Berliner Spaziergang

Der Pilot in Deutschlands Nachrichten-Cockpit

| Lesedauer: 13 Minuten
Uta Keseling

Die Ich-Form ist für Nachrichtenleute keine geeignete Erzählperspektive. Vielleicht bringt Wolfgang Büchner, Chef der Deutschen Presse-Agentur (dpa), seine Geschichte deshalb zum Spaziergang mit wie eine freundliche Gabe. Geheimnisvoll behält er sie noch eine Weile bei sich. Es ist eine sehr persönliche Geschichte, die erst da erzählt werden soll, wo sie passiert ist.

Wir treffen Büchner an der Markgrafenstraße. Hier hat Deutschlands größte Nachrichtenagentur seit einem Jahr ihren Sitz. Ein Flughafen, so ähnlich fühlt es sich an, wenn man das erste Mal im gigantischen Newsroom im fünften Stock steht. Der Blick gleitet über Menschen und Monitore bis zu den großen Fenstern und dann hinaus in den blauen Himmel über dem Berliner Zeitungsviertel. "Bis zu 220 Kollegen sitzen hier in Spitzenzeiten", sagt Büchner und deutet auf ein Tisch-Oval in der Mitte: "Der 'Pilot' und der 'Copilot', die alle Arbeiten koordinieren". Die beiden haben in Wirklichkeit natürlich andere Dienstbezeichnungen, aber ihr Arbeitsplatz sieht tatsächlich aus wie ein Cockpit. Oder ein Lotsenstand. Über jeweils drei Bildschirme flimmern Artikel, Fotos, Grafiken und Audiodateien, alle versehen mit Orten und Uhrzeiten wie ein endloser Fahrplan. Im Minutentakt sendet die dpa ihre Nachrichten. Abnehmer sind 90 Prozent der deutschen Tageszeitungen, alle öffentlich-rechtlichen Sender und viele andere Kunden.

Seit Büchner 2009 von "Spiegel Online" zur dpa wechselte, leitet er sozusagen den deutschen Nachrichten-Airbus. Seine Ziele: den Flug des Riesen effizienter, eleganter und schneller zu machen. Deshalb legte er die Hauptstandorte in Berlin zusammen, startete eine Initiative für sorgfältigere Recherche und für mehr Reportagen, die "nah am Menschen" von da berichten, wo die Dinge passieren. Da wollen wir jetzt auch hin.

Netzwerker in vielerlei Hinsicht

Wir verlassen das Nachrichten-Cockpit Richtung Bahnhof Friedrichstraße, wo Büchners persönliche Geschichte ihren Anfang nimmt. Zunächst ist es nicht so einfach, diesen Anfang zu finden. Wir laufen Treppen auf und ab, schließlich findet Büchner auf der Bahn-App seines iPhones das richtige Gleis - samt der Zeit, um hinzugelangen. Er ist begeistert. Er ist Fan moderner Kommunikationstechnologien, mag Twitter und Facebook. Ein Netzwerker, in vielerlei Hinsicht. Einen Moment schauen wir über die Häuserflucht der Friedrichstraße bis zum Checkpoint Charlie. Ein Blick tief in die Berliner Geschichte, bis sich Gegenwart dazwischenschiebt. Ein Nachtzug mit Schlafwagen: "Vagoni letti", "Russian Railways" - im Berlin 2011 liegen Russland und Italien, Ost und West, nah beieinander.

1988 war das anders. In jenem Sommer stand Büchner, heute 44 Jahre alt, das erste Mal hier. "Eine Wand trennte den Bahnhof in zwei Teile", erinnert er sich. In der einen Hälfte kamen die Besucher aus dem Westen an, auf den anderen Gleisen verkehrten jene, die nicht hinüber durften. Dazwischen: Kontrollen, Wachleute, Absperrungen. "Es herrschte ein bedrückendes Gefühl."

Inzwischen sitzen wir in der S-Bahn auf dem Weg zu seiner "Erkner-Geschichte", wie er sie nennt. Er war 22 Jahre alt und Zivildienstleistender, als er in jenem Sommer zu dem Abenteuer aufbrach, das, obwohl an sich kein großes Ereignis, seinen Blick auf die Welt verändern sollte. Von seinem Heimatstädtchen Speyer in der Pfalz reiste er nach Erkner. In dem Vorort von Ost-Berlin wollte er eine alte Dame besuchen. "Sie war die Schwester eines älteren Mannes, den ich während des Zivildienstes pflegte. Sie besuchte ihn oft und erzählte mir viel vom Leben in der DDR. Als sie hörte, dass ich nie dort gewesen war, lud sie mich ein."

