Demografie

Vom Glück des späten Berufslebens

Dieter Hackler würde das Wort Ruhestand am liebsten abschaffen. Für den Leiter der Abteilung "Ältere Menschen" im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist Ruhe nicht das, womit er den Lebensabschnitt nach dem aktiven Berufsleben in Verbindung gebracht sehen möchte.

Und so erklärt er das Wort auf einer Veranstaltung des Bundesamts für Statistik über "Alter im Wandel" zum Unwort.

Deutschland hat die älteste Bevölkerung der EU. Ende 2009 lebten hierzulande rund 16,9 Millionen Menschen ab 65 Jahren. Das entsprach einem Bevölkerungsanteil von 20,7 Prozent. In keinem anderen EU-Land lebten prozentual mehr ältere Menschen. Irland verzeichnete mit 11,3 Prozent EU-weit den geringsten Anteil älterer Menschen. Der EU-Durchschnitt lag bei 17,4 Prozent.

"Wir müssen unser Denken verändern", sagt Hackler. "Unser Altersbild beruht auf dem früherer Generationen. Heute ist dieser Lebensabschnitt sehr viel dynamischer", sagt Hackler überzeugt. Eine Tatsache, wie für die aktuelle Diskussion über den drohenden Fachkräftemangel geschaffen. Schließlich setzt die Bundesregierung in ihrem "Konzept Fachkräftesicherung" auch auf den längeren Einsatz und die Qualifizierung älterer Menschen. In den vergangenen 100 Jahren hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in Deutschland um 30 Jahre verlängert. Ein heute geborenes Mädchen wird versicherungsmathematisch etwa 104 Jahre alt, ein heute geborener Junge gut 100. Die Lebensphase "Alter" umfasst oft mehrere Jahrzehnte, und die Senioren der Republik sind aktiver denn je. Viele bleiben schon heute freiwillig länger berufstätig oder suchen sich neue berufliche Herausforderungen.

Für den Berliner Hans-Georg Lange etwa ist es unvorstellbar, sich nicht mehr aktiv am öffentlichen Leben zu beteiligen. Der Jurist hat in verschiedenen Landesbehörden in Nordrhein-Westfalen sowie als Beigeordneter beim Deutschen Städtetag im Bereich Bauplanung und Stadtentwicklung gearbeitet. 1993 lockte die Treuhand den damals bereits 62-Jährigen an die Spree, wo er das Referat Kommunale Angelegenheiten übernahm. Lange stellte sich der neuen Herausforderung. Auch nach seiner Pensionierung blieb sein Sachverstand gefragt: "1995 habe ich beim Ostdeutschen Sparkassenverband als Berater für den Kommunalbereich angefangen. Das wurde zwar über die Jahre hinweg immer ein bisschen weniger, aber meine letzte Tätigkeit für den Verband liegt gerade erst knapp ein Jahr zurück", sagt Lange, der dieses Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. "Ich habe es schon als Glück empfunden, so lange beruflich gefragt gewesen zu sein", sagt er und räumt ein, dass so ein Übergang nicht in jedem Beruf möglich sei: "Auf einem Bürostuhl sitzt man einfach besser als auf einer Erntemaschine." Lange ist politisch aktiv und wird noch immer zu Tagungen eingeladen, wo er sich, wie er sagt, gern mit "irgendwelchen Diskussionsbeiträge unbeliebt macht."

Ob gewünscht oder nicht, die Erwerbsbeteiligung älterer Menschen in Deutschland hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge stieg die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen zwischen 2000 und 2009 von 37 auf 56 Prozent und damit so stark wie in keiner anderen Altersgruppe. Auch nach Erreichen des 65. Lebensjahres sind immerhin noch vier Prozent der Bevölkerung in Deutschland erwerbstätig. Im EU-weiten Vergleich verzeichnete auf der Basis von Eurostat-Informationen Schweden 2009 mit 70 Prozent die höchste Erwerbstätigenquote unter den 55- bis 64-Jährigen. In der EU insgesamt lag die Quote bei 46 Prozent. Die über 65-Jährigen nahmen am häufigsten in Portugal (17 Prozent), Rumänien (14 Prozent) und Schweden (zwölf Prozent) am Erwerbsleben teil. Der EU-Durchschnitt lag bei fünf Prozent.

