Islamismus

Aus dem Wedding in den Dschihad

Es war ein langer Weg für Sabine und ihren ebenfalls zum Islam konvertierten Ehemann Thomas U. Er führte sie vom Wedding in den Dschihad. Tausende Kilometer entfernt, nach Wasiristan. In der Bergregion im Westen Pakistans hatte sich das Paar der Gruppe "Deutsche Taliban Mudschahedin" angeschlossen.

Thomas, Sohn ungarischer Einwanderer, nannte sich zeitweise "Hamza der Ungar" und prahlte mit Angriffen auf Nato-Soldaten. Seine Frau lebte mit ihm im Islamisten-Camp. Sie unterstützte ihn.

Sabine zählt zu einer wachsenden Zahl islamistischer Frauen in Deutschland, die in den Terrorlagern Pakistans landen. Sie stammen aus Berlin, Hamburg, Bonn oder Ulm, sind in einem muslimischen Umfeld aufgewachsen oder zum Islam konvertiert. Nun nimmt der Verfassungsschutz auch sie unter die Lupe.

Luisa S. aus dem Rhein-Sieg-Kreis, ein weiteres Beispiel. Trotz mehrerer Anschreiben bekamen die Behörden irgendwann keine Antworten mehr von ihr. Im Februar 2010 hatte der Kreis seiner langjährigen Mitarbeiterin die Entlassung geschickt. Doch Luisa S. reagierte nicht. "Unbekannter Aufenthaltsort", notierten die Beamten. Auch als der Frau einen Monat später das Kindergeld gestrichen wurde, kam keine Rückmeldung. Luisa S., die seit 2003 im Straßenverkehrsamt tätig war, wohnte bereits nicht mehr in ihrer Mietwohnung. Sie war verzogen - in den Heiligen Krieg.

Die deutsche Konvertitin Luisa S. lebt nach Informationen der Berliner Morgenpost seit Frühjahr 2009 im pakistanischen Stammesgebiet Wasiristan. Dorthin war sie mit ihrem Ehemann, dem Deutsch-Afghanen Javad S., und der gemeinsamen Tochter Safiyya ausgewandert. Sie wollten ein Leben im Dschihad führen, weit weg von den Ungläubigen, im Kampf gegen die pakistanische Regierung und die Nato-Soldaten im benachbarten Afghanistan. Ihrer Mutter hinterließ Luisa S. einen Abschiedsbrief. Sie wolle unterdrückten Muslimen helfen, stand darin. Die Mutter müsse sich keine Sorgen machen, das Ziel sei eine sichere Region, in der es genug Lebensmittel und Kleidung gebe.

Die Witwe setzt den Kampf fort

Ehemann Javad S. ist heute tot, erschossen im Oktober 2009 bei einem Gefecht mit pakistanischen Truppen. Er wurde 22 Jahre alt. Dem Kampf abzuschwören kommt für seine Witwe nicht infrage. Im Gegenteil: "Ich habe mich für ein Leben hier entschieden und werde auch weiter meine Pflicht im Dschihad erfüllen", sagt Luisa S. in einem Video aus Wasiristan, das Wochen nach dem Tod ihres Mannes im Internet auftauchte. Wie aus dschihadistischen Kreisen zu erfahren ist, heiratete die dort als Märtyrerwitwe bezeichnete Frau kurz nach dem Tod Javads einen islamistischen Kämpfer aus Deutschland.

Die Terrornetzwerker haben Frauen wie Luisa S. längst als Zielgruppe entdeckt. "Al-Shamikha" ("Die Majestätische") heißt das neuste Magazin von al-Qaida für muslimische Frauen. Darin berichten anonyme Autorinnen, was es für ein Gefühl ist, die Ehefrau eines Kämpfers zu sein, und was ihre Pflichten im Dschihad sind. Praktische Hinweise gibt es im Ratgeberteil: Da wird erklärt, wie man am besten Kriegsverletzungen versorgt - aber auch wie die Haut trotz Ganzkörper-Verhüllung einen "gesunden Teint" bekommt.

In Deutschland galten bislang 130 Menschen als islamistische Gefährder und stehen deshalb unter permanenter Beobachtung. Zu diesem Personenkreis zählen Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz jedoch nur sechs Frauen. Sollten hinter der Mehrzahl der Gotteskrieger tatsächlich loyale Ehefrauen stehen, dürfte die eigentliche Zahl weitaus höher liegen. Die Zunahme deutscher Gotteskriegerinnen in den Terrorlagern am Hindukusch ist Anlass für eine Analyse des Bundesamts für Verfassungsschutz, die im Mai veröffentlicht wurde.

