Interview

"Energieschub für die ganze Stadt"

Wenn man bezüglich der Firmengründungen durch Migranten deutschlandweit von einem Aufwärtstrend spricht, dann muss man in Berlin wohl von einem Boom reden. So sieht es jedenfalls die Senatsverwaltung für Wirtschaft. Demnach gab es im Jahr 2000 noch 2987 Gewerbegründungen durch nicht deutsche Gründerinnen oder Gründer.

In den darauffolgenden Jahren stieg die Zahl kontinuierlich an und lag 2008 dann bei 9394 Gründungen. Diesen Trend belegt auch der Bericht "Internationale Wirtschaft in Berlin", den die Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) im vergangenen Jahr vorgelegt hat. Fazit: Rund 90 Prozent der ausländischen Unternehmen wurden erst in den letzten Jahren gegründet. Thomas Letz ist Referent für Wirtschaftspolitik bei der IHK. Mit ihm sprach Christine Kensche.

Berliner Morgenpost: Herr Letz, immer mehr Migranten gründen Unternehmen. Wie wichtig sind sie für die Berliner Wirtschaft?

Thomas Letz: Im vergangenen Jahr betrug der Anteil von Unternehmern mit Migrationshintergrund in der Industrie- und Handelskammer 15,2 Prozent. Die Existenzgründungen von Migranten haben enorm an Bedeutung gewonnen. Und das nicht nur in blanken Zahlen. Der Aufstiegswille von Zuwanderern ist auch ein Energieschub für die ganze Stadt.

Berliner Morgenpost: Ein gängiges Vorurteil ist, dass es sich bei den Unternehmen hauptsächlich um Gemüseläden handelt. Stimmt das?

Thomas Letz: Nein, das können wir nicht bestätigen. Natürlich spielt der Dienstleistungssektor für Berlin eine große Rolle, das aber generell. Das lässt sich nicht an einer Bevölkerungsgruppe festmachen. Kleine Firmen und Läden sind hier ohnehin stärker vertreten als in anderen Bundesländern. Unternehmer ausländischer Herkunft sind in der Industrie und in der Gastronomie sogar stärker vertreten als der Berliner Durchschnitt.

Berliner Morgenpost: Welche Vorteile kann der Migrationshintergrund für einen Unternehmer bedeuten?

Thomas Letz: Zuerst natürlich die Mehrsprachigkeit. Damit einhergehend aber auch die Fähigkeit, sich in einer neuen Umgebung einzuleben und sich schnell anzupassen. In der Wirtschaft arbeitet man oft mit unterschiedlichen Menschen zusammen. Die interkulturelle Kompetenz bringen Migranten schon mit.

Berliner Morgenpost: Das klingt gut. Aber welche Schwierigkeiten haben Zuwanderer?

Thomas Letz: Wenn Migranten Unternehmen gründen wollen, dann haben sie eigentlich die gleichen Schwierigkeiten wie jeder deutsche Existenzgründer auch. Das sind vor allem fehlende Kenntnisse bei der Finanzierung oder beim Erstellen eines Businessplanes. Spezielle Probleme von Migranten bei der Unternehmensgründung sind mir nicht bekannt.

Berliner Morgenpost: Rund 90 Prozent der ausländischen Unternehmen wurden in den letzten Jahren gegründet. Wird dieser Boom in Berlin auch in den nächsten Jahren anhalten?

Thomas Letz: Die Entwicklung der vergangenen Jahre ist kaum zu übertreffen. Wir sind aber optimistisch, dass Berlin weiter Gründerhauptstadt bleiben wird und die Migranten daran einen bedeutenden Anteil haben werden.