Euro-Krise

"Die Deutschen saugen unser Blut aus"

Vor dem Athener Parlament schwankt ein Galgen, etwa drei Meter hoch, vier Schlaufen baumeln daran. Vier vermutlich nur deswegen, weil nicht mehr darauf passten, auf die selbst gebastelte Konstruktion, die ein bärtiger Mann in schweißbeflecktem T-Shirt durch die Menge der Demonstranten trägt.

Alle Politiker müssten gehenkt werden, sagt er, alle, die da im Parlament das schwer verdiente Geld des Volkes verschenken, an die Deutschen und ihresgleichen.

Sie sind nur aus Gummi, die Schlaufen, und es soll witzig sein, aber es ist die Art von Witz, wo einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Wieder sind Tausende, vielleicht zehntausend Menschen vor dem Parlament zusammengeströmt, um gegen die neueste Runde von Sparmaßnahmen zu protestieren. Man nennt sie die Friedlichen, oder die "Leisen", weil sie keine Steine schmeißen oder mit Molotowcocktails um sich werfen. Aber als eine Art Zwischending zwischen anklagendem Zeigefinger und Schusswaffe zielen viele hier mit Laserstrahlen auf alles, was ihrer Meinung nach in die Schusslinie gehört. Das Parlament natürlich, und die Polizisten davor, und die Kameras der verhassten TV-Sender, die "immer nur lügen und alles verzerrt darstellen".

Aber als auf einem Balkon des Luxushotels "Grande Bretagne" (Großbritannien) am Syntagma-Platz einige Hotelgäste erscheinen, um auf ihren iPhones und Fotoapparaten den Massenprotest da unten festzuhalten, da schwirren die grünen Laserpunkte wie surreale Hornissen auf ihnen herum: Seht, da sind sie, die Reichen, die Ausländer, die Schuldigen. Die Bösen.

Es geht nicht mehr um "richtig" oder "falsch" in Griechenland, jedenfalls nicht bei den Demonstranten - denn das würde ja eine Suche nach Lösungen bedeuten, doch Lösungen gibt es nicht. Es geht darum, wer schuld ist, es geht um Gut und Böse, es geht darum, wer bestraft werden muss. Das Volk verlangt Opfer und hat bislang keine bekommen.

Böse, schuldig sind vor allem die Deutschen, sie gehören mehr bestraft als sonst wer. "Deutschland raus aus der EU!", lautet ein Slogan und ein anderer, auf Deutsch: "Kommt, holt es euch." Das Geld nämlich, das Griechenland schuldet und zu einem guten Teil deutschen Banken schuldet. "Merkel = Nazi" steht auf einem anderen Transparent, und eines der beliebtesten Symbole auf den Demonstrationen ist die EU-Fahne mit gelbem Hakenkreuz in der Mitte. Am Freitag trat als Sprecher ein gewisser Manolis Glesos auf, zu großem Beifall, denn der greise Mann kämpfte seinerzeit als kommunistischer Partisan gegen die Nazis.

"Natürlich sind die Deutschen mit schuld", sagt Dimitra, eine junge Archäologin. "Sie haben uns alle möglichen Kredite aufgeschwatzt für Projekte, die keinen Sinn ergeben. Unsere Politiker haben sich daran mit bereichert, aber die Deutschen gaben die Kredite, obwohl sie genau wussten, dass es absurd ist." Sträflich auch, in den Augen der Demonstranten hier, ist das bisherige "Rettungspaket". Und auch das nächste, über das jetzt gerade verhandelt wird, werde "böse" sein und nur den Deutschen nutzen. Denn "die Deutschen saugen unser Blut aus, sie nehmen Kredite auf am Weltmarkt für zwei oder drei Prozent, und dann leihen sie uns gnädig das Geld weiter, aber für sechs Prozent, sie machen also 100 Prozent Profit. Es sind Aasgeier", sagt Peter, Wortführer einer kleinen Gruppe von Freunden, die sich auf Facebook zum Protest verabredet haben. Er hat sich ein Plakat gemalt, das jetzt um seinen Hals baumelt. Darauf ist das Parlament zu sehen, darüber ein Helikopter, auf einer Leiter klettert ein Politiker hoch ins rettende Gefährt.

Die Botschaft ist klar: "Diese Gaunerbande im Parlament wird fliehen müssen", sagt er, "oder sich eines Tages, bald hoffentlich, für ihre Verbrechen vor Gericht verantworten."

