Nachruf

Ein Patriarch und Spieler verlässt die Bühne

Wie wenig sich Leo Kirch aus Protz und Statussymbolen machte, mussten auch seine Angestellten erst einmal lernen. Ende der 90er-Jahre muss es der Anekdote zufolge gewesen sein, als der Medienmanager in seiner Firmenzentrale am Rande eines Gewerbegebiets vor München neuen Teppich verlegen ließ.

Um den Status ihres mächtigen Herrn gleich am Boden sichtbar zu machen, wählten die Projektverantwortlichen einen feineren Velours für das Vorstandsbüro - wie es in vielen Chefetagen üblich ist. Doch der Unternehmer, der meist zünftig in Strickjacke gekleidet in seinem Büro aufschlug und seine Mitarbeiter gern mit "Ihr Lieben" anredete, rebellierte gegen die Sonderstellung - und ließ den teuren Belag kurzerhand wieder herausreißen.

Nein, Standesdünkel, wie ihn viele Granden aus der Wirtschaft kultivieren, waren Kirchs Sache nicht. Höchstens alle zehn Jahre einmal gab der Medienunternehmer ein Interview. Während sich viele Protagonisten aus der Welt der Medien nur zu gern im Blitzlichtgewitter auf roten Teppichen tummelten, hielt sich der Mann mit der eindrucksvollen Fönfrisur bis zuletzt am liebsten im Hintergrund - und beförderte so die Mythenbildung rund um seine Person zusätzlich: Als Medienzar wurde der 1,85-Meter-Mann ehrfurchtsvoll beschrieben, als "Mr. Mystery", Zocker und Menschenfänger, als ausgeklügelter Strippenzieher und Wohltäter, auch als Trickser. Welche Eigenschaften Kirch tatsächlich vereinte, sollen die beurteilen, die ihm nahestehen. Eines jedoch steht außer Zweifel: Mit Leo Kirch hat das Land einen seiner größten Nachkriegsunternehmer verloren, der den Medienstandort Deutschland mehr als viele andere geprägt und verändert hat.

Dabei begann die Karriere des gebürtigen Franken so klein und so "self-made", wie man es sich für eine Unternehmerbiografie nicht besser wünschen kann. Zusammen mit einem Freund reiste der promovierte Betriebswirt 1956 nach Italien - 30 Jahre alt war er, ohne Geld unterwegs, aber mit der fixen Idee im Gepäck, ausgerechnet im Land, wo die Zitronen blühen, deutsche Rechte an Kinofilmen einzukaufen. Nur wenige Hunderttausend Fernsehgeräte gab es damals in Deutschland, entsprechend mickrig war das Programmangebot. Kirch aber hatte früher als alle anderen hierzulande erkannt, dass der Programmbedarf des Fernsehens in dem Moment drastisch steigen würde, in dem das TV Massenmedium wurde.

Wie elektrisiert muss der junge Mann daher gewesen sein, als er mit seinem Freund in einem italienischen Kino saß und vor ihm "La Strada", der Klassiker des Meisters Federico Fellini, auf der Leinwand lief. Kirch beschloss, die Rechte an dem Film zu erwerben. Doch was fehlte, war das Geld, um das Geschäftsmodell anzuschieben - eine Zwangssituation, die der Unternehmer Zeit seiner Karriere noch oft erleben sollte.

Zu Hause lieh er sich Geld zusammen

Kirch wäre nicht Kirch, hätte er das Problem nicht auf seine Weise zu lösen gewusst. Während sein Freund vor Ort weiter verhandelte, reiste der Entrepreneur zurück in die Heimat und lieh sich das Geld zusammen. Zusammengeliehenes Geld sollte die Basis seines rasant wachsenden Medienimperiums bleiben - ein riskanter Weg, der dem Unternehmer zwar die gewünschte und viel bewunderte Marktmacht beschaffte, ihn aber auch zum Spielball der Banken werden ließ. Die milliardenhohe Verschuldung der Kirchgruppe sollte am Ende dann auch in der Insolvenz münden.

