Präimplantationsdiagnostik

Soll der Bundestag heute die PID erlauben?

JA . Denn die Gendiagnostik kann verzweifelten Menschen helfen. Ein Verbot leistet nur inhumanen Methoden Vorschub

Ich hatte gerade mein erstes Kind bekommen, da lernte ich beim Spazierengehen mit dem Kinderwagen auf einem ruhigen Friedhofsweg in Berlin eine andere junge Mutter kennen. Aus dem ersten Kontakt wuchs eine Freundschaft heran. Gerade einmal vier Tage lag die Geburt unserer beiden Mädchen auseinander, und über das, was wir mit unseren Kindern erleben wollten, waren wir uns ziemlich einig.

Doch es kam anders. Während meine Tochter geradezu lehrbuchmäßig trank, ihr Köpfchen hob und später unter Einsatz ihres ganzen Körpers die Welt zu erkunden versuchte, wollte ihre Tochter das anscheinend nicht. Nein: Sie konnte es nicht. Das stellte sich nach langem Abwarten und unzähligen medizinischen Untersuchungen heraus. Die Eltern erfuhren, dass ihr Mädchen an Muskelschwund in seiner schwersten Form litt. Ich werde nie vergessen, wie meine Freundin mir erzählte, dass ihr Baby eine "eingeschränkte Lebenserwartung" habe, wie es im Medizinerdeutsch heißt. Den ersten Geburtstag, so die Prognose der Ärzte, werde es nicht erleben.

Das Schicksal dieser Familie ist gar nicht so selten. Es gibt viele Eltern, deren Kinder an schweren erblichen Erkrankungen leiden. Auch die Mukoviszidose gehört dazu. Es gibt auch viele Mütter, die mehrere Fehlgeburten hinter sich haben, die auf genetisch bedingte Krankheiten zurückzuführen sind. Für genau solche Menschen ist die Präimplantationsdiagnostik, kurz: PID, gedacht. Sie ist für sie ein Weg, gesunden Nachwuchs zu bekommen. Ganz nebenbei: Es ist kein leichter Weg. Er ist verbunden mit großem Aufwand, hohen Kosten und zahlreichen medizinischen Behandlungen. Mit dem verbreiteten Vorurteil, bei der PID gehe es um das Erzeugen von "Designerbabys", hat das alles nichts zu tun.

Natürlich kann die PID - wie so ziemlich alles auf der Welt - missbraucht werden. Doch was bewirkt ein Verbot? Es kurbelt doch nur den Medizintourismus in Länder an, in denen die PID uneingeschränkt und unkontrolliert erlaubt ist. Daneben fördert es Alternativen, die mir sämtlich inhuman erscheinen. So können betroffene Paare während der Schwangerschaft eine vorgeburtliche Untersuchung vornehmen lassen und sich im Krankheitsfall des Kindes für eine Abtreibung entscheiden. Ist so eine "Schwangerschaft auf Probe" nicht viel schlimmer, als wenn Mediziner einen Vierzeller im Reagenzglas absterben lassen? Die Paare können sich auch entscheiden, auf Kinder beziehungsweise weitere Kinder zu verzichten. Das ist eine Entscheidung mit ungeheurer Tragweite, die privat ist und Größe verlangt. Solche Entscheidungen darf der Staat nicht abverlangen. Schließlich können die Paare das Risiko einer Schwangerschaft ohne Untersuchungen eingehen - und müssen mit der Geburt eines (weiteren) schwer kranken, womöglich todgeweihten Kindes rechnen.

Was wohl meine Freundin dazu sagen würde? Eine Zeitlang hatte sich der enge Kontakt zu ihr gelockert. Die motorischen Fähigkeiten ihrer Tochter nahmen von Monat zu Monat ab, sie war permanent auf medizinische Apparaturen und die beiden schließlich auf eine Rund-um-die-Uhr-Unterstützung durch Pflegepersonal angewiesen. Nur in seltenen Momenten konnte meine Freundin die Wohnung verlassen, unbekümmert war sie dabei nie. Ständig musste sie etwas recherchieren oder organisieren, um ihrer Tochter das absehbar kurze Leben zu erleichtern - und hörte dabei Aussagen wie zum Beispiel die ihrer Krankenkassenbetreuerin, dass ein neues Korsett für die Kleine doch gar nicht mehr lohne. Und da war ich mit meiner Tochter, die immer mobiler wurde, und konnte der Freundin gar nicht richtig zuhören, weil sonst in der Zwischenzeit die Kaffeetasse umgestoßen worden wäre oder irgendein größeres Unglück passiert wäre. Aber was wäre das gewesen gegen ihre Probleme? Die Schnittmenge unseres Erlebens war sehr klein geworden, und die Unterschiede taten weh.

Als ich meine Freundin wieder einmal anrief, es muss um den zweiten Geburtstag meiner Tochter herum gewesen sein, befürchtete ich, das Schlimmste zu hören. Doch es wurde wider Erwarten ein fröhliches Gespräch. Die Schnittmenge war wieder größer geworden: Wir waren beide erneut schwanger. Ihr Sohn ist zweieinhalb Wochen älter als meine zweite Tochter - und kerngesund.

Eine PID haben meine Freundin und ihr Mann nicht in Anspruch genommen, weil sie dazu für zwei Wochen ins Ausland reisen und ihre schwerstkranke Tochter hätten allein lassen müssen. "Das wäre für mich nicht gegangen", sagt meine Freundin. Und sie sagt auch, dass keiner ermessen könne, wie dankbar sie sind, dass dennoch alles gut gegangen ist. Und dass sie gar nicht daran denken möchte, was gewesen wäre, wenn die pränatale Diagnostik, die sie in Deutschland genutzt hat, erneut die tödliche Krankheit angezeigt hätte.

Als ihre Tochter beerdigt wurde, durfte ich während der Feier den Sohn - mittlerweile ein Krabbelkind - auf dem Arm halten. Es tat gut, seine Wärme und Lebendigkeit zu spüren und zu wissen, dass dieses Kind seinen Eltern auch in Zukunft Tag für Tag zeigen würde, dass das Leben weitergeht. Das Mädchen wurde übrigens auf dem Friedhof beigesetzt, auf dem ich es mit seiner Mutter kennengelernt hatte. Es ist ein schöner Platz, ein friedlicher Platz für mich. Ein Platz, an dem sich Trauer und Zuversicht verbinden.

Ich finde es gut, dass es die Möglichkeit zur Präimplantationsdiagnostik gibt, und wünsche mir, dass auch Eltern in Deutschland sie nutzen können - unter gesetzlichen Auflagen und flankiert von medizinischer und psychologischer Beratung, damit Missbrauch vermieden wird.