Bundeswehr

Handschlag für die Generation Freiwillig

Woher kommen Sie? Was haben Sie vorher gemacht? Wie lange bleiben Sie? Um die 100 Mal wiederholt Thomas de Maizière (CDU) diese Fragen in gut einer Stunde. Und jedes Mal schüttelt der Verteidigungsminister dabei einem jungen Mann die Hand. Fast alle der 159 Freiwilligen, die zum 1. Juli in die vierte Kompanie des Wachbataillons einrücken, stehen an diesem regnerischen Montagmorgen in der Julius-Leber-Kaserne in Wedding Schlange vor ihrem obersten Chef.

Junge Männer in Trainingsjacken, Turnschuhen und weiten Jeanshosen, mit großen Rucksäcken, Ohrringen und nicht immer armeetypischen Kurzfrisuren - alle sagen sie ihren Heimatort, ihre Dienstzeit und kurz ihre Gründe. Sicherheit, Geld verdienen und Disziplin lernen wollen die meisten in den Streitkräften.

Jan Jaschinski antwortet knapp: "Ich bin aus Neugier hier." Der 19-Jährige aus Charlottenburg folgt aber auch einer Familientradition: Sein Vater war Soldat, sein Opa auch, sogar sein Urgroßvater war Soldat. Und jetzt macht er selbst den Neuanfang der Bundeswehr mit. Vier Wochen nach dem Abitur sucht der junge Berliner jetzt erst einmal "Distanz zur Schule". Für 15 Monate hat er sich verpflichtet, eventuell will er danach auch bei der Bundeswehr studieren. Für ausführliche Erklärungen aber bleibt jetzt wenig Zeit. Heute zählt allein die Geste. Der Handschlag des Ministers an einem historischen Datum. Nach 54 Jahren habe die Bundeswehr am Freitag "aufgehört zu existieren als Wehrpflichtarmee", sagt de Maizière nach rund 100 Handschlägen und Herzlich-willkommen-Grüßen. An diesem 4. Juli ziehen nun zum ersten Mal lauter Freiwillige in die Kasernen ein, bundesweit sind es 3375 Männer und 44 Frauen, was bei einer angestrebten Gesamtfrauenquote von 15 Prozent durchaus steigerungsfähig ist. In Berlin allerdings ist keine einzige Soldatin dabei. "Dabei haben wir das Wachbataillon im vergangenen Jahr extra für Frauen geöffnet", sagt Standort-Kommandeur Brigadegeneral Peter Braunstein. Offenbar sei dieser Gedanke noch nicht überall angekommen.

Gemessen an den mindestens 5000 freiwillig Wehrdienstleistenden, mit denen die Armee nach der Strukturreform plant, klingen die ersten Zahlen zumindest ermutigend. Insgesamt hat die Bundeswehr in diesem Jahr fast 14 000 Soldaten dieser neuen Gattung gewonnen. Davon sind allerdings 5700 ehemalige Wehrpflichtige, die ihre Dienstzeit über sechs Monate hinaus verlängern, und zahlreiche Schüler aus doppelten Abiturjahrgängen.

Zuerst Marschieren lernen

Wie viele junge Leute sich aber in den nächsten Jahren - ohne verpflichtenden Einberufungsbescheid - definitiv melden werden, kann niemand vorhersehen. Auch de Maizière nicht. Erst in vier bis fünf Jahren werde man ungefähr Bescheid wissen, ob der neue Freiwilligendienst Erfolg habe, sagt er. "Alles in allem" blicke man jetzt aber auf erfreuliche Zahlen. "Wir müssen uns anstrengen, damit sie gut bleiben." Für Oktober rechne er mit weiteren 1500 "echten" Freiwilligen, das wären dann insgesamt etwas mehr als 5000.