Den "Zivi" Büchner muss man sich als einen neugierigen jungen Mann vorstellen, entschlossen in dem, was er tat, und auch in dem, was er nicht wollte. "Mit 16 wusste ich, ich würde Journalist werden", sagt er. Den ersten Job bei der Lokalzeitung hatte er sich über einen Fußball-Freund erfragt. Die Entscheidung, den Wehrdienst zu verweigern, war für ihn damals so klar wie heute: "Ein System von absolutem Befehl und Gehorsam, in dem ich nicht selbst denken und entscheiden darf, finde ich abstoßend." Die Reise in die DDR sah er als spannende Herausforderung.

"So fuhr ich also mit meiner damaligen Freundin in meinem karibikgelben, uralten Opel Ascona nach Erkner." Er zieht aus der Jackettasche einen kleinen Zettel, den "Berechtigungsschein zum Empfang eines Visums" der DDR. Er hat das Papier eigens herausgesucht. Nun hält er es wie einen Beweis in der Hand, dass es die DDR jemals gab, hier, wo jetzt an den S-Bahn-Fenstern die Welt bunt und frisch saniert vorbeizieht wie einst der "Westen". Uns gegenüber sitzt ein älteres Paar in Funktionskleidung. Die beiden haben Fahrräder und Packtaschen dabei und versuchen, nicht zu uns zu schauen. Neben Büchner lässt sich ein dicklicher Junge aus pinkfarbenen Kopfhörern mit Musik zudröhnen. Die anderen Fahrgäste hören höflich über unser aufgeregtes Erzählen weg. Man braucht heute kein Visum mehr für Erkner.

Büchner erinnert sich an die Fahrt über die holprigen Landstraßen der DDR. "Mit dem Visum mussten wir uns nicht an die Transitstrecken halten." In einer Gaststätte eckten sie an - sie hatten sich einfach an einen Tisch gesetzt, ohne zu fragen. "Man wurde ja 'platziert', wie das damals hieß." Er erinnert sich an die seltsamen Aromen des Ostens, Würzfleisch, Soljanka, "das alles war für uns exotischer als alle Länder, in denen wir bisher Urlaub gemacht hatten". Und an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. "Man hatte uns vorher eingebläut, uns bloß an alle Vorschriften zu halten." Angekommen in Erkner, mussten sie sich als Erstes bei der Polizei melden. Die DDR führte genauestens Buch über Besucher, zumal aus dem Westen. Dann ließ die alte Dame ihre Gäste am alltäglichen Leben teilhaben. "Wir begleiteten sie zum Einkaufen im Konsum, zu Hause zeigte sie uns, wie die Butter in der Pfanne einfach verdampfte, weil sie mit Wasser gestreckt war", sagt Büchner.

Unsere S-Bahn passiert jetzt den Alexanderplatz, die Nikolaikirche spitzt hinter sandfarbenen Kaufhäusern heraus. Büchner schildert jenes Erlebnis am Alex, das ihn damals am meisten bedrückte. "Eines Abends fuhren wir mit der S-Bahn nach Ost-Berlin, liefen durchs Nikolaiviertel und gingen schließlich im 'Gastmahl des Meeres' am Alex essen. Dort setzten sich zwei Studenten zu uns." Obwohl sie sich auf Anhieb sympathisch gewesen seien, sagt Büchner, "war es eine beklemmende Situation, denn man konnte sich nicht offen unterhalten". Ob sie Geld schwarz getauscht hätten, wollten die DDR-Studenten wissen, und sie hatten noch mehr Fragen. "Wir wussten nicht, was antworten, und waren unsicher, ob die beiden nicht am Ende von der Stasi waren", sagt Büchner. "Andererseits fühlte ich mich schlecht, weil ich solche Gedanken hatte." Das altmodische Tuten der S-Bahn passt zu dieser gedanklichen Reise in die Vergangenheit. Der "Reichsbahnwarnton" hat wie das Ampelmännchen die DDR überlebt.

Dann holt uns eine Automatenstimme zurück in die Gegenwart. "Nächste Station Erkner." Er sei nach dem Besuch kein zweites Mal nach Erkner gereist, sagt Büchner und erzählt das Ende seiner Geschichte. Noch als Zivildienstleistender hatte er sein Abenteuer auf der Jugendseite eines katholischen Kirchenblattes veröffentlicht. Es war nicht sein erster Artikel - aber wohl jener, mit dem er zum Journalisten reifte. "Eine Ausgabe des Blattes hatte ich der alten Dame geschenkt, als sie wieder zu Besuch in Speyer war. Sie nahm es aus Versehen mit auf die Rückfahrt, wurde an der Grenze gefilzt und mein DDR-kritischer Text konfisziert. Danach war es ihr zu heikel, mich noch einmal einzuladen." Dass die DDR ein Unrechtsstaat war, sagt Büchner, habe er natürlich auch vorher gewusst. "Aber erst, wenn man jemanden persönlich kennenlernt und die Umstände mit eigenen Augen sieht, beginnt man wirklich zu verstehen." Ob die Dame noch lebt, will ich wissen. Büchner schüttelt den Kopf. "Sie war damals schon sehr alt." Er hat sie nicht wiedergesehen.

