Der russische Kriegsveteran Lew Netto:

"Wir fühlten uns verraten und verkauft"

Mit glänzenden Augen und den Kopf voller Erinnerungen sitzt der russische Kriegsveteran Lew Netto am Tisch seiner Wohnung in Moskau. "Deutsche bedeuten mir viel. Einer hat sogar mein Leben gerettet", sagt der Rentner vor dem 70. Jahrestag des Überfalls von Hitler-Deutschland auf die Sowjetunion an diesem Mittwoch.

Längst hat der 86-Jährige seinen Frieden mit den einstigen Feinden gemacht. Zu gern würde er jene Sachsen wiedersehen, bei denen es ihm nach dem Krieg so gut ging. Stattdessen schickte ihn Sowjetdiktator Stalin nach Sibirien.

Auf Wunsch seines Vaters schreibt sich der damals 16-Jährige bei einer Kadettenanstalt ein. "Als uns die Deutschen angriffen, waren wir schockiert und wütend. Das waren doch Verbündete." Zunächst arbeitet Lew als Dreher, 1943 zieht ihn die Sowjetarmee ein. Der 18-Jährige meldet sich zum Einsatz Richtung Weißrussland.

"Wir sollten den Deutschen den Weg nach Kursk erschweren", sagt Netto. Bei der größten Panzerschlacht des Zweiten Weltkriegs bei der westrussischen Stadt Kursk verliert allein die Wehrmacht etwa 50 000 Soldaten. Über Leningrad (heute St. Petersburg) kommt Netto nach Estland. Seine Aufgabe: Partisanenkrieg gegen die Wehrmacht. "Aber der versprochene Nachschub kam nie an. Wir fühlten uns verraten und verkauft."

Als ihn ein Zivilist als "Stalin-Bandit" beschimpft und mit einer Axt erschlagen will, warnt ihn ein Wehrmachtsoffizier. "Gerettet von einem Deutschen. Das Leben ist erstaunlich." In Lagern in Thüringen und Hessen muss der Russe Zwangsarbeit leisten - bis zu einem Morgen 1945: "Unsere Wachen waren weg, stattdessen schauten wir in schwarze Gesichter. Amerikanische Soldaten! Wir waren frei." Als vielleicht schönste Zeit seines Lebens schildert Netto die folgenden Monate auf einem Bauernhof bei Plauen. "Der Mann war gefallen, die Witwe sagte: 'Du bist 20, meine Tochter ist 16, und der Hof braucht starke Hände.'" Doch schweren Herzens nimmt er Abschied. "Die Heimat rief."

Statt Orden erwarten ihn Hochverratsvorwürfe: Der Geheimdienst hielt ihn für einen US-Agenten. Drei Monate lang wird Netto gefoltert. Er "gesteht" unter der Drohung, dass seinen Eltern Schlimmes geschehe, und wird zu 25 Jahren Lagerhaft im sibirischen Norilsk verurteilt - mit bis zu 50 Grad Frost. Fast gleichzeitig wird sein Bruder Igor als einer der besten Fußballer der UdSSR gefeiert. Netto kommt nach acht Jahren, nach Stalins Tod, frei und wird später rehabilitiert: "Wofür wir bestraft wurden? Ich weiß es nicht."