Finanzen

Krise in Euroland: Was wird aus unserem Geld?

Selten agierten Politiker in Europa so hilflos. Dadurch bröckelt das Vertrauen in den Euro. Seit Ausbruch der Griechenland-Krise Anfang 2010 wurde auf Sondergipfeln bis spät in die Nacht getagt, wurden milliardenschwere Garantieversprechen abgegeben, Hilfspakete für Griechenland, Irland und Portugal geschnürt. Doch Europa findet kein Medikament gegen die Krise.

Plötzlich ist Italien neues Sorgenkind, senken Rating-Agenturen über Irland und Griechenland schon wieder die Daumen. Millionen sind in Sorge um ihr Erspartes. Horrorszenarien kursieren, Pessimisten sprechen von Mega-Inflation und möglicher Währungsreform. Wie sicher ist das Geld noch? Die Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen.

* Erst Griechenland, Irland und Portugal - jetzt Italien und bald Spanien? Von wo gehen die größten Gefahren aus?

Griechenland gilt als pleite. Keiner geht mehr davon aus, dass das Land seinen gigantischen Schuldenberg von mehr als 350 Milliarden Euro jemals aus eigener Kraft wird abtragen können. Die Hellenen sind der Staat mit der schwächsten Wirtschaftskraft in Euro-Land. Tourismus, Landwirtschaft, Reedereien - sonst ist da nicht viel. "Ein hoch verschuldetes Land ohne konkurrenzfähige Wirtschaft - diese Kombination stellt die schlimmste Gefahr dar", sagt Sirk Möllmann, Analyst der Sparda Bank Berlin. Aus seiner Sicht steht kein anderes Land der Euro-Zone so schlecht da. Irland sieht er als zweitschlechtesten Schuldnerstaat, gefolgt von Portugal. Italien hingegen halten Experten für überhaupt nicht vergleichbar. Der weltgrößte Staatsanleihen-Investor, die Allianztochter Pimco, hat das vor wenigen Tagen deutlich gemacht und Papiere des italienischen Staats gekauft. "Italien sitzt nicht im gleichen Boot wie die Peripherie-Staaten", sagte Pimco-Manager Andrew Bosomworth. Diese Aussage des mächtigen Investors ist für Italien wertvoller als alle Bekundungen von Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und Co.

* Was genau bedeutet Schuldenschnitt?

Nichts anderes als dass ein Land die Kredite, die es aufgenommen hat, nicht vollständig zurückzahlt, ähnlich wie in der Privatwirtschaft. Ein überschuldetes Unternehmen trachtet auch danach, Gläubiger zu einem Verzicht auf Forderungen zu bewegen. Für Griechenland deutet sich diese Lösung nun an: Mit Geld aus dem EU-Rettungsfond ESFS soll das Land eigene Anleihen zurückkaufen, verlautete gestern, mit einem Abschlag von 50 Prozent auf den Nominalwert. Das ist nichts anderes als ein Schuldenschnitt. Investoren, beispielsweise Banken und Versicherungen, erwarten schon lange einen Schuldenschnitt. Griechenland-Papiere wurden im Wert abgeschrieben und stellen wohl nur noch selten wirklich eine Gefahr für die Bankbilanzen dar. Auch Commerzbank-Chef Martin Blessing forderte einen Schuldenschnitt für Griechenland. Da er ein wichtiger Bankmanager in Europa ist, kann man davon ausgehen, dass die Äußerung nicht unbedacht war.

* Deutschland muss für die Schuldnerstaaten einstehen. Was heißt das für uns?

Allein für den ab 2013 geplanten Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) soll Deutschland Garantien in Höhe von 168 Milliarden Euro abgeben. Hinzu kommen Milliardenbeteiligungen an den schon überwiesenen Tranchen für Griechenland und Co. Für die Hellenen flossen aus Berlin rund 22 Milliarden Euro. Das wird alles noch viel teurer, und dieses Geld fehlt hierzulande: für die Sanierung der eigenen Staatsfinanzen, für Investitionen in Infrastruktur und Bildung, kurz für jede klassische Staatsaufgabe der nächsten Jahre. Es bleibt somit kaum Hoffnung und Raum für Steuererleichterungen. Da keiner weiß, wie teuer die Euro-Krise noch wird, wackelt mittelfristig auch die Top-Bewertung ("AAA" - praktisch kein Ausfallrisiko für Staatsanleihen), das Deutschland derzeit noch bei den Rating-Agenturen genießt.

* Bedroht die Euro-Krise den Aufschwung in Deutschland?

Zwar boomt die deutsche Wirtschaft derzeit wie keine zweite in der Euro-Zone. Doch das Misstrauen in das Krisenmanagement der EU und die andauernde Sorge um die Gemeinschaftswährung sind natürlich ein großes Risiko für die Konjunktur. Dieses Jahr wird es noch gut gehen. Die Auftragsbücher sind voll und werden abgearbeitet. Doch manchmal reicht ein kleiner Auslöser, und die Zuversicht schwindet. Zumal auch in China Risiken durch hohe Inflation drohen und Amerika angeschlagen ist. Die ganze Weltwirtschaft ist ein fragiles Gebilde. Breitet sich Misstrauen aus, wird nicht mehr bestellt. Aufträge bleiben aus, Firmen unterlassen Investitionen und verlieren ihren Mut. Bislang hat die Euro-Krise das nicht vermocht. Noch nicht.