Merkel so unbeliebt wie Hitler

Mittlerweile ist Bundeskanzlerin Merkel etwa so unbeliebt wie Adolf Hitler, denn auch in Griechenland findet man am linken wie am rechten Rand des politischen Spektrums zunehmend Stimmen, die "Israel" und die "jüdische Lobby", beziehungsweise das "Weltjudentum" für die Wirtschaftskrise verantwortlich machen. "Hitler hat damals mit denen aufgeräumt, diese Stärke bewundere ich", sagt ein etwa 60-jähriger Mann, der seinen Namen nicht sagen will. "Ich meine, es war nicht gut, sie alle umzubringen, das nicht, aber diese Stärke brauchten wir Griechen auch." Hitler finden also manche noch gut, Frau Merkel aber, laut einer aktuellen Umfrage, bezeichnen mittlerweile 80 Prozent der Griechen als unsympathisch.

Die Demonstranten auf dem Syntagma-Platz empfinden ihr Land als "von Deutschland besetzt", wie damals unter Hitler, und Berlin als Kolonialmacht, die den letzten Pfennig aus den braven, wehrlosen Griechen herauspresst. Dank einer Clique verdorbener Kollaborateure (aus der Sicht der Demonstranten), die das böse Spiel mitspielen - nämlich die Regierung und die Abgeordneten im Parlament. Die, die am Galgen baumeln sollen.

Aris, ein erfolgreicher Bauunternehmer, sieht es abgeklärt und ohne Gefühlsaufwallungen: "Deutschland braucht Südeuropa als Absatzmarkt, deswegen bekamen wir und all die anderen Länder ja die ganzen deutschen Kredite. U-Boote und Panzer, Autobahnen und dergleichen mehr. Wir sind Deutschlands ,Hinterhof', so, wie Lateinamerika der Hinterhof der USA ist. Deswegen kann Deutschland uns auch nicht ohne Weiteres zusammenbrechen lassen, denn dann bricht es selbst zusammen. Es wird zahlen. Wenn nicht, dann bedeutet das, dass Südeuropa als Markt zu bedeutungslos geworden ist für Deutschland, dann wird man es gehen lassen, also vielleicht aus der EU entlassen."

Auch an der griechischen Korruption sind die Deutschen schuld. "Siemens" lautet hier das Schlagwort, da geht es um eine in den Medien breit abgehandelte Bestechungsaffäre vor einigen Jahren. "Es sind doch die deutschen Unternehmen, die unsere Politiker kaufen, um lukrative Verträge an Land zu ziehen", sagt Panos, ein pensionierter Lehrer.

Die Regierung scheint das auch so zu sehen: Im Zusammenhang mit der Bestechungsaffäre "ist es der starke Wille der Regierung, dass der Staat entschädigt wird", sagte Regierungssprecher Giorgos Petalotis im Januar. Es geht um sehr viel Geld, um riesige Aufträge über lange Jahre hinweg, in den 90er-Jahren zur Modernisierung des Telefonnetzes, um Kommunikationssysteme für die Armee und um das elektronische Überwachungssystem für die Olympischen Spiele 2004. Griechenland darf tatsächlich auf satte Entschädigungen hoffen: Siemens hatte sich vor einigen Jahren in ähnlichen Fällen mit den USA auf ein Bußgeld von einer Milliarde Euro geeinigt.

Ein Untersuchungsausschuss des griechischen Parlaments hatte die eigene Siemens-Affäre durchleuchtet und herausgefunden, dass die halbe griechische Regierung der damaligen Jahre bestochen worden war, allen voran der damalige Ministerpräsident Kostas Simitis. Waren sie nun schuld oder Siemens? Deutsche Geschäftsleute in Athen sehen es natürlich umgekehrt - Griechenland ist eben korrupt, und man müsse sich den Marktverhältnissen anpassen, um Geschäfte zu machen, oder es gar nicht erst versuchen.

Was kam zuerst, die korrupten Politiker oder korrumpierende Firmen? Korrumpierende Deutsche, meinen die Demonstranten auf dem Syntagma-Platz, und sie meinen, dass sich auch heute nichts geändert hat und auch nichts ändern wird, wenn man nicht ein ganz neues politisches System erzwingt. Welches, das wissen sie auch nicht so genau, aber jedenfalls eines, das die Kapitalisten und die Deutschen das Fürchten lehrt.

Dunkle Visionen einer fremdbestimmten Katastrophe, an der niemand Schuld trägt außer ein paar sehr reichen Menschen, die dafür hart bestraft werden müssen. Und die Lösungen, die man sich vorstellt, haben mehr oder minder alle mit einer Beendigung der freien Marktwirtschaft zu tun. "Wir erleben das Ende des kapitalistischen Systems", sagt Bill Zahos, ein betuchter Architekt. "Wer hätte gedacht, dass es so schnell nach dem Zusammenbruch des Kommunismus kommt." Er demonstriert nicht, er schaut nur interessiert zu, in Erwartung "sehr schneller, sehr tiefer Veränderungen, nicht nur hier, sondern in ganz Europa".