Bundesfreiwilligendienst

"Wir müssen jetzt selbst junge Menschen begeistern"

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat bereits acht Verträge für den Bundesfreiwilligendienst abgeschlossen.

"Immerhin", sagt die für die Umsetzung verantwortliche Gabriele Schlimper. Woanders seien noch viel weniger Verträge unterschrieben worden. In der Berliner Stadtmission etwa. Dort hat sich bisher noch niemand zum Bundesfreiwilligendienst gemeldet. Aber wie können acht Freiwillige die 800 Zivildienstleistenden ersetzen, die in einer Woche ihren letzten Arbeitstag haben werden? "Gar nicht", sagt Gabriele Schlimper. Es werde keinen reibungslosen Übergang vom Wehrersatzdienst zum Bundesfreiwilligendienst geben. Gabriele Schlimper spricht von einem Paradigmenwechsel. "Wir müssen jetzt lernen, selbst junge Menschen für ein soziales Engagement zu begeistern." Die Mitglieder des Paritätischen Wohlfahrtsverbands müssten in die Schulen gehen und die Jugendlichen darüber informieren. "Aber jetzt geht das noch nicht, wir wissen noch nicht in allen Einzelheiten, wie wir den jungen Menschen ein attraktives Angebot machen können", sagt Gabriele Schlimper. Sie würde sich wünschen, dass der Bund die neue Maßnahme nach der Aussetzung der Wehrpflicht nicht nur drei Wochen in Großstädten mit Plakaten bewirbt, sondern lange und flächendeckend. Die Auswirkungen auf die Mitglieder des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes seien derzeit nicht absehbar.

Chance für Langzeitarbeitslose

"Ein Jahr braucht es aber mindestens, bis sich alle darauf eingestellt haben", sagt Gabriele Schlimper. Eine große Chance sei der Bundesfreiwilligendienst für Langzeitarbeitslose. "Sie bekommen nicht nur ein Bildungspaket mitgeliefert, sondern erhalten Anbindung an den Arbeitsmarkt."

Auch beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) Berlin kann kein Andrang auf den Bundesfreiwilligendienst festgestellt werden, sagt DRK-Sprecher Rüdiger Kunz. Vier Freiwillige hätten sich bisher gemeldet. Alle seien über 50 Jahre alt, "unsere älteste Helferin ist 72". Der Dienst sei für Senioren interessant, weil mit der einjährigen Tätigkeit der Rentenanspruch verlängert werden könne. "Die meisten wollen aber einfach trotz Rentenalter nicht alleine zu Hause sein und bringen sich deshalb ein", sagt Kunz. Natürlich könnten die Senioren nicht die Arbeit eines Zivildienstleistenden ersetzen. "Schwere körperliche Tätigkeiten sind da nicht drin." Der Einsatz der Helfer müsste verändert werden. Der entfiel zum Teil auf die Jugendlichen, die ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) beim DRK Berlin absolvieren.

Im Gegensatz zum Bundesfreiwilligendienst ist das FSJ altersbeschränkt und kann nur bis zum Alter von 27 Jahren absolviert werden. "Besonders spannend ist für viele junge Menschen der Bildungsaspekt", meint Rüdiger Kunz. Viermal jährlich würden die Jugendlichen eine Woche lang geschult, setzen sich in Seminaren nicht nur mit den Grundlagen sozialer Tätigkeit auseinander, sondern eignen sich auch Allgemeinwissen wie Kreativitätstechniken an. Auf die 200 FSJ-Plätze des DRK seien 1200 Bewerbungen eingegangen. Und seit der Aussetzung der Wehrpflicht habe sich der Anteil der männlichen Bewerber von zehn auf 35 Prozent erhöht. Eventuelle Lücken nach dem Auslaufen des Zivildienstes könnten so geschlossen werden. "Das war geplant. Wir haben uns schon eine Weile auf die neue Situation vorbereitet", sagt Rüdiger Kunz.

Im kommenden Jahr könne sich die derzeit dünne Bewerbungslage ändern, meint Hans-Wilhelm Pollmann, Landesgeschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Berlin. "Dann geht in Berlin der doppelte Abiturjahrgang von den Schulen." Junge Menschen, die nicht sofort einen Ausbildungsplatz finden würden, könnten sich dann für eine freiwillige soziale Tätigkeit entscheiden. In diesem Jahr sei die Lage jedoch schwierig: "Die Entscheidung des Bundestags Ende April zur Aussetzung des Wehrdienstes kam zu kurz vor Ende diesen Schuljahres", sagt Hans-Wilhelm Pollmann. Erst spät sei klar geworden, ob und wie der Bundesfreiwilligendienst eingeführt wird. Auch bei der AWO Berlin sind nur wenige Bewerbungen zum Freiwilligendienst eingegangen. Die 380 FSJ-Stellen können die fehlenden Zivildienstleistenden nicht ersetzen. Nachteile hat das vor allem für die Pflegebedürftigen. "Bestimmte Leistungen sind nicht mehr möglich, wenn wir nicht mehr diesen Kreis jugendlicher Helfer haben", sagt Hans-Wilhelm Pollmann. Das persönliche Gespräch, Einkaufsfahrten oder ein Ausflug im Rollstuhl - für auf Hilfe angewiesene Menschen fällt dann ein Stück Lebensqualität weg.