Entsprechend war es wohl auch weniger Kirchs betriebswirtschaftlichem Augenmaß als vor allem seiner Risikofreude zu verdanken, dass sein Zwei-Mann-Unternehmen binnen weniger Jahre zum größten Filmrechtehändler Europas aufstieg. Bereits vier Jahre nach dem Kauf der ersten Lizenz durfte Kirch die Rechte an mehr als 600 Spielfilmen sein Eigen nennen. Früher als alle anderen hatte er Kontakte ins Ausland geknüpft, allem voran in die mächtige Filmfabrik Hollywood. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten kamen daher über Jahre hinweg kaum an Kirch vorbei, wenn sie ihrem Publikum internationale Filme zeigen wollten.

Mit Filmrechten allein war Kirchs unternehmerischer Ehrgeiz allerdings nicht befriedigt. "Ich wollte aus einem kleinen Kern organisatorisch etwas entwickeln, statt mein Geld für Frauen, Yachten oder Immobilien zu verpulvern", beschrieb er in einem seiner seltenen Interviews seine Motivation als Geschäftsmann. Beseelt von dem Wunsch nach mehr, stieß Kirch daher schnell in weitere Bereiche der Medienbranche vor - und leistete dort abermals Pionierarbeit. In den 80er-Jahren schrieb der Manager Fernsehgeschichte, indem er sich bei der Gründung von ProSieben einbrachte, als Mehrheitsaktionär bei Sat.1 einstieg und so mithalf, die ersten privaten TV-Kanäle hierzulande aufzubauen - als anfangs scharf attackiertes Gegenstück zu den öffentlich-rechtlichen Kanälen. Zehn Jahre später brachte er mit Premiere erstmals Bezahlfernsehen nach Deutschland - ein gewagter Schritt, der sich später zum Milliardengrab entwickelte.

Selbst ins Printgeschäft wagte sich der Bewegtbildmann vor: Bereits in den 80er-Jahren, als die Axel Springer AG ("Bild", "Welt", Berliner Morgenpost) an die Börse ging, erwarb Kirch zunächst einen Anteil von zehn Prozent an dem Medienkonzern. Über Jahre hinweg versuchte er, seine Macht innerhalb des heute größten Zeitungshauses Europas weiter auszubauen, und geriet dabei auch in Interessenkonflikte mit den Aktionären Franz und Frieder Burda, die ein ähnliches Ziel verfolgten. Am Ende setzte Kirch sich durch und stockte seine Anteile Zug um Zug auf. In den 90er-Jahren hielt er 26 Prozent an der Axel Springer AG und durfte einen Posten im Aufsichtsrat des Konzerns beziehen, später baute er seinen Anteil noch weiter - auf 40 Prozent - aus. Doch irgendwann auf seinem ehrgeizigen weiteren Expansionskurs war dem agilen Senior die unternehmerische Fortune verloren gegangen. Wo jeder andere angesichts unsicherer Renditen abgewunken hätte, schien der gewiefte Geschäftsmann umso beherzter zuzugreifen. Wo das Geld für seine unternehmerischen Abenteuer fehlte, finanzierte Kirch auf Pump. Wiederholt war dem aus unzähligen Beteiligungen bestehenden Medienimperium das Ende prophezeit worden. 2002 schließlich war es so weit: Angesichts eines Schuldenbergs von mehr als 6,5 Milliarden Euro musste Kirch Insolvenz anmelden - die größte Pleite eines Unternehmens in der deutschen Nachkriegsgeschichte hatte ihren Anfang genommen.

Was der Medienmanager angesichts dieses tragischen Zusammenbruchs seines Lebenswerks empfand, ließ er sich - zumindest öffentlich - nicht anmerken. "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen", sagte der gläubige Katholik damals lakonisch in einem Interview. Sein Mitgefühl galt seinen damals 10 000 Mitarbeitern: "Es sind nicht allein die Zahlen, die eine Firma ausmachen, es sind vielmehr die Menschen", schrieb er in einem Brief an die Belegschaft. "Nun ist mir die Führung aus der Hand genommen worden. Gottes Segen."

