Ausblick

Welche Zukunft hat der Euro? Vier Szenarien

Szenario 1 - Chaos wie bisher: Läuft die Griechenland-Rettung weiter wie geplant, wiederholt sich das Prozedere der vergangenen Wochen: Griechenland muss nachweisen, dass es Fortschritte bei der Konsolidierung seiner Staatsfinanzen macht, die Europäische Union überweist eine weitere Tranche aus dem Hilfspaket, und der Internationale Währungsfonds (IWF) schießt seinen Anteil zu.

Der Kampf gegen das Haushaltschaos wird für die Griechen auf diese Weise auch in den kommenden Monaten hart bleiben: Steigende Arbeitslosigkeit, schwaches Wirtschaftswachstum und anhaltende soziale Spannungen sind erwartbar. Die griechische Regierung muss dabei nicht nur ihren Haushalt radikal zusammenstreichen, sondern auch große Teile der Volkswirtschaft privatisieren. Die Geberländer und die Märkte werden die Nachhaltigkeit der griechischen Politik auch daran messen, ob es Athen gelingt, die verkrusteten Staatsunternehmen zu verkaufen. Ökonomen zweifeln daran bereits, denn der Einfluss der Gewerkschaften in den Unternehmen ist groß, und die Staatsunternehmen stehen für einen großen Teil der Volkswirtschaft.

Für die übrigen Euro-Länder und die Finanzmärkte bedeutet eine Fortsetzung der bisherigen Strategie, dass es immer wieder zu Zitterpartien wie in den vergangenen Wochen kommen wird. In dieser Zeit werden auch die Diskussionen über Lösungen für die Euro-Krise weiter anhalten. Denn die aktuelle Entwicklung zeigt: Trotz Rettungsschirmen und Konsolidierungsprogrammen bleiben die Finanzmärkte nervös.

Szenario 2 - Der Rettungsschirm wird verdoppelt: In der Europäischen Zentralbank (EZB) wird diskutiert, den bestehenden Rettungsschirm für strauchelnde Euro-Länder deutlich aufzustocken. Bisher stehen 700 Milliarden Euro bereit, um Krisenländer abzuschirmen; jetzt ist die Rede davon, den Schirm sogar auf mehr als 1,5 Billionen Euro auszuweiten - also 1500 Milliarden Euro. Mit dem Geld soll eine Schutzmauer um die italienische Volkswirtschaft gebaut werden, denn europäische Politiker und Notenbanker fürchten, dass die Schuldenkrise auf Italien übergreift. Deshalb der Plan für einen gewaltigen Rettungsschirm: Er soll bei Bürgern, Unternehmen und auf den Finanzmärkten Vertrauen schaffen und Investoren signalisieren, dass es sinnlos ist, gegen Italien zu spekulieren. Dahinter steht die Hoffnung, dass die psychologische Wirkung so groß ist, dass Europas Politiker das Geld niemals ausgeben müssen. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass die Politik einen solch gewaltigen Rettungsschirm jemals aufspannen kann. Die Bundesregierung hat einer Ausweitung bereits eine Absage erteilt, und gegen Berlin lässt sich solch ein Vorhaben nicht durchsetzen.

Szenario 3 - Griechenland schuldet um: Sollte Griechenland seine Schulden nicht komplett zurückzahlen und seine Gläubiger an der Sanierung der Staatsfinanzen beteiligen, ist eine ungeordnete Staatspleite wahrscheinlich. Denn für eine geplante Insolvenz, bei der sich das Land mit Gläubigern vorab berät und beide Seiten Konditionen für die Umschuldung vereinbaren, ist das Klima zu aufgeheizt, sind die Märkte zu nervös. Eine Umschuldung wäre deshalb vermutlich ungeordnet; die Folgen für das Bankensystem wären dramatisch. "Eine Insolvenz hätte gewaltigere Folgen als der Zusammenbruch von Lehman Brothers", sagt Henrik Enderlein, Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. Im ganzen europäischen Finanzsystem würde es zu Verwerfungen kommen. Deutsche und französische Banken halten ebenfalls griechische Anleihen; wenn die notwendigen Abschreibungen das Eigenkapital dieser Banken stark reduzieren sollten, müssten die nationalen Regierungen die Banken stützen. Anleger würden gleichzeitig danach fragen, ob Portugal, Irland, Spanien und unter Umständen auch Italien ihre Schulden bedienen können. Investoren würden die Staatsanleihen dieser Länder verkaufen, und die Kurse der Anleihen würden abstürzen - eine Panik-Situation.

Szenario 4 - Die Euro-Zone bricht auseinander: Eine Rückkehr zur Drachme, zum Escudo und zur Peseta könnte die Exportindustrien der Schuldenländer international konkurrenzfähiger machen, weil sie ihre Währungen abwerten und ihre Güter so im Ausland billiger machen könnten. Der Preis dafür wäre aber hoch. Denn eine Rückkehr zu nationalen Währungen würde bedeuten, dass die Euro-Zone auseinanderbricht. Deutschland würde in diesem Fall die D-Mark wieder einführen oder - und das ist die wahrscheinlicherer Variante - eine kleinere Währungsunion mitbegründen. Der neue Währungsraum könnte aus den Euro-Staaten mit der höchsten Bonitätsbewertung "AAA" bestehen: Deutschland, Frankreich, Finnland, Österreich und den Niederlanden. Die neue Währung hätte das Vertrauen der Märkte. Das brächte Deutschland Vor- und Nachteile: Die Zinsen für den Staat, für Unternehmen und für Verbraucher wären niedriger als heute. Die Währung würde aber vermutlich gegenüber dem Dollar und anderen großen Währungen aufwerten, und das würde deutsche Güter im Ausland teurer machen. Für die exportabhängige Industrie wäre das Gift. Die Staaten in Südeuropa mit ihren eigenen Währungen würden hingegen zurückfallen in die Zeit vor der Einführung des Euro: Hohe Zinsen und hohe Inflation wären an der Tagesordnung, und die Länder würden sich einen Abwertungswettlauf liefern. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Griechenland und andere hoch verschuldete Länder zu diesem Schritt entschließen, gering.