Präsidentenrennen

Fast schon wieder ein Kandidat

Die Nachricht aus New York, dass die Anklage gegen Dominique Strauss-Kahn möglicherweise in sich zusammenbricht, noch bevor sie erhoben wurde, hat in Frankreich am Freitagmorgen ein mittleres politisches Erdbeben ausgelöst.

Schon im Morgengrauen meldeten sich erste Stimmen, die eine Aussetzung der Vorwahlen der Sozialistischen Partei (PS) für die Präsidentschaftswahl forderten - um Strauss-Kahn noch die Teilnahme zu ermöglichen, falls die Vergewaltigungsvorwürfe tatsächlich fallen gelassen werden. Noch bevor die überraschend angesetzte erneute Anhörung des zurückgetretenen Direktors des Internationalen Währungsfonds (IWF) um 17.30 MEZ in New York beginnen sollte, erörterten französische Politiker die möglichen Folgen für die politische Landschaft in Frankreich. Bis zu seiner Verhaftung am 14. Mai wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung eines Zimmermädchens im New Yorker Hotel "Sofitel" galt Strauss-Kahn als aussichtsreichster möglicher Herausforderer von Nicolas Sarkozy für die französischen Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Am Dienstag erst hatte die sozialistische Parteivorsitzende Martine Aubry ihre Kandidatur angekündigt. Aubry hatte ursprünglich mit Strauss-Kahn einen "Pakt" geschlossen, nicht gegeneinander anzutreten. Der offizielle Bewerbungsschluss für die sozialistischen Vorwahlen ist der 13. Juli. Die PS-Politikerin Michèle Sabban, Vizepräsidentin im Regionalparlament von Île-de-France, forderte am Freitag als Erste die bereits nominierten Kandidaten auf, den Vorwahlvorgang vorübergehend "auszusetzen" und "Dominique die Zeit zu geben, das Wort zu ergreifen".

Eine derartige Unterbrechung würde die Kampagne von Martine Aubry allerdings eher nicht beflügeln. Nichtsdestotrotz erklärte die Parteivorsitzende am Freitag, dass ihr die Nachrichten aus den USA eine "immense Freude bereiten, wie allen, die Dominique Strauss-Kahn nahestehen". Sie hoffe "von ganzem Herzen", dass die amerikanische Justiz "ab heute Abend die Wahrheit feststellen wird und Dominique Strauss-Kahn gestattet, diesen Albtraum zu beenden", sagte Aubry, die dabei die Tränen kaum unterdrücken konnte. Sie betonte, sie äußere sich vor allem "als Freundin von Dominique Strauss-Kahn".

Der ehemalige sozialistische Kulturminister Jack Lang wollte sich nicht konkret festlegen, ob Strauss-Kahn im Falle seiner Freilassung auch wieder als Präsidentschaftskandidat infrage käme. Lang sagte, er wünsche sich, dass Strauss-Kahn eine "Hauptrolle in der französischen Politik" spiele. Der ehemalige Premierminister Laurent Fabius sagte, es sei "zu früh", um über eine Rückkehr Strauss-Kahns in die Politik zu spekulieren. Doch wenn die Vorwürfe fallen gelassen würden, bedeute dies, dass Strauss-Kahn der Maschinerie des Systems "zum Fraß vorgeworfen worden" sei, so der ehemalige Premier Lionel Jospin. Obwohl es angeblich zu früh war, um zu spekulieren, spekulierten am Freitag eigentlich alle in Paris: Pierre Moscovici, auch ein Unterstützer Strauss-Kahns, der sich aber nun erst vor Kurzem für den anderen sozialistischen Bewerber François Hollande ausgesprochen hat, gab sich hingegen abwartend: "Heiße Spekulationen sind nicht meine Art", entschuldigte sich der PS-Abgeordnete. Andere, wie der Strauss-Kahn-Biograf Michel Taubmann, der stets betont hatte, Strauss-Kahn sei zwar ein "Verführer", Gewalt aber sei ihm fremd, sahen sich bestätigt. Auch François Pupponi, der Bürgermeister von Sarcelles, der politischen Heimat Strauss-Kahns, zeigte sich erleichtert: "Das war nicht der Mann, den wir kannten, das haben wir immer gesagt."

Bernard Debré, Abgeordneter der konservativen Regierungspartei UMP, der Strauss-Kahn unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe als "nicht sehr empfehlenswerten Herrn" bezeichnet hatte, räumte unterdessen ein, dass er "vorschnell gehandelt" habe, als er sich über Strauss-Kahn äußerte. Er habe "überreagiert", da er "Details der Banon-Affäre und einige andere Dinge" kenne, so Debré. Tristane Banon ist eine junge Autorin, die Strauss-Kahn vor Jahren vorwarf, sie sexuell belästigt zu haben.

Wenn die nun von der "New York Times" veröffentlichten Details aus dem Leben des Zimmermädchen stimmten, dann habe diese offenbar sämtliche Mitarbeiter im "Sofitel" betrogen, so Debré weiter. Die Angestellte war von Kollegen stets als fleißig, unbescholten und mustergültig beschrieben worden.

Wenn Strauss-Kahn nun von den Vorwürfen freigesprochen werde, könnte er auch noch als Kandidat bei den sozialistischen Vorwahlen antreten, glaubt der konservative Politiker. Allerdings sei er "nicht sicher, ob die Sozialisten oder die Franzosen dies wünschen". "Wenn er vom Verdacht reingewaschen ist, wird es an den Sozialisten sein zu entscheiden, ob er antritt. Es würde mich allerdings erstaunen", so Debré. Strauss-Kahn habe schließlich sexuellen Kontakt mit der Frau gehabt. Außerdem wisse man, dass er zwischen ein Uhr und drei Uhr morgens im Hotel Besuch von einem Callgirl gehabt habe, behauptete Debré und fügte dann scheinbar neutral hinzu: "Ich fälle kein moralisches Urteil. Ich sage, es gibt Fakten. Werden die Franzosen bereit sein, sie zu akzeptieren?" Der Fall Strauss-Kahn geht offenbar in die zweite Runde.