Kind vom Lande

Zeit seines Lebens hatte sich der Unternehmer die Bodenständigkeit bewahrt, die er als Kind vom Lande mit auf den Weg bekommen hatte. Als Sohn eines Klempners wuchs Kirch in Fahr bei Volkach in eher bescheidenen Verhältnissen auf; die Art und Weise, wie sich die Leute auf dem Dorf gegenseitig halfen, muss ihn fürs Leben geprägt haben. Als er später Milliarden verdiente, ließ Kirch Großzügigkeit walten: Immer wieder spendete er an jüdische Organisationen, an Künstler, an Museen. Zwar bewohnte er bis zuletzt eine hübsche Villa in München und besaß ein Weingut in Franken. Von dem Prunk aber, mit dem sich andere Reiche umgeben, hat der Medienunternehmer nie viel gehalten.

Von prominenten Freundschaften dagegen mehr. Allen voran der langjährige Ministerpräsident Bayerns, Edmund Stoiber, zählte zu den Vertrauten des Medienmanagers. Auch mit Helmut Kohl war Kirch über Jahrzehnte hinweg eng verbunden. Wie gut die Freundschaft war, zeigte sich zuletzt daran, dass der Altbundeskanzler Kirch anlässlich seiner zweiten Hochzeit im Jahr 2008 bat, sein Trauzeuge zu sein. Als Kohl nach der CDU-Spendenaffäre Freunde und Anhänger um Spenden gebeten hatte, um den finanziellen Schaden für die CDU zu beheben, hatte Kirch seinem Duzfreund mit einer Million Mark unter die Arme gegriffen. Helmut Kohl schreibt in einem Nachruf in der Freitagsausgabe der "Bild"-Zeitung: "Ich habe, wir haben einen wirklichen Freund verloren - einen, der einfach und immer da war, in guten Zeiten, aber auch in schwierigen Zeiten, wenn es mir, wenn es uns einmal nicht so gut ging."

Obwohl seine Gesundheit Kirch mit zunehmendem Alter sichtliche Probleme bereitete - schon in den 60er-Jahren hatte er eine Schockdiabetes erlitten, nachdem seine Frau und sein Sohn bei einem Autounfall schwer verletzt wurden -, gönnte er sich selbst nach der Insolvenz seines Konzerns keine Ruhe. Im festen Glauben daran, dass Ex-Deutsche-Bank-Chef Rolf-E. Breuer die Pleite mitverschuldet habe, indem er 2002 die Kreditwürdigkeit Kirchs öffentlich angezweifelt hatte, führte der Manager einen Feldzug gegen das größte deutsche Finanzinstitut vor Gericht. 2007 landete er seinen letzten Überraschungscoup, indem er ankündigte, fortan die Fernsehrechte der Bundesliga zu vermarkten - wozu es nach dem Einspruch des Kartellamts jedoch nicht mehr kam.

Seit Jahren schon war Kirch fast blind, der Körper von Diabetes gezeichnet, ein Fuß war ihm amputiert worden. Jeder andere hätte sein Geld genommen und sich am Abend eines erfolgreichen Lebens zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn dem Müßiggang hingegeben. Kirch tat dies nicht. Fast jeden Tag noch kam er in sein Münchner Büro, im Rollstuhl saß er an seinem Schreibtisch, ließ sich die Zeitung vorlesen, Geschäftsstrategien vorstellen, vollzog Entscheidungen nach, gab Tipps, dachte mit.

Noch im März 2011 ließ er es sich nicht nehmen, persönlich vor Gericht zu erscheinen, um gegen Rolf-E. Breuer auszusagen. Zwar versagte ihm die Stimme, doch Kirch lächelte und ließ seine Einlassungen von einer Vorleserin vortragen, kämpfte für seine Ziele, wie er es zeit seines Lebens getan hatte. Am Donnerstag nun starb Leo Kirch, nach 84 Jahren hat er seine letzte Ruhe gefunden.

"Ich wollte aus einem kleinen Kern organisatorisch etwas entwickeln, statt mein Geld für Frauen, Yachten oder Immobilien zu verpulvern"

Leo Kirch