Berliner Spaziergang

Chefin von 1000 Berliner Richtern

Das Szenario wirkt, als hätte es sich ein Regisseur ausgedacht. Im Hintergrund türmt sich der dunkle neobarocke Bau des Kammergerichts. Im Park davor spielt auf dem Rasen laut kreischend eine Schulklasse. Auf einer Bank schläft ein Mann, bei dem nicht genau zu erkennen ist, ob es sich um einen Obdachlosen handelt oder einen Touristen nach einer arg durchzechten Nacht.

Ein paar Schritte weiter dreht eine farbige Joggerin emsig ihre Kreise - und schaut nach jeder Runde neugierig zum Fotografen Martin Lengemann, der eine Frau fotografiert: eine zierliche Person mit blondem Haar, die sportlich wirkt in ihrem schwarzen Kostüm, die immer wieder geduldig lächelt und das Ende dieser Fotosession gleichzeitig herbeizusehnen scheint. Aber sie hat sich diesen Ort ja selber ausgesucht: Monika Nöhre, Präsidentin des Kammergerichts und in dieser Funktion Chefin von mehr als 1000 Berliner Richtern, 4500 Mitarbeitern und 2000 Referendaren.

Die 60-Jährige läuft gern durch den Kleistpark, vorbei an den Königskolonnaden, hin zur Potsdamer Straße. "Ich mag diese Kontraste", sagt sie, "hier der ruhige Park und das Gericht, und ein paar Meter weiter, in der Potsdamer Straße, das bunte Leben." Sie spricht sehr langsam, akzentuiert, jedes Wort ist akkurat gesetzt. Nur wenn sie Hamburg sagt, ist zu hören, woher sie kommt - sie sagt Hamburch. Monika Nöhre ist dort aufgewachsen. Die Mutter war Hausfrau, der Vater Ingenieur bei der Esso-Raffinerie in Hamburg-Harburg. "Ich war die Erste in der Familie, die das Abitur gemacht hat", sagt sie. Ihre Eltern seien "superstolz" gewesen und hätten gewollt, dass sie Lehrerin werde. Weil das ein sicherer Job sei. Und weil sie dann nachmittags meist freihätte und sich um Kinder und Ehemann kümmern könnte.

"Das waren so die Vorstellungen", erinnert sie sich. "Aber ich wollte das nicht. Nicht, weil ich was gegen Lehrer habe. Es war vor allem aus Protest, weil ich mir das nicht vorschreiben lassen wollte." Monika Nöhre hatte mit dem Gedanken gespielt, Chemie zu studieren, das aber verworfen, weil sie "ungeschickt mit den Händen" sei. "Die Arbeit im Labor, das ist nichts für mich." Eine andere Variante ergab sich durch das Schulfach Gemeinschaftskunde, in dem es um Geschichte ging und auch um juristische Themen. "Geschichte interessiert mich auch heute noch sehr", sagt sie. "Aber mir war klar, dass ich damit kein Geld verdienen kann. So bin ich, quasi im Abzugsverfahren, bei Jura gelandet."

Unser Weg führt über die Hauptstraße in die ruhig gelegene Vorbergstraße. Hier mache sie gern mal Mittagspause, sagt Monika Nöhre. Durch dieses Gebiet rund um das Kammergericht war sie auch gezogen, nachdem sie sich 2001 um das Amt der Kammergerichtspräsidentin beworben hatte. "Um das Gefühl zu kriegen: Was ist hier anders als beim Oberlandesgericht in Hamburg?" Sie habe Berlin zu diesem Zeitpunkt "eigentlich fast gar nicht gekannt". 1975 war sie "mal kurz als Referendarin" hier, später als Touristin. "Nach dem Fall der Mauer sind wir hergefahren und von West nach Ost und Ost nach West gelaufen." Aber dass sie hier mal arbeiten wird, noch dazu im Kammergericht - "daran war damals nicht zu denken".

Erste Erfahrungen als Anwältin

Monika Nöhres Karriere - sie mag dieses Wort nicht - ist einzigartig. Dabei begann es zunächst sehr profan: Die begabte Studentin absolviert in Hamburg das erste Staatsexamen mit Prädikatsabschluss und bewirbt sich kurz vor dem zweiten Staatsexamen in der Heimatstadt um eine Stelle als Richterin. Sie ist Mitte 20, verheiratet, hat kurz vor der Examensprüfung einen Sohn zur Welt gebracht. So sind die Reaktionen sehr reserviert. Die Alternative ist die Anwaltspraxis, in der sie als Referendarin arbeitete. "Die größte in Hamburg-Harburg", sagt sie. Die hätten sie sofort gewollt und auch ein ordentliches Gehalt geboten. "Das war für mich damals wahnsinnig viel Geld", erinnert sie sich. "Und einer musste ja schließlich verdienen, mein Mann studierte noch."