Doch auch Menschen, die ihren Beruf hinter sich gelassen haben, suchen sich Aufgaben - im ehrenamtlichen Bereich. Die Berlinerin Brigitte Jacobi ist so ein Fall, der auch im Ruhestand keine Ruhe geben kann und will. Die 66-Jährige schüttelt energisch den Kopf: "Mein Mann und ich stehen manchmal da und sagen uns, dass es eigentlich nicht sein kann, dass wir jetzt im Alter manchmal mehr Stress haben als früher im Beruf. Aber es ist schön, dass wir noch etwas geben können und gebraucht werden." Jacobi hat drei Ehrenämter. Sie leitet eine Sozialkommission fürs Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, die sich um andere Senioren kümmert, die nicht mehr so aktiv sind. "Wir schauen da beispielsweise bei Geburtstagen immer wieder mal still hinein", sagt sie, "ob die Leute gut leben können. Wenn wir sehen, dass jemand Hilfe braucht, leiten wir behutsam das Nötige dazu ein." Daneben hält die ehemalige Polizistin kostenlos Vorträge für Senioren zur Kriminalitätsprävention und begleitet Sterbende in der Hospizabteilung eines Krankenhauses. "Ich glaube, wenn wir Älteren so leben, können wir Jüngeren die Angst vor dem Alter nehmen", sagt sie.

Gut vernetzte Senioren

Auch ist das Internet für die Senioren keine fremde Technologie mehr. Zunehmend entdecken sie das Medium als eine Möglichkeit zu kommunizieren, sich zu informieren oder auch beschwerliche Dinge, wie beispielsweise Einkäufe, zu erledigen. Waren 2008 in Deutschland nur 22 Prozent der Menschen ab 65 Jahren im Internet unterwegs, lag der Anteil 2010 bereits bei 31 Prozent. Gut vernetzt ist auch Gisela Meunier. "Ich habe mich schon früh, als ich noch gearbeitet habe, mit Computern befasst und hatte nie Berührungsängste", sagt die 75-Jährige. "Ich habe einen Laptop, schreibe E-Mails, suche nach Informationen und bin mit vielen Freunden und meiner Familie über Facebook in Kontakt", sagt die fünffache Mutter und 16-fache Großmutter. Bis zu ihrem 65. Lebensjahr hat sie als Referentin der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus gearbeitet und hätte auch nach dem Erreichen des Rentenalters gern weitergearbeitet. "Doch das ging ja nicht", bedauert sie. Aktiv ist die langjährige Bezirkspolitikerin heute vor allem im kulturpolitischen Bereich und arbeitet an zwei Berliner Schulen als Lesepatin. Sie sagt, dass sie froh ist, so ein heiteres Naturell zu haben. "Das macht das Leben auch im Alter leichter und hilft dabei, Chancen zu ergreifen und offen sein."

Doch zum Wahrnehmen von Chancen gehört auch finanzielle Stabilität im Alter. Europaweit stehen deutsche Senioren zwar finanziell vergleichsweise gut da. Doch die Demografen warnen vor einer Verschärfung der Situation. Immer mehr Senioren stehen gerade in dieser Phase ihres Lebens finanziell mit dem Rücken an der Wand, weil ihre Rente allein nicht zum Überleben reicht. Allein in Berlin bezogen 2010 insgesamt 31 648 Rentner Hilfe vom Staat, die sogenannte Grundsicherung. 2004 waren es nur 13 322. Auch der Berliner Gerald Wittmann ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. 40 Jahre lang ist er mit Unterbrechungen Taxi gefahren. "Ich habe zwischendrin immer wieder mal versucht, mich selbstständig zu machen", erzählt der 72-Jährige. Zwei Mal war er verheiratet, hat vier Kinder, ist aber wieder geschieden. Da sei nicht viel übrig geblieben für Rücklagen fürs Alter, sagt er. Heute hat Wittmann monatlich 530 Euro zur Verfügung. Einmal in der Woche besorgt er sich deshalb seine Lebensmittel bei einer Ausgabestelle der Berliner Tafel. "Ich würde lieber in einem normalen Supermarkt einkaufen", sagt er, doch er müsse sparen, wo immer er könne.

Trotzdem: Der Ministerialbeamte Hackler hat am Ende seines Vortrags noch eine Anregung für das Alter, die ein Lächeln auf die Gesichter seiner Zuhörer zaubert: "Wir sollten dem Alter mit Mut begegnen. Und wir sollten uns auch mit 67 nicht davor scheuen, uns zu fragen: Warum nicht noch einmal heiraten?"