Fachkräftemangel

Berliner Wirtschaft fordert eine Willkommenskultur für Zuwanderer

Auch in Berlin ist der Fachkräftemangel mittlerweile groß. Bedarf gibt es in vielen Berufen. Nicht nur bei Ingenieuren. Hauptsächlich fehlen die qualifizierten Arbeitskräfte in Jobs mit unregelmäßigen Arbeitszeiten wie in der Gastronomie, aber auch Bus- und Lkw-Fahrer sind nach Auskunft von Christian Wiesenhütter, dem Hauptgeschäftsführer der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), gesucht.

Wer allerdings glaube, dass diese Arbeitskräfte aus EU-Ländern nach Berlin strömten, verkenne, dass viele der mobilen Weltbürger eher Englisch als Deutsch sprechen.

"Deshalb müssen wir eine Willkommenskultur schaffen, die den Nachteil in der Sprache ausgleicht", fordert Wiesenhütter. Das könnten Vergünstigungen bei Wohnungen oder andere Unterstützungen sein, um Fachkräfte zu holen. Erschwerend für Berlin komme hinzu, dass Länder wie Großbritannien, Dänemark, Schweden oder Irland schon vor Jahren ihre Arbeitsmärkte für die neuen EU-Mitgliedsländer und deren qualifizierte Arbeitskräfte geöffnet hätten. Viele der gesuchten mobilen Arbeitnehmer seien schon weg, weil sie dort Arbeit gefunden hätten, wo man früher als in Deutschland die Vorteile einer Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften erkannt habe.

Am 1. Mai traten auch in Deutschland die EU-Regelungen zur Arbeitnehmerfreizügigkeit in Kraft. Die Vorschrift ermöglicht Arbeitnehmern aus den neueren EU-Mitgliedsstaaten Estland, Lettland, Litauen, Polen, der Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn eine Beschäftigung in Deutschland. Nach Auskunft von IHK-Sprecher Bernhard Schodrowski hat die Lockerung für die meisten der Berliner Unternehmen bislang jedoch kaum zu Auswirkungen geführt. Und dabei sehen nach einer Umfrage der IHK bei ihren Mitgliedsunternehmen fast 38 Prozent der Berliner Betriebe im Fachkräftemangel ein großes Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten zwölf Monaten. Besonders groß sind die Befürchtungen im Gastgewerbe (48,3 Prozent) und bei Dienstleistungsbetrieben (40,5 Prozent).

Laut Christian Wiesenhütter ist seit dem 1. Mai "nur eine kleine Anzahl" von Fachkräften aus den neueren EU-Mitgliedsstaaten nach Berlin gekommen. Deswegen sei es richtig, dass nicht nur innerhalb der Europäischen Union nach qualifizierten Zuwanderern für Berlin gesucht werde, sondern auch in Drittländern. Innerhalb der EU sähe es nämlich bezüglich des Fachkräftemangels fast überall gleich schlecht aus. Die demografische Entwicklung mit immer weniger Geburten bei gleichzeitigem Älterwerden der Bevölkerung sei vergleichbar, auch wenn es noch Unterschiede gebe. Schlimmer als in Deutschland sei der Fachkräftemangel derzeit in Italien und Spanien, wobei Spanien und auch Frankreich momentan noch von afrikanischen Einwanderern profitierten.

Berlin biete sich für Polen möglicherweise wegen der räumlichen Nähe an. Doch auch hier seien keine signifikanten Wechsel bislang erfolgt. Denn auch in Polen würden Fachkräfte genauso gesucht wie in Deutschland und inzwischen gut bezahlt.

Nach dem Start der Arbeitnehmerfreizügigkeit und den nur geringen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sieht sich die Kammer darin bestätigt, dass sich allein damit das Angebot an Fachkräften in Deutschland nicht erhöhen wird. "Zuwanderung aus den europäischen Nachbarländern wird alle Probleme bei der Fachkräftesicherung kaum lösen können. Sie ist ein wichtiger Baustein einer Fachkräftestrategie, muss aber durch gezielte Maßnahmen ergänzt werden. Wir können es uns beispielsweise nicht mehr leisten, ältere Arbeitnehmer schon Jahre vor der Rente nach Hause zu schicken. Wir müssen sie qualifizieren, genauso wie die jungen Leute", sagte Christian Wiesenhütter.

Dass es mittlerweile schwierig ist, Stellen zu besetzen, zeigt auch die Ausbildungsplatzbörse der IHK, die immer noch mehr als 1000 offene Ausbildungsstellen bereithält. Und das, obwohl das Ausbildungsjahr bereits am 1. September beginnt. Im "Ringen" um die Schulabgänger hatte die Berliner Wirtschaft zusammen mit Handwerkskammer und IHK vor einem Jahr die Kampagne "Berlins Wirtschaft braucht dich" auf den Weg gebracht. Damit sollten vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund für einen Ausbildungsplatz gewonnen werden. Ende vergangenen Monats zog der Bildungsgeschäftsführer der IHK, Christoph von Knobelsdorff, eine positive Bilanz. Die Aktion sei ein wichtiger Schritt, um Attraktivität und Karrierechancen in der beruflichen Bildung bei Migranten und ihren Eltern noch besser bekannt zu machen. Ihr Anteil an der Bevölkerung wachse stetig, doch das spiegele sich noch nicht in allen Abschlüssen des Bildungssystems wider. Bei den Kita-Kindern hätten heute 40 Prozent einen Migrationshintergrund, bei den Schülern seien es knapp 30 Prozent, unter den Abiturienten lag der Anteil jedoch nur bei rund 15 Prozent - ebenso bei den Ausbildungsabschlüssen in den IHK-Berufen. Um den zukünftigen Bedarf an Fachkräften zu decken, setzt die IHK nicht nur auf Anwerbung von Arbeitskräften aus Europa und Drittländern, sondern auch auf Aus- und Weiterbildung der Berliner. IHK-Bildungsgeschäftsführer von Knobelsdorff prognostiziert Jugendlichen deshalb: "Eure Zukunftsaussichten sind so gut wie lange nicht."