* Staaten türmen gewaltige Schulden auf. Droht Inflation?

Geldentwertung gibt es bereits. Im Juni lagen die Preise im Jahresvergleich um 2,3 Prozent höher. Für verschuldete Staaten hat eine hohe Inflation durchaus ihren Reiz - mindert es doch den Wert der Verbindlichkeiten. Sparda-Bank-Analyst Möllmann glaubt allerdings nicht an eine dauerhaft hohe Inflation. "Regierungen können keine Inflationsrate einfach so beschließen", gibt er zu bedenken. Inflation entstehe aus dem Wirken aller Beteiligten in einer Volkswirtschaft. Gemeinhin führen steigende Löhne zu steigenden Preisen. "Wenn das passiert, wird die Europäische Zentralbank gegensteuern", so Möllmann. Die EZB hat bereits die Zinsen hochgesetzt und weitere Erhöhungen angedeutet.

* Was müssen Sparer jetzt tun?

Anleger sind derzeit in der Zwickmühle. Die Sparzinsen sind im Keller, auch wenn sie nach der jüngsten Zinserhöhung der EZB wieder etwas gestiegen sind. Doch nur wenige Tagesgeld-Angebote toppen derzeit die Inflationsrate von aktuell 2,3 Prozent. Bedeutet: Viele Sparer verlieren real Kaufkraft. Sparda-Bank-Mann Möllmann warnt vor vorschnellem Umschichten. Sein Ratschlag: Das Geld möglichst breit streuen. Aber wohin? Von europäischen Aktienfonds rät Möllmann eher ab, wie im Übrigen auch viele andere Experten. "Breit" legt man sein Geld mit Aktienfonds an, die weltweit orientiert sind. Dazu rät Möllmann und zu "ausgewählten Fonds aus Schwellenländern". Wer in Sachen Euro besonders pessimistisch ist, sollte sich ohnehin nach Anlagen außerhalb des Euro-Raums erkundigen. In den sogenannten sicheren Häfen wird in Schweizer Franken, norwegischen Kronen und kanadischen Dollar gehandelt. Allerdings: Da die Krise schon eine Weile schwelt, hat der Euro gegenüber diesen Währungen deutlich abgewertet. Bedeutet: Es ist schon teuer geworden.

* Schützt man sich nicht am besten mit Sachwerten wie Immobilien?

Aktien gelten auch als Sachwerte, da man sich mit ihnen an Unternehmen beteiligt. Immobilien sind jedoch der Klassiker: Sicherheit in den eigenen vier Wänden oder regelmäßige Mieteinnahmen aus einem Objekt, das man besitzt. Viele Immobilien haben sich im Wert erhöht, Berliner wissen das. "Auf Basis der Schuldenkrise würde ich kein Haus kaufen, auf Basis der immer noch niedrigen Zinsen schon", sagt Möllmann. Die Zinsen liegen - trotz der jüngsten Erhöhung durch die EZB - immer noch auf einem fast historischen Tief. Angst vor drohender Geldentwertung und relativ geringe Finanzierungskosten machen die Immobilie derzeit zum attraktiven Investment.

* Geht am Ende doch nichts über Gold als krisensichere Investition?

Wer dem Papiergeld misstraut, nimmt das Edelmetall. So war das schon immer. Erst gestern erreichte Gold einen neuen Höchststand mit 1578,50 Dollar je Feinunze (31 Gramm). Am Goldkurs lässt sich das Misstrauen gegen eine Währung vortrefflich ablesen. Demnach ist es um Dollar und Euro nicht gut bestellt. Die Einwände gegen Gold als Wertanlage sind bekannt: Es wirft keinerlei Erträge ab, zudem steigt der Goldkurs seit Jahren, nicht wenige reden von einer Spekulationsblase. Allerdings hat die Liebe zum Gold einen nachvollziehbaren Grund, wenn man das schlechte Krisenmanagement der EU im Umgang mit dem Euro betrachtet. Und im Zehnjahresvergleich hat Gold seit 2001 um rund 500 Prozent zugelegt, der Dax im selben Zeitraum nur etwa 15 Prozent. Eine Gewähr für die Zukunft ist das allerdings nicht. Zudem ist die Frage, wie genau man in Gold investiert, entscheidend. Ein Fonds oder Zertifikat ist zwar problemlos zu erwerben. Doch wenn es wirklich düster wird, wer garantiert einem dann das Edelmetall? Goldbarren sind schwer und unpraktisch. Wo aufbewahren? Trotzdem sehen einflussreiche Investoren wie Markus Steinbeis, Manager der Anlagegesellschaft Pioneer, Gold noch längst nicht ausgereizt.