Berliner Spaziergang

Die Spielwütige

Die Feldjäger sind eigentlich nicht zu übersehen. Zwölf Männer in Uniformen, ihre Motorräder in Reih und Glied, ein Hingucker sollte man meinen. Sabine Lisicki läuft einfach an ihnen vorbei. Kein Blick links, keiner rechts, sie wirkt so fokussiert, als stünde sie auf dem Tennisplatz. Sie trägt Weiß, von Kopf bis Fuß, genau wie in Wimbledon, wo sie vor zehn Tagen im Halbfinale stand, als erste deutsche Tennisspielerin seit Steffi Graf vor zwölf Jahren.

Seither hat sie enorm viel Medienaufmerksamkeit bekommen - auch im Ausland, wo seit Jahren kaum jemand Notiz vom deutschen Tennis nimmt. In Großbritannien adelte man sie in Anlehnung an den jüngsten Wimbledon-Sieger aller Zeiten mit den Spitznamen "Doris Becker" und "Boom Boom Bine", in den deutschen Tageszeitungen lief sie an zwei Tagen sogar der Fußball-Nationalmannschaft der Frauen den Rang ab. Allein heute hat sie mit der "Gala" gesprochen, mit dem "Spiegel" und der "B.Z.", gestern war die "Bunte" dran, morgen gibt es ein großes Shooting mit der "Vogue", fünf Stunden lang. "Wir können gar nicht alle Anfragen berücksichtigen", sagt ihr Manager. Sabine Lisicki sagt, dass ihr das nichts ausmache. Sie stehe eigentlich ganz gern im Rampenlicht. Sie ist 21 und wirkt, als mache sie das alles schon seit 21 Jahren.

Nur noch mal zur Erinnerung: Die Berlinerin hat das wichtigste Turnier der Welt nicht gewonnen, sie stand auch nicht im Finale. Sie hat im Halbfinale in zwei Sätzen 4:6 und 3:6 gegen die Russin Maria Scharapowa verloren. Im Moment hat sie nicht einmal einen Ausrüster, der ihr Tenniskleidung sponsert. Sie ist kein Star. Aber Deutschland hätte nun mal endlich wieder gern einen. Man muss das verstehen. Die Lücke, die Steffi Graf nach ihrem Rücktritt 1999 hinterlassen hat, ist riesig. Sabine Lisicki ist nicht die Erste, die sie füllen soll.

Sie strahlt - pausenlos

Vom Hotel "InterContinental" an der Budapester Straße biegen wir links ab Richtung Neuer See, vorbei an einem Hof voller Mülltonnen und viel Grün. Wirklich ausgesucht hat sie sich diesen Ort nicht, ihr Management hat alle Medien ins Hotel gebeten, sie hat eben kaum Zeit dieser Tage. Wir gehen sehr langsam, vielleicht spart sie sich die Energie eher für den Platz auf. Fragt man Sabine Lisicki, welchen Weg sie einschlagen möchte, zuckt sie mit den Schultern. Und lächelt. Nein, so abgedroschen es auch klingt: Sie strahlt. Pausenlos eigentlich. Sie strahlt die Frage einfach weg. Es ist schwierig, woanders hinzuschauen als auf ihren Mund, der sich permanent bewegt, selbst wenn er geschlossen ist - als könne sie heimlich mit ihren Zähnen jonglieren. Sie kann einen damit schon ein bisschen aus der Fassung bringen.

Das Wasser im Landwehrkanal bewegt sich nicht, die Blätter und Äste auch nicht, es ist brüllend heiß. Kaum jemand kommt uns entgegen und wenn doch, sehen sie nicht auf, trotten vorbei, schnell weg aus der erbarmungslosen Sonne. Wir stehen jetzt unter einer Brücke. An dieser Stelle wurde Rosa Luxemburg erschossen und ins Wasser geworfen, man könnte innehalten, aber wir wissen davon beide nichts in diesem Moment.

Wir sprechen über Einsamkeit. Als Tennisspielerin ist man - außer beim Doppel - schließlich immer allein. Frau gegen Frau, das macht ja auch den Reiz dieses Sports aus. Man kann sich nicht zurückfallen lassen wie beim Fußball. Immer auf sich selbst angewiesen sein, in schwierigen Momenten niemanden neben sich zu wissen, der einen da rausholt, das muss doch einsam machen. Sabine Lisicki sagt, sie habe das nie so empfunden. Sie lässt das kurz stehen und sagt dann einen Satz, den sie bei diesem Spaziergang oft wiederholen wird: "Ich liebe den Sport ja, ich habe ihn immer geliebt." Es ist ihre Erklärung für alles.

