Präimplantationsdiagnostik

Soll der Bundestag heute die PID erlauben?

NEIN. Denn damit versprechen Medizin und Staat gesunde Kinder. Sie können aber nur behinderte Kinder verhindern

Die "Präimplantationsdiagnostik" ist ein Versprechen. Das Versprechen lautet: "Ihr könnt ein gesundes Kind bekommen!" Jeder, der Kinder hat, erwartet oder davon träumt, weiß, welche Verheißung in diesem Versprechen steckt. Kinder sind auch bei noch so umsichtiger Familienplanung nämlich Schicksal - und ihre Gesundheit auch. Segensreiches, Glück bringendes, erfüllendes Schicksal - meist. Grausames Schicksal - manchmal. Dies zu akzeptieren, fällt im konkreten Fall schwer: Kein Mensch kann einen anderen trösten, der zusehen muss, wie sein Kind stirbt, weil es nicht gesund auf die Welt gekommen ist. Auch gläubige Menschen scheitern, darin einen Sinn zu erkennen.

Aus dieser Verzweiflung wird dem Versprechen geglaubt, "Ihr könnt ein gesundes Kind bekommen". In der Reproduktionsmedizin gibt es neben verantwortlichen Medizinern auch Menschen, die von diesem Versprechen leben. Zum ersten Mal schickt sich jetzt aber der Staat an, dieses Versprechen zu geben - darum geht es im Kern bei der heutigen Abstimmung im Bundestag. Kliniken, die PID anbieten, werden dann in allen Regionen Deutschlands entstehen und die Methode zu einem Teil unseres solidarisch finanzierten Gesundheitswesens werden. Das wäre neu - nicht die PID selbst. Denn hinter dem Begriff "Präimplantationsdiagnostik" verbirgt sich entgegen des öffentlichen Eindrucks keine innovative Heilmethode. Die PID ist weder neu, noch eine Heilmethode - sondern ein medizinisch gar nicht so anspruchsvoller Gentest an Embryonen, der schon seit über zwanzig Jahren angewandt wird. Mit künstlicher Befruchtung werden mehrere Embryonen erzeugt, danach entscheidet ein Arzt, welche Leibesfrucht ausgetragen wird und welche Embryonen verworfen werden. Diese Entscheidung über Leben und Tod galt jahrelang zu Recht als nicht mit dem Grundgesetz vereinbar.

Sicherheit gibt es bei dem hochproblematischen Verfahren übrigens keine. Im Gegenteil. Weniger als ein Fünftel aller Behandlungen führen dazu, dass tatsächlich ein gesundes Kind geboren wird. In den entsprechenden Kliniken im Ausland, die auch von deutschen Paaren besucht werden, wird PID deshalb oft im Paket mit einer eventuellen späteren Spätabtreibung verkauft. In Wirklichkeit sind auch Medizin und Staat nicht in der Lage, Eltern in jedem Falle ein gesundes Kind zu garantieren. Ihr Versprechen zielt lediglich darauf, behinderte Kinder zu verhindern.

In der Öffentlichkeit gibt es jetzt viele Berichte von Familien, die nach einer PID ein gesundes Kind bekommen haben und glücklich sind. Diese Fälle sind authentisch, sie bilden die Wirklichkeit aber nicht annähernd ab. Ist schon die gewöhnliche künstliche Befruchtung für die Frauen sehr belastend, so wird sie bei PID, für die viel höhere Hormongaben Voraussetzung sind, zur Tortur gesteigert. Es ist seltsam, dass dies im so frauenbewegten Deutschland nicht stärker gesehen wird: Der unbedingte Kinderwunsch von Eltern wird mit Hilfe der Reproduktionsmedizin zu Lasten der Gesundheit der Frauen ausgetragen. Und auch das gehört zur Wahrheit: Es ist erschreckend, zu welchen Eingriffen in Körper und Seele Frauen heute von ihren Männern gedrängt werden, weil die sich um jeden Preis auch genetisch fortpflanzen wollen. Ist es ein Zufall, dass zumindest in unserem privaten Umfeld es immer die Frauen waren, die sanftere Alternative zur künstlichen Befruchtung wie Adoption, die Aufnahme von Pflegekindern oder andere Formen "sozialer Elternschaft" vorschlugen? PID ist also für die Betroffenen immer ein harter, in der Regel zu Enttäuschung und oft zu Leid führender Weg, an dessen Ende nicht selten eine gezeichnete Frau allein zurückbleibt. Dass diese nicht in die Öffentlichkeit drängen, ist nur zu verständlich.

Darüber hinaus verändert eine Zulassung der PID unsere Gesellschaft. Denn einmal legalisiert, lässt sich PID eben nicht begrenzen: In Großbritannien wurde der Gentest an Embryonen auch einst eingeführt, um vermutlich lebensunfähige Kinder auszusortieren. Längst aber wird dort auch die Geburt von Kinder mit Trisomie 21 verhindert, also von Menschen mit dem so genannten "Down Syndrom", die heute alt und glücklich unter uns leben. Wie weit die Auswahl von Embryonen dann geht, zeigt der Fall einer britischen Familie, die auf ihr vermeintliches Recht klagte, männliche Embryonen auszusortieren, da sie bei einem Autounfall eine Tochter verloren hatte. "Family Balancing" lautet das euphemistische Wort für diese Art der Geschlechterauswahl. In anderen Ländern wollten Eltern gezielt so genannte "Heilgeschwister" herstellen, um einen Knochenmarkspender für ein krankes Kind zu gewinnen. In den USA wird schon heute in medizinischen Zeitschriften die Wirtschaftlichkeit einer flächendeckenden PID gegenüber den Behandlungskosten Behinderter abgewogen. Egal wie die Abstimmung im Bundestag ausgeht: Menschen mit Behinderungen sind schon jetzt die Verlierer. Ihr Leben wurde bewertet, abgewogen und zur Disposition gestellt. Dabei sind viele Schamgrenzen gefallen. So erschien am vergangenen Wochenende eine Berliner Tageszeitung mit der Schlagzeile: "Wie viel Selektion darf sein?" Die meisten PID-Befürworter hüten sich vor solcher nationalsozialistischer Sprache und hegen auch keine sozialdarwinistischen Ideen. Dennoch kann man ihnen die Tatsache nicht ersparen: Die Debatte über die PID hat dazu geführt, dass das Lebensrecht von Behinderten in dieser Gesellschaft wieder diskutabel geworden ist. Ein hoher Preis für ein falsches Versprechen.