Sie hatte als Anwältin "dann auch fast alles an Prozesssachen" gemacht: Familiengericht, Verkehrsdelikte, Arbeitsrecht. Es war die knallharte Praxis. Das Schwarzbrot dieses Gewerbes, wie es so schön heißt. Und es schmeckte ihr. "Lange Schriftsätze anfertigen, im stillen Kämmerlein, das war nichts für mich. Ich wollte ins Gericht und kämpfen." Sie war erfolgreich, wurde von den Inhabern der Kanzlei geschätzt. Aber es gab für die junge Mutter auch keine Sonderrechte wie etwa geregelte Arbeitszeit oder sichere freie Wochenenden. "Irgendwann ging es nicht mehr", sagt Monika Nöhre. "Mein Schlüsselerlebnis war, als ich mit meinem kleinen Sohn im Urlaub in einem Hotel beim Frühstück saß und ein Anruf aus der Kanzlei kam: Bei einem Mandanten ist gerade die Steuerfahndung. Packen Sie sofort Ihre Koffer und kommen Sie."

So bewarb sie sich nach fünf Jahren Anwaltstätigkeit erneut um das Richteramt. Und sie wurde sofort genommen.

"Ich hatte damals ganz großes Glück und durfte schon als junge Richterin als Assistentin beim Oberlandesgerichtspräsidenten arbeiten", sagt sie. Hernach ging es steil bergauf: Richterin am Landgericht, Abteilungsleiterin in der Hamburger Justizverwaltung, Vizepräsidentin des Hanseatischen Oberlandesgerichts und seit 2002 Präsidentin des Berliner Kammergerichts. Aus dieser Zeit stammt auch der sympathische Satz, der zur nüchternen Hamburger Lebensart nicht so recht passen will: "Ich bin im Richterhimmel angekommen."

Wir biegen nach rechts in die Gleditschstraße, kommen vorbei an einer verblichenen Tafel, auf der Boulevardzeitungen für die neuesten Ausgaben werben. Der Wettermoderator Jörg Kachelmann ist zu sehen. Vor zehn Jahren sagte Monika Nöhre in einem Interview, dass die Justiz sich öffnen müsse. "Wer sich von der Öffentlichkeit abkapselt, hat etwas zu verbergen." Würde sie das heute so wiederholen, frage ich mit Blick auf Kachelmann. Sie lächelt. "Da bin ich selber in so einem Entwicklungsprozess." Sie sei nach wie vor sicher, "dass die Justiz in der Mediengesellschaft nicht überleben kann, wenn wir die Regel aus dem Jahre 1879 weiter aufrechterhalten und sagen: Keine Kamera kommt in unseren Saal, keiner darf uns sehen." In letzter Zeit, so Monika Nöhre, sei sie jedoch "wieder etwas konservativer" geworden. Nicht zuletzt wegen des Prozesses gegen Kachelmann. Da sei zu viel nach außen getragen worden. Da wurde versucht, die Presse zu eigenen Gunsten zu instrumentalisieren. "Undenkbar, dass da auch noch Kameras im Gerichtssaal gestanden hätten. Von daher bin ich heute etwas ruhiger, was diese totale Öffnung anbelangt."

Und es gibt noch ein Zitat von Monika Nöhre, das Fragen provoziert. "Die dritte Gewalt ist die stille Gewalt", hatte sie im Mai 2004 resümiert. Und es klang fast wie eine Anleitung für Untergebene: "Richter reden nicht über ihre Arbeit, für sie sprechen Urteile und Beschlüsse."

Aber wie wertet sie dann die Vorstöße von Kollegen wie der Jugendrichterin Kirsten Heisig, die das "Neuköllner Modell zur konsequenteren Verfolgung von jugendlichen Straftätern" erfand? Die ein Medienstar wurde. Eine Bestsellerautorin. Und die sich am Ende aus privaten Gründen das Leben nahm.

Monika Nöhre zögert, schüttelt den Kopf, sagt: "Ich ahnte, dass diese Frage kommt." Es ist ein heikles Thema, das für die Privatperson Monika Nöhre sicher kein Problem wäre. Aber für die Kammergerichtspräsidentin, die auf politische Korrektheit achten muss, wird der Spaziergang jetzt zur Gratwanderung. Sie spricht davon, dass dieses Zitat von der stillen Gewalt eigentlich "nur auf die generelle Arbeit ausgerichtet" gewesen sei. "Justiz hat ihr Ansehen in der Öffentlichkeit durchs Strafrecht", sagt sie. "Es interessiert keinen, was wir im Zivilrecht machen." Obwohl es fast drei Viertel der Arbeit umfasse. "Deswegen ist dieser ganz große Teil, der nicht in der Öffentlichkeit ist, sowieso schon mal die stille Gewalt."