Für die Schinderei, fünf Stunden Training jeden Tag. Für das Herumreisen in der Welt, 35 Wochen und mehr im Jahr, ständig weit weg von zu Hause. Für die Niederlagen, nach denen sie wieder aufgestanden ist, und die Verletzungen, die sie überwunden hat. Für die Opfer, die sie brachte, als sie mit 14 im Camp des legendären Tennislehrers Nick Bollettieri in Florida gegen Ballmaschinen spielte, während ihre Freundinnen daheim Urlaub machten. "Ich liebe den Sport ja, ich habe ihn immer geliebt." Bei vielen anderen würde das kitschig klingen, bei Sabine Lisicki kommen die Worte mit so viel Nachdruck, so pur und unverstellt, dass man selbst kurz glaubt, dass es da draußen in der Welt nichts Schöneres gibt als Tennis.

Sabine Lisicki hat mit sieben Jahren angefangen, Tennis zu spielen. Das ist nicht besonders früh, die meisten Profis haben schon mit vier begonnen. Da ihr Vater auch ihr Trainer ist, heißt es immer, er habe ihr den Schläger in die Hand gedrückt - so war es bei Steffi Graf. Aber das stimme nicht, sagt Lisicki. "Er hat das ganz bewusst nicht gemacht, weil er mich nicht beeinflussen wollte. Ich habe eigentlich aus Langeweile angefangen." Beide Eltern arbeiteten damals in einem Tenniszentrum nahe Bonn, wo Lisicki aufwuchs, bevor sie des Sports wegen nach Berlin zog. "Ich war immer ganz schnell mit meinen Hausaufgaben fertig, und dann musste ich ja irgendwas machen." Also Tennis. So einfach.

Schon in den ersten Jahren fuhr sie einen Turniersieg nach dem nächsten ein, mit 13 durfte sie mit einer Sondergenehmigung des Deutschen Tennis-Bunds (DTB) für die Frauenmannschaft des LTTC Rot-Weiß Berlin in der Regionalliga antreten. Sie gewann dort jedes Spiel, weil sie damals schon härter aufschlug als die Erwachsenen. Heute schlägt sie härter auf als viele Männer. Inoffiziell hält sie in der Damenwelt sogar den Weltrekord für den härtesten Aufschlag aller Zeiten - 210 Stundenkilometer.

Aber Sabine Lisicki auf ihren Aufschlag zu reduzieren wäre unfair. Sie spielt sehr druckvoll und präzise von der Grundlinie, und vor allem besitzt sie etwas, das den meisten jungen Spielerinnen auf der Tour fehlt: Nervenstärke. Sie hat keine Angst vor großen Namen - und keine vor brenzligen Situationen. In Wimbledon hat sie das gleich mehrfach bewiesen. Wie sie gegen Marion Bartoli im Viertelfinale den Frust über drei vergebene Matchbälle bei eigenem Aufschlag wegsteckte und nach verlorenem Satz das Spiel noch gewann, das hatte Größe. Zudem arbeitet sie unheimlich hart an sich, das sagen alle, auch sie selbst. Nick Bollettieri, der nicht gerade bekannt dafür ist, große Komplimente zu verteilen, hat einmal über sie gesagt: "Es gibt Momente, die man mehr genießt als andere. Dazu gehören Trainingsstunden mit Spielerinnen, die eine außergewöhnliche Einstellung zu diesem Sport haben." Sie liebt den Sport eben, sie hat ihn ja immer geliebt.

Wir laufen hoch zur Brücke, plötzlich dreht Lisicki ihren Kopf weg, duckt sich. Drei Hummeln schwirren um sie herum. Sie kiekst kurz wie ein kleines Mädchen, dann hat sie sich sofort wieder gefangen. Man merkt, dass sie es nicht mag, die Kontrolle zu verlieren. Das ist ihr in ihrer Karriere wohl einmal zu oft passiert. Mit 16 erlitt sie einen Ermüdungsbruch, der sie monatelang zur Pause zwang. Dann 2009, als sie sich gerade in der Weltspitze etablierte, machte erst ihre Schulter schlapp, wenig später knickte sie bei den US Open böse um. Wieder kämpfte sie sich zurück, verletzte sich in Indian Wells erneut und musste fast die ganze Saison 2010 pausieren. In der Weltrangliste fiel sie auf Platz 215 zurück. "Verletzungen gehören dazu. Ich war immer davon überzeugt, dass ich zurückkommen kann. Es ist schön, dass sich die harte Arbeit endlich auszahlt." Es ist schon erstaunlich, wie wenig Gram in ihrer Stimme liegt, aber in den vergangenen Wochen lief es ja auch einfach super, nicht nur in Wimbledon. Vor vier Wochen hat sie das Turnier in Birmingham gewonnen. Und seit dieser Woche ist sie zurück in den Top 30. "Ich genieße es einfach, wieder Tennis spielen zu können. Ich bin stärker zurückgekommen. Angst gibt es da nicht." Sie wirkt unbeschwert, sorglos, locker. Seit zweieinhalb Jahren lebt Sabine Lisicki in Florida. Ihr Charakter hat eine große Portion Amerika abbekommen.

