seine Urteilskraft also doch viel zu wünschen übrig lasse.