Aber Kirsten Heisig war ja nicht still. Ihr bundesweit diskutiertes Modell wird inzwischen auch in anderen Regionen angewandt. Und das ging doch nur über die Öffentlichkeit, versuche ich zu insistieren.

Das sei ja auch gut so, erwidert Monika Nöhre, schweigt dann und schaut mich an, als wolle sie sagen: gutes Ziel, falscher Weg. "Sie hat für sich beschlossen, es auf diesem Weg zu machen", ergänzt sie nach einer kurzen Pause. "Das war nicht die Entscheidung der Gerichtsverwaltung und auch nicht des Fachbereichs. Natürlich gibt es auch unter Richtern Menschen, die die Öffentlichkeit suchen. Aber da muss man natürlich sehen: Passt es zum Amt oder nicht. Das ist dann die eigene Entscheidung." Und nach einer weiteren kurzen Pause: "Sie merken, ich will das nicht kommentieren."

Gesprächiger wird sie, als ich das Gespräch auf die Jugendrichterin Dietlind Biesterfeld lenke, auf deren öffentlich diskutierten Vorschlag, Schwarzfahren nur noch als Ordnungswidrigkeit zu ahnden. Das sehe sie "einerseits schon kritisch", sagt Monika Nöhre, weil dadurch dieses Verhalten bagatellisiert werde. Sie könne die Richter aber auch sehr gut verstehen, "die jetzt schon die Aktenstapel mit einem großen Prozentsatz Schwarzfahren auf dem Tisch haben und feststellen, dass es immer mehr werden. Da muss man auch mal darüber reden können, ob man nicht eine Lösung findet. Auch, um den Richtern Raum zu lassen, sich schwerwiegenderen Anklagen zuzuwenden."

Chefin eines Zivilsenats

In der Elßholzstraße bleiben wir unweit des ehemaligen Eingangportals des Kammergerichts vor kleinen Messingtafeln stehen. Darin sind Namen jüdischer Juristen eingraviert, die Opfer der Nazis wurden. Auf der anderen Seite des Parks steht eine Tafel, die daran erinnert, dass im Gebäude des Kammergerichts der berüchtigte Nazi-Richter Roland Freisler sein Unwesen trieb.

Monika Nöhre sind diese Erinnerungsanstöße wichtig. "Es zeigt sehr deutlich, wie die Justiz in Diktaturen deformiert werden kann und wie anders sie heute ist." Sie sei auch möglichst oft dabei, wenn Schulklassen oder auch Angehörige von Opfern durch das Haus geführt würden, sagt sie. "Da kommen oft noch ganz starke Emotionen hoch."

Nöhres wichtigste Arbeit ist die Leitung des Kammergerichts. Außerdem hat sie die Dienstaufsicht über das Landgericht und elf Amtsgerichte. Aber auch als Richterin ist sie noch tätig - als Vorsitzende des 11. Zivilsenats des Kammergerichts. Es sei kein Spezialsenat, sagt sie, hier würde so ziemlich alles an Zivilsachen abgehandelt: vom Pferdebiss, den die Nutzerin eines Reiterhofs erleiden musste, bis zum Unfall auf dem Schrottplatz mit einem Bagger. "So kann ich sehen, wie sich die Gerichtskultur wandelt, wie sich die Schriftsätze verändern, welche Themen wichtiger werden. Zivilrecht ist ja ganz wunderbar, weil es die Lebensverhältnisse abbildet, weil es zeigt, was die Menschen bewegt."

In fünf Jahren, mit Beginn des Pensionsalters, wird die Kammergerichtspräsidentin ihren Stuhl räumen müssen. Sie weiß noch nicht, wie es dann weitergeht: "Vielleicht als Anwältin, vielleicht ehrenamtliche Arbeit, aber auf jeden Fall will ich noch was machen." Sie weiß auch noch nicht, wo das geschehen soll. Sie und ihr Mann haben immer noch ihr Haus am Rande von Hamburg. Und sie ist im Herzen ja auch Hamburgerin geblieben, gibt auf die Frage, ob sie Auszeichnungen annehmen würde, die typisch hanseatische Antwort: "Nein, das geht nicht, auf gar keinen Fall! Das gehört sich nicht."

Aber sie hängt auch an Berlin. Sie mag diese Stadt, "diese Großzügigkeit, diese Freiheit, die Berlin vermittelt". Sie mag die Spaziergänge mit ihrem Labrador am Schlachtensee. Und sie mag die Berliner, "auch wenn sie im Umgang und in der Sprache ein bisschen robuster als die Hamburger sind". Wenn sie etwa im Bus nach einer Fahrkarte frage, und der Fahrer antwortet: Wo willst du hin, Mädchen? "Aber dann weiß ich genau, dass der das nicht böse meint."