Demografie

"Man kriegt die Leute über Motivation"

Der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf lebt seit mehr als 25 Jahren in einer Wohngemeinschaft, beschäftigt sich mit Orgelspielen, Kochen und Aquarellmalerei, schreibt Bücher - und hat vor allem immer noch eine Stimme in der politischen Welt.

Scherf ist aber auch unterwegs, um für das Alter zu werben. Carolin Brühl hat den 72-Jährigen gefragt, warum er glaubt, ein Rezept für die Zukunft Deutschland zu haben.

Berliner Morgenpost: Warum ist das Alter heute bunt und nicht mehr grau?

Henning Scherf: Ja, weil inzwischen das Altwerden normal geworden ist. Das ist nicht mehr die Ausnahmesituation, wie es jahrhundertelang gewesen ist. Und wenn es so viele Ältere gibt, gibt es keinen Grund, warum deren Leben nicht genauso bunt sein kann wie das der Jüngeren.

Berliner Morgenpost: Was ist denn so viel bunter geworden?

Henning Scherf: Gucken Sie sich doch mal um. Was die Alten alles machen, wo die sich überall einmischen, was sie noch alles in den Köpfen haben und wie sie sich ausprobieren. Gehen Sie mal an die Universitäten, da gibt es immer mehr, die nach ihrer Pension ein Studium beginnen. Das ist erstaunlich.

Berliner Morgenpost: Die Statistiker sagen, wir werden rund 30 Jahre älter als noch die Generation unserer Großeltern. Müssen wir dann diese überschäumende Aktivität nicht gesellschaftlich sinnvoll kanalisieren?

Henning Scherf: Angesichts des spektakulären Fachkräftemangels, wie er von den Unternehmen benannt wird, muss unbedingt etwas geschehen. Da müssen wir schon Wege finden, um zu erreichen, dass ältere Mitarbeiter noch Lust auf Arbeit haben. Wir müssen fragen, wie man altengerechte Arbeitsplätze einrichten kann, die berücksichtigen, dass die körperlichen Kräfte nicht mehr so sind wie bei 20-Jährigen, die intellektuellen Kräfte aber hoch und die Erfahrung noch viel höher ist. Es ist heute für ein Unternehmen gut, die Mitarbeiter länger im Betrieb zu halten, als das noch vor 30 Jahren der Fall war.

Berliner Morgenpost: Aber wie lockt man die Senioren zurück an die Arbeit?

Henning Scherf: Die Begründung, länger arbeiten zu müssen, weil man das Geld braucht, gilt für den Großteil dieser Leute nicht. Die Begründung ist: Ich möchte noch was tun, ich möchte noch gefragt sein, ich möchte noch beteiligt sein. Nicht, weil ich das nicht lassen kann, sondern weil ich das als anregend empfinde. Also, ich denke, man kriegt die Leute über Motivation und nicht übers Geld. Und darum müssen sich beispielsweise die Unternehmen etwas einfallen lassen. Da muss die Politik keine Gesetze machen, das sollte man dem Markt überlassen.

Berliner Morgenpost: Also einfach ein positiver Blick in Zukunft, kein Jammern über die Bevölkerungsentwicklung?

Henning Scherf: Es ist eine Handlungschance. Wir sind nicht am Ende unserer Entwicklung, sondern wir haben das Glück über ein längeres Leben disponieren zu können.

Berliner Morgenpost: Sie leben seit Jahrzehnten mit ihrer Frau in einer WG mit gleichgesinnten Gleichaltrigen. Wie lebt es sich denn da?

Henning Scherf: Wir leben seit 1987 zusammen. Die ersten beiden sind schon gestorben, wir haben sie hier im Haus bis zum Schluss gepflegt. Es ist eine große Chance, wenn man es schafft, dass man mit Freunden unter einem Dach arbeitsteilig vorgehen kann. Das hilft gerade beim Älterwerden in vieler Hinsicht. Wir teilen uns inzwischen nur noch ein Auto, wir haben mal mit sieben angefangen. Wir machen viel zusammen, achten aufeinander. Einer hat den Fuß gebrochen, wie sollte der sich allein versorgen? Auch unsere Kinder und Enkelkinder erleben das als große Chance.

Berliner Morgenpost: Würden die gern mit einziehen?

Henning Scherf: Ich würde mir das wünschen, aber die arbeiten leider alle nicht mehr in Bremen, aber vorstellen könnte ich mir das sofort und die sich auch.