Luisa S. gehörte zu jenen, die ihre Aufgaben besonders ernst nehmen. Sie zählt zu den sogenannten "aktiven" Frauen der Szene. Als bisher einzige Deutsche trat sie im November 2010 in einem Propagandavideo auf. Schwarz verhüllt rief sie als "Ummu Safiyya" (Mutter von Safiyya) hiesige Glaubensgenossinnen dazu auf, den "trügerischen Luxus" aufzugeben und - notfalls auch ohne Ehemann - in den Krieg zu ziehen: "Folgt dem Beispiel der Schwestern, die sich uns alleine angeschlossen haben." Die Analyse der Verfassungsschützer lautet nüchtern: "Einige Frauen haben sich aufgrund persönlicher Motive radikalisiert und agieren unabhängig von männlichen Einflusspersonen." Und der Bericht stellt weiter fest: "Sie fordern selbstbewusst eine aktive Rolle im Dschihad ein ... entfalten Aktivitäten wie z. B. den Aufruf zum Kampf, Missionierungsarbeit, logistische Unterstützung und Spendensammlungen."

"Gotteskrieg" am Computer

Die Ulmer Deutsch-Türkin Filiz G. (29) führte den Heiligen Krieg am heimischen Computer. Noch bevor ihr Ehemann Fritz G. als einer der "Sauerland-Bomber" zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde, hatte sie ab 2009 eigenständig und äußerst energisch begonnen, im Internet Spenden für Terrorgruppen zu sammeln. Unter dem Pseudonym "fisebilillah" ("im Namen Gottes") agierte Filiz G. als Moderatorin des größten deutschsprachigen Dschihad-Forums im Internet. Sie verfasste mehr als 1000 Textbeiträge, verbreitete Videos und übersetzte Botschaften der Kämpfer. Sie stand in regelmäßigem E-Mail-Kontakt mit dem Anführer einer deutsch-türkischen Gruppe in Wasiristan, der sie sogar zur Chef-Propagandistin gemacht haben soll. In Ulm eröffnete Filiz G. ein Spendenkonto für die "Geschwister in Afghanistan". Das Geld, so schrieb sie im Web, sei für "Witwen und Waisen" sowie "Verwundete" im afghanisch-pakistanischen Kriegsgebiet bestimmt. Deutsche Ermittler fanden heraus, dass G. Ende 2009 insgesamt 2450 Euro über einen Mittelsmann in der Türkei an Terroristen überwies. Im Februar darauf setzte die Polizei dem Treiben ein Ende, die Frau wurde festgenommen. Ein Berliner Gericht verurteilte die 29-Jährige im März wegen Terrorunterstützung zu zweieinhalb Jahren Haft. In der Szene wird die "Mudschahidina" als Heldin gefeiert.

Hinter den Aktivitäten, wie Filiz G. sie betrieb, stehen laut Verfassungsschutz nicht selten auch eine "von Eitelkeit und Egozentrik geprägte Selbstverwirklichung". Diese resultiere paradoxerweise teilweise aus der westlich geprägten Sozialisation der Frauen. Tatsächlich bleiben viele der radikalen Aktivistinnen lange unerkannt, bewegen sie sich doch zunächst in der Anonymität des Internets. Längst haben einschlägige Onlineforen Unterabteilungen, sogenannte "Schwestern-Räume". Diskutiert wird: Ob eine muslimische Frau selbst zur Waffe greifen oder ausschließlich Mutter und Hausfrau sein darf, ob Frauen ohne Begleitung eines Mannes reisen dürfen und wie Kinder im Sinne des Dschihad erzogen werden können. Die Propaganda trägt Früchte. "Meine geliebte Schwester, deine Worte sind Gold wert", kommentierte eine junge Frau im Netz den Videoauftritt der Bonnerin Luisa S.: "Wie gern wäre ich jetzt bei euch! Meine Eltern erlauben es mir nicht, weil ich ein Mädchen bin!"