In den nächsten zwei Wochen bekommen Rekrut Jaschinski und seine Kameraden erst einmal ihre soldatische Grundausbildung. Das bedeutet: Personalbögen ausfüllen, Stuben beziehen, Kleidung empfangen, Ärzte besuchen und - sehr wichtig: Grüßen und Marschieren lernen. Wem die strengen militärischen Umgangsformen nicht gefallen, der oder die kann in den ersten sechs Monaten die Truppe wieder verlassen; genauso hat auch die Bundeswehr das Recht zu kündigen. Für Jan Jaschinski ist aber gerade diese neue Welt hinter den Kasernentoren eine Herausforderung, auch eine Art Selbsttest. "Wenn man hier Befehle bekommt, muss man die befolgen - egal, ob es einem passt oder nicht", sagt der 19-Jährige. Wie er mit dieser Situation umgehen werde, möglicherweise auch mit Bestrafung, darauf sei er selbst gespannt. Darüber hinaus freue er sich auf die sportlichen Leistungen, die als Soldat von ihm verlangt würden, und auf den "eventuell entstehenden Teamgeist".

"Wir. Dienen. Deutschland"

Auf genau diesen Effekt hofft auch de Maizière bei der Nachwuchsgewinnung. Aus der bisherigen Botschaft "Eine starke Truppe" hat er jetzt die Kernbotschaft "Wir. Dienen. Deutschland" gemacht. Der Spruch ziert bereits die ersten Prospekte und sei "ohne Werbeagentur ausgedacht", wie der Minister betont. Das erste Wort solle den gemeinsamen Stolz herausstellen: "Wir sind ein Team, wir sind die Bundeswehr." Das Dienen stehe für die gute Sache, der sich Soldaten "kreativ, fröhlich, selbstbewusst und professionell" verpflichteten und für die sie die Anerkennung der Gesellschaft verdienten.

Lutz Kiesewetter (19) hätte sich mit dem Wort "dienen" jedenfalls nicht zur Bundeswehr locken lassen, er hält auch nicht viel von dem neuen Werbespruch. "Dazu fehlt der jungen Generation heute das entsprechende Bewusstsein", sagt der Bundesvorsitzende der Schüler-Union, der am Montag seinen freiwilligen Wehrdienst in der Beelitzer Hans-Joachim-von-Zieten-Kaserne angetreten hat. Auch bei ihm war der Weg zur Bundeswehr vorgezeichnet. Sein Vater Roderich Kiesewetter war bis 2009 Generalstabsoffizier und ist seit Januar 2010 Vizepräsident des Deutschen Reservistenverbands. "Sonst wäre ich nicht unbedingt auf die Bundeswehr aufmerksam geworden", sagt der Abiturient aus Aalen.

In seinen Augen hat die Bundeswehr in Sachen Marketing noch einiges aufzuholen. "Sie muss viel stärker als bisher auf Schulen zugehen", sagt er. "Immer mal ein paar Info-Wagen aufzustellen, das reicht nicht." Um wettbewerbsfähig gegenüber großen Unternehmen zu sein, müsse man die Karriere in den Streitkräften auch als lohnenden Lebensweg verkaufen - "zum Beispiel mit den Pluspunkten bezahltes Studium und internationales Umfeld". Lutz Kiesewetter will nach neun Monaten Wehrdienst trotzdem auf einer staatlichen Universität studieren. Die Zeit davor sieht er aber als "schmückende Zeile im Lebenslauf" an. "Wir haben so viel bekommen vom Land, da kann man als junger Mensch auch mal etwas zurückgeben."

Einen ähnlichen Gedanken verfolgt aber auch de Maizière mit seinem neuen Slogan. Zum dritten Wort der neuen Kernbotschaft sagt er: "Deutschland ist unsere Heimat, dafür dienen wir - bis an die Grenzen, notfalls auch unter Einsatz unseres Lebens." Die Tatsache, dass ihre Leute auch in gefährliche Auslandseinsätze geschickt werden könnten, müsse die Bundeswehr viel stärker betonen, fordert Oberst Ulrich Kirsch, der Vorsitzende des Bundeswehrverbands. Man dürfe nicht nur "die schönen Seiten des Soldatenberufs" zeigen, sondern müsse auch die Gefahren verdeutlichen, sagte er in der ARD. Jan Jaschinski hat einen möglichen Afghanistan-Einsatz einkalkuliert. "So etwas gehört heute zum Job dazu", sagt er.

Meistgelesene