Grüne

Fünf Minuten für den Protest gegen die Parteispitze

Es ist ihr Job, Nein zu sagen. Zu rebellieren. Die Parteispitze zu nerven. Sie wird fünf Minuten haben. In diesen fünf Minuten muss Gesine Agena dem Sonderparteitag der Grünen in Berlin erklären, warum man dem schwarz-gelben Atomausstieg nicht zustimmen darf.

"Diesen Erfolg, den überlass ich nicht Frau Merkel", begründete Parteichefin Claudia Roth, warum sie und die obersten Grünen im Bundestag aber dafür stimmen wollen. Der linke Parteiflügel - und damit auch Gesine Agena als Sprecherin der Grünen Jugend - will das immer noch nicht.

Gesine Agena sitzt vor einer Latte macchiato in einer Bar am Boxhagener Platz in Friedrichshain. Ein paar Meter weiter hängt ein Banner mit der Aufschrift "Atomkraft? Nein danke!" vom Balkon. Die 23-Jährige wohnt um die Ecke, kommt von einem Biolandhof in Ostfriesland, studiert Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Potsdam. Für eine Rebellin ist sie bemerkenswert unrebellisch. Sie regt sich nicht über Angela Merkel auf, die erst die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängerte und nach der Katastrophe von Fukushima eine 180-Grad-Drehung machte. Sie blickt einen nicht fassungslos an, wenn sie über den Hunger und das Sterben in Afrika redet. Und sie pinkelt auch niemanden aus der Grünen-Spitze ans Bein.

Angepasst könnte man diesen Kurs nennen, diplomatisch. Alles andere als angepasst sind jedoch ihre politischen Ziele, die sich zwischen naiv und utopisch bewegen. So will sie nicht nur ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat erreichen, sondern auch eine Überwindung des Kapitalismus und der Nationalstaaten. Die Grünen seien früher radikaler gewesen, sagt sie, wichtig sei, sich die Visionen zu erhalten.

Und so muss man ihr auch eine einigermaßen klare Aussage zu den Krawallen am Stuttgarter Hauptbahnhof, wo am Montag sogar ein Polizist verletzt wurde, aus der Nase ziehen. Erst lacht sie, dann windet sie sich, verurteilen möchte sie das jetzt irgendwie auch nicht. Schließlich sagt sie den Satz: "Ich persönlich würde keine Gewalt anwenden, das gehört auch zu den Grundsätzen der Grünen Jugend."

Sachlich will sie auch ihre Rede vortragen. Der Parteitag soll ruhig ablaufen, nicht so nervenaufreibend wie der 1999, als linke Gegner des Kosovo-Krieges den damaligen Außenminister Joschka Fischer mit einem Farbbeutel am Kopf trafen. Die Grüne Jugend bringt einen von vier Änderungsanträgen ein. Sie wollen Nachbesserungen im Atomausstiegsgesetz. "Ein grünes Gütesiegel für den Atomausstieg", wie Gesine Agena sagt. Dazu gehören dann nicht nur Fragen der Reaktorsicherheit und der Endlagerung. Sondern auch ein früheres Abschalten: 2022 sei viel zu spät, über das Jahr 2017 müsse verhandelt werden. Überhaupt ist Gesine Agena sehr skeptisch, weil die letzten sechs Reaktoren erst in den Jahren 2021 und 2022 vom Netz genommen werden sollen.

Es ist unwahrscheinlich, dass Merkel mit den Grünen nachverhandelt. Erstens hat sie die Stimmen von Union, FDP und SPD. Zweitens würde sie dann endgültig die Basis der Union gegen sich aufbringen. Der Sonderparteitag ist vielleicht wichtig für die Partei und die Bewegung, weil er mit der Atomfrage einen Gründungsmythos der Grünen berührt. Aber für die Zustimmung in Bundestag und Bundesrat ziemlich irrelevant. Der Kanzlerin ist es wahrscheinlich herzlich egal, was dort beschlossen wird. Gesine Agena glaubt nicht, dass es sich lediglich um eine symbolische Sache handelt. "Ich weiß nicht, ob sie verhandeln will, aber wir sollten Verhandlungen verlangen", sagt sie.