Deshalb ist es aber auch nicht ganz einfach, mit ihr wirklich ein Gespräch zu führen. Schnelle Frage, schnelle Antwort, lange Frage, schnelle Antwort, Stichwort, schnelle Antwort. Sie ist nicht genervt, sie macht bloß nicht viele Worte. Und die meisten Sätze klingen so, als habe sie sie schon hundert Mal gesagt. Wahrscheinlich hat sie das auch. Über Privates redet sie nicht gern, aber wer will ihr das schon vorwerfen? Sie will halt bloß spielen.

Wir sind jetzt am Neuen See, Fotograf Martin Lengemann macht seine Bilder, er muss ihr nicht groß sagen, wie sie schauen soll. Sie weiß das selbst. Sabine Lisicki ist hübsch, die blond gefärbten Haare hängen ihr weit bis auf den Rücken, auf dem Tennisplatz trägt sie meist einen geflochtenen Zopf, der dann rumwedelt wie eine Fahne im Wind. Das Shooting dauert nur ein paar Minuten, dann laufen wir schon wieder zurück zum Hotel, sie wird gleich abgeholt. Am Abend will sie noch zur Hugo-Boss-Show auf der Fashion Week. Sie mag Mode.

Sie schläft in ihrem Kinderbett

Sabine Lisicki wird noch ein bisschen in Berlin bleiben, bevor es zurück auf die Tour geht, zurück in die USA, wo sie bis Ende August fünf Turniere spielen wird, zum Schluss die US Open in New York. Jetzt will sie aber erst mal ein paar Tage lang kein Tennis spielen, sich mit ihren alten Freunden treffen, von denen kaum einer was mit Sport zu tun hat. "Ich liebe es einfach, nach Berlin zurückzukommen." Ihre Berliner Freunde seien die, die bleiben. Jene, die für sie da waren, als sie verletzt war, und die es auch jetzt sind, wo es gut läuft. Sie gehen dann Eis essen oder Kaffee trinken oder ins Kino, was Freunde halt so machen. Nur nicht feiern, "das war nie so meins".

Abends fährt Sabine Lisicki nach Hohenschönhausen zurück, wo ihre Eltern noch immer die Wohnung von früher haben. Sie schläft dann in ihrem Kinderzimmer, in dem noch das Bett steht, das sie schon hatte, als sie zum ersten Mal für den LTTC Rot-Weiß spielte. In einer Vitrine bewahrt sie ihre Pokale auf, ansonsten gibt es da nicht viel. An den Wänden hängen keine Poster, davon habe sie nie etwas gehalten. Sie ist keine Nacheiferin, sie macht lieber selbst. "Ich will die Nummer eins werden." Diesen Satz sagt sie oft, sie hat ihn schon als Teenager gesagt. Damals hielt man sie noch für übermütig. Jetzt scheint das Ziel zum ersten Mal wirklich realistisch.

Wir sind jetzt fast wieder am Hotel, reden über ihre Mutter und ihren Vater. Sie ist 21 Jahre alt, und bei fast allem, was sie tut, sind ihre Eltern dabei. Man müsste denken, dass das auch mal nervt, dass sich eine junge Frau abnabeln will, aber Sabine Lisicki sagt: "Das ist die beste Unterstützung, die es geben kann. So fehlt mir nichts, wenn ich unterwegs bin. Meine Heimat reist immer mit." Deswegen sei sie auch so glücklich. Wieder so ein Satz, der bei anderen kitschig klingen würde. Bei ihr hört sich das alles bloß folgerichtig an.

So ganz wollen der Mensch, der auf dem Tennisplatz steht, und der, mit dem ich am Wasser entlanggehe, nicht zusammenpassen. Dort Dynamik, Schlagkraft, Power, hier: Zurückhaltung, Freundlichkeit, Gemächlichkeit. Aber vielleicht ist gerade diese Ausgeglichenheit ihre Stärke. Und ihre Freude am Spiel. Es gibt ein Video von dem Halbfinalspiel gegen Maria Scharapowa. Sie hat den ersten Satz verloren und liegt im zweiten 2:5 hinten, die Situation ist also ziemlich hoffnungslos. Die Russin schlägt auf, Lisicki kontert mit einer fantastischen Rückhand und holt den Punkt. Es ist kein wichtiger Punkt. Er hat sie auch nicht zurück ins Spiel gebracht - und doch strahlt sie, als habe all das Glück der Welt gerade in dem kleinen gelben Ball gelegen.

Wahrscheinlich ist es so einfach, wie sie immer sagt: "Ich liebe den Sport ja, ich habe ihn immer geliebt."