Knapp zwei Jahre später war er zwar wiederum im karibikgelben Ascona auf dem Weg nach Osten. Diesmal jedoch ohne Visum, die Mauer war gefallen und der Jungjournalist auf dem Weg zu seinem ersten Job als Zeitungsredakteur in Halle.

Unsere Schritte knirschen jetzt auf dem rissigen Pflaster des Bahnsteigs von Erkner. Die altmodischen Häuschen der Abfertiger sind noch da, fast erwartet man den typischen Geruch nach Braunkohle und Zweitaktbenzin. Doch der Bahnhof hat nicht die DDR, sondern die Nachwendezeit konserviert. Im Ausgang sitzt eine schüchterne Vietnamesin am Blumenstand. Am Vorplatz wirbt eine einsame Pizzeria für Gerichte ab 1,50 Euro. "Gehen wir was essen? Oder suchen das Haus?", fragt Büchner in die Totenstille hinein. Ein Blick aufs iPhone, kurzes Abwägen: Eine schnelle Reportage aus Erkner oder doch lieber die pünktliche Rückkehr ins Chefredakteursleben?

Wir verpassen den Zug

Auch wenn er heute vorwiegend die Rolle des Redaktionsmanagers habe, sagt Büchner, "manchmal macht der Reporter in mir noch Phantomschmerzen". Acht Jahre berichtete er für die Agenturen AP und Reuters, sah Schönes und auch Schreckliches wie die verbrannten Häuser von Mölln, wo 1992 drei Menschen bei einem fremdenfeindlichen Anschlag starben. Den Versuch, neben der Arbeit sein Politikstudium zu beenden, gab er auf. "Die wirkliche Welt war einfach spannender als die Uni." Ein Tuten vom Bahngleis: Wir verpassen gerade den Zug zurück nach Berlin. Unser Blick fällt auf ein glänzendes BMW-Taxi. Auf nach Erkner! Der Fahrer findet die Adresse sofort, die in Büchners Visum eingetragen ist. Das Haus der alten Dame steht in verschlissenem DDR-Grau zwischen grellen Supermärkten wie ein verlebtes Möbelstück. Büchner beschließt, ein anderes Mal wiederzukommen.

Auf der Rückfahrt sprechen wir über Berlin, wie es heute ist. Büchner pendelt wie viele seiner Mitarbeiter zwischen Berlin und Hamburg, wo die dpa bis 2010 ihren Hauptstandort hatte. Die Wochenenden gehören seiner Frau und den Töchtern, drei und sieben Jahre alt. "Ich mag Hamburg, aber Berlin ist einmalig. Die Stadt hat eine unglaubliche Energie und zeigt andererseits offen ihre Wunden. Berlin ist einfach, wie es ist." Wir fahren jetzt an verfallenen Fabriken vorbei und an einem Mega-Spielkasino. "Wo sind wir eigentlich?", überlege ich laut. "Ich weiß nicht", sagt Büchner. "Keine Ahnung", sagt auch der Taxifahrer. Das Navi immerhin weiß: Oberschöneweide.

Unser Fahrer stammt aus Erkner, er kennt Berlin nicht besonders gut. Nicht die Markgrafenstraße, nicht die Zimmerstraße, wo dpa-Chef Büchner täglich am Mahnmal für Peter Fechter vorbeikommt, der 1962 auf der Flucht an der Mauer erschossen wurde. Wir zeigen dem Mann aus Erkner den Taxistand am Axel-Springer-Verlag. Seine Berliner Kollegen stehen, zwei Räder im Osten, zwei im Westen, direkt auf dem gepflasterten Mauerstreifen, der an die Teilung erinnert.

Dass die dpa heute an diesem historischem Ort arbeite, sagt Büchner, sei für ihn ein schöner Gedanke. "Die Agentur wurde ja 1949 gegründet, damit Nachrichten in Deutschland wieder frei verbreitet werden konnten, ohne staatlichen oder politischen Einfluss." Wie viel der täglichen Nachrichten von Agenturen wie der dpa stammen, ahnen die meisten Menschen nicht. Büchner nennt seinen Job das "Schwarzbrot des Journalismus". Er liefere "Halbfertigware, die beim Kunden veredelt wird". Agenturjournalisten sind sozusagen die unsichtbaren Geister der Nachrichtenwelt. Sie treten nur selten namentlich in Erscheinung und nie in der Ich-Form. Aber sie sind dennoch überall präsent, in der wirklichen Welt, wo die Dinge geschehen, über die sie berichten.