Der Verfassungsschutz charakterisiert auch die passiven Dschihadistinnen. Sie haben demnach häufig ein ausgeprägtes traditionelles muslimisches Rollenverständnis der "gehorsamen, aufopferungsvoll dienenden und ihrem Gatten in allen Dingen folgenden Frau". Einige fügen sich dann in ihre Rolle, indem sie mit ihren Ehemännern unter enormen Strapazen reisen oder ihnen nachfolgen. Das tat auch Elisabeth W. Die konvertierte Deutsch-Polin folgte im Mai 2008 ihrem Ehemann, dem Al-Qaida-Terroristen Bekkay Harrach, nach Pakistan. Zuvor hatte sie monatelang in Bonn auf ein Lebenszeichen des Deutsch-Marrokaners gewartet. Während dieser in den Bergen Wasiristans die terroristische Karriereleiter erklomm, brachte sie im Juni 2007 den gemeinsamen Sohn Hamza zur Welt. W. schrieb E-Mails an Harrach, in denen sie bat, endlich kommen zu dürfen. Der willigte schließlich ein, doch ein erster Reiseversuch scheiterte Ende 2007. Die Konvertitin strandete zunächst im Iran und fand keinen Schleuser für die Weiterfahrt nach Pakistan. Erst im Frühjahr 2008 gelang ihr mit Sohn Hamza die "Hijra" (Ausreise) bis in die Stammesgebiete. Dort, so nehmen Sicherheitsbehörden an, lebt Elisabeth W. heute verwitwet - ihr Ehemann ist bei einem Angriff auf einen US-Militärstützpunkt in Afghanistan ums Leben gekommen.

Auch Shinta P. (37) war Mitläuferin. Die Indonesierin, Ehefrau des Hamburger Islamisten Ahmad Wali Siddiqi, stieg pflichtgemäß am 4. März 2009 an der Seite ihres Gatten in eine Maschine der Qatar-Airways und flog von Frankfurt mit drei weiteren deutschen Islamisten nach Pakistan. Ziel der Reise waren die Terrorcamps der "Islamischen Bewegung Usbekistans" (IBU). Siddiqi wurde im Juni 2010 in Kabul festgenommen und nach Deutschland abgeschoben. Ehefrau Shinta P. kehrte erst Ende 2010 zurück und lebt seitdem wieder in der Hansestadt.

Das Terror-Pärchen aus Wedding

Die jüngsten Meldungen aus Wasiristan lassen vermuten, dass ein großer Teil der deutschen Musliminnen in den Dschihad-Kolonien allerdings nicht über eine Rückkehr nachdenkt. Vielleicht, so vermuten die Familien einiger Frauen, werden sie auch gezwungen zu bleiben. Häufig werden den ausländischen Islamisten nämlich Pässe und Geld abgenommen, alleine dürfen die Frauen ohnehin nie die Dschihad-Siedlungen verlassen. Nicht einmal die E-Mails an Eltern und Geschwister aus den Internetcafés Wasiristans werden von den Islamistinnen persönlich abgeschickt.

"Allen deutschen Frauen geht es gut", heißt es zum Beispiel vonseiten der IBU. Die amerikanischen Drohnenangriffe forderten zwar fast wöchentlich Opfer, bislang aber sei keine deutsche Frau getötet worden. Dies entspricht den Informationen, die dem Verfassungsschutz vorliegen. Eine Islamistin aus Hamburg entkam aber nach Informationen der Berliner Morgenpost 2010 nur knapp einem Raketenangriff der CIA.

Die Angst vor den Drohnen, schlechte medizinische Versorgung, mangelhafte Hygiene und die Geldnot in den Terrorlagern, lassen die eine oder andere deutsche "Gotteskriegerin" anscheinend aber doch zweifeln. Stefanie aus dem Wedding beispielsweise: Mit ihrem Ehemann Thomas kehrte sie Wasiristan den Rücken und machte sich im Spätsommer 2010 auf den Rückweg. Über die Türkei wollten sie zunächst nach Dänemark, dann per Auto nach Deutschland. Am 1. September 2010 endete die Rückkehr am Flughafen in Istanbul. Seitdem sitzen Stefanie und Thomas in einem türkischen Gefängnis und warten auf ihre Abschiebung nach Deutschland, die nach Informationen dieser Zeitung kurz bevorsteht. Stefanie kehrte hochschwanger aus der kargen Bergwelt zurück, aus einer Region ohne Strom und jeden Komfort. Ihr Baby hat Stefanie im Dezember bekommen - im Gefängnis.