Libyen

Der langsame Marsch der Rebellen auf Tripolis

Da ist er schon wieder: Dieser Donnerhall vom Abschuss der Grad-Raketen, dem ein bedrohliches Surren folgt, mit dem die aus Leichtmetall gebauten Flugkörper durch die Luft rauschen. Adil, der gerade beim Bäcker nach Brot fragt, hebt nur kurz den Kopf, abwartend, wie nah der Einschlag erfolgt. Es trifft ein kleines Wohnhaus, keine 300 Meter entfernt.

Weißer Rauch steigt in den Himmel. Wortlos fährt Adil mit seinem frischen Brot davon, als wäre nichts passiert.

Grad-Einschläge sind Alltag. Seit mehr als zwei Monaten steht seine Heimatstadt al-Galaa unter dem Beschuss dieser bis zu drei Meter langen Raketen russischen Fabrikats. Sie können mehrere Häuserwände durchschlagen und hinterlassen riesige Löcher. "Mal sind es 20, mal 40 Stück pro Tag", sagt Mohammed Glaawit, ein eloquenter, älterer Herr mit grauem Bart, der zum lokalen Übergangsrat gehört. "Als uns Gaddafi-Truppen eingekesselt hatten, war es am Schlimmsten, aber besiegen konnten sie uns nicht."

Al-Galaa ist die letzte Bastion der Rebellen, die äußerste Frontlinie im Herzen der Nafusa-Berge, einem Hochplateau rund 230 Kilometer von der tunesischen Grenze entfernt. Ende Mai hatte in dieser hauptsächlich von Berbern bewohnten Bergregion der bewaffnete Aufstand gegen das Gaddafi-Regime begonnen. Als Strafaktion wurden zuerst die Wasser- und die Stromzufuhr gekappt. Im April folgte die libysche Armee, die einen brutalen Krieg gegen die Bevölkerung begann und mehrere Städte besetzte. Es war eine Orgie der Gewalt und Verwüstung.

Mittagessen in al-Galaa. In einem zur Kaserne umfunktionierten Gebäude des libyschen Roten Halbmondes sitzen die Kämpfer an langen Tischen. Die Kalaschnikows immer in Reichweite. In großen Blechschüsseln werden Makkaroni mit Kichererbsen in scharfer Tomatensoße serviert. Der Koch bringt Salat mit Oliven. "Oh, frische Vitamine gab es schon lange nicht mehr", sagt Khaled, einer der Kämpfer am Tisch. Seit die Rebellen Warsan, den Grenzübergang zu Tunesien, Ende April besetzen konnten, kommen Grundnahrungsmittel, aber auch hin und wieder Obst und Gemüse in die Berge.

Informatiker und Bankangestellte

Khaled ist einer der wenigen, der feste Schuhe trägt und in Olivgrün gekleidet ist. "Nein, nein, ich war kein Soldat in der Armee", beteuert der 29-Jährige. "Ich arbeitete als Informatiker bei einer US-Firma in Tripolis." Fast alle seiner Kameraden hatten vor dem Aufstand gegen Staatschef Muammar al-Gaddafi normale Berufe. "Ich war Bankangestellter", ruft ein schmächtiger Kerl über den Tisch. "Ich war Ingenieur bei einer Erdölfirma", meint ein anderer. Es ist eine bunte Mischung aus Bauern, Arbeitern, Akademikern und Angestellten, die jetzt gemeinsam aus großen Schüsseln ihr Essen löffeln und jeden Tag sterben können.

"Was bleibt uns anderes übrig?", fragt Khaled, der Computerspezialist. "Wir wollten diesen Krieg nicht, aber Gaddafi hat ihn uns aufgedrängt. Wir müssen für unsere Freiheit kämpfen, sonst werden wir von diesem Verbrecher getötet oder verrotten in seinen Gefängnissen."

Den Kämpfern steckt die Müdigkeit in den Knochen. Sie sind gerade von der Front zurückgekommen. Vergeblich hatten sie versucht, Safit, einen strategisch wichtigen Berg einzunehmen.

In den Rebellengebieten der Nafusa-Berge wird überall von einer großen Attacke auf Tripolis gemunkelt, die bald bevorstehe. Darüber sprechen will keiner der Rebellenmilitärs. "Wir können nicht an eine große Offensive denken", sagt Dschamal Hadi Bouasis, ein pensionierter Oberst. Er hat, wie viele andere zu den Rebellen übergelaufenen Offiziere, noch im Krieg seines Landes gegen den Tschad (1978-1987) gedient. Eine Erfahrung, die für die Rebellen unverzichtbar ist. "Wir haben zwar genügend Kämpfer, aber nicht ausreichend Waffen für sie", erklärt der Oberst. Es fehlt vor allem an schweren Waffen. Und die Nato helfe ihnen nicht wirklich: "Sie haben mal ein Munitionsdepot bombardiert, aber seit drei Monaten wurden keine Angriffe mehr geflogen."

Auch an der Frontlinie in al-Galaa ist man von der Nato enttäuscht. "An manchen Tagen kann man zwar ihre Flugzeuge kreisen hören", erzählt Mohammed Glaawit vom städtischen Organisationsrat, "aber Bomben fallen keine." Die Passivität der Nato mache ihnen das Leben schwer, resümiert er. Täglich fallen allein hier manchmal bis zu fünf Rebellen. Natürlich wolle man möglichst bald in die Hauptstadt, aber aktuell sei das schwierig. Angedacht ist eine Zangenbewegung, mit der man auf Tripolis vorstößt: aus dem Osten von Bengasi und vom Westen her aus den Nafusa-Bergen. "Aber bevor wir uns darüber den Kopf zerbrechen, müssen wir hier zuerst einmal dringende Probleme lösen", fügt Glaawit ernst an. Er zeichnet einen Plan auf. "Al-Galaa ist von drei Seiten von Gaddafi-Truppen eingeschlossen. Hier, hier und hier". Er malt drei Kreuze aufs Papier. "Wir müssen unbedingt einen zusätzlichen Zugang öffnen." Wie man das machen werde, könne er jedoch nicht verraten. Das ehemalige Gebäude des libyschen Roten Halbmonds ist voll mit Kämpfern, die aus der Gegend zusammengezogen wurden. Im Hof fahren ständig Militärfahrzeuge vor. Es herrscht eine seltsame Spannung, als könnte es jeden Augenblick losgehen.

Und am nächsten Morgen ist es auch schon so weit. Kurz nach Sonnenaufgang warten rund 100 Rebellen im Hinterhof einer Schule auf ihren Einsatzbefehl. Kalaschnikows werden noch schnell mit Spray geölt, die zwölfrohrigen Raketenwerfer gefettet, Patronen mit dem Pinsel vom Staub gesäubert und in die 100 Schuss fassenden Magazinboxen eingelegt. Aus einem Waffendepot in der Schule holt man Panzerfäuste und französische Milan-Panzerabwehrraketen, die das Golfemirat Katar an die Rebellen geliefert hat. Einige der Kämpfer sitzen noch beim Frühstück, neben den Fahrzeugen. Es gibt Datteln und Milch. Angst vor dem Tod oder auch nur Nervosität ist bei den meist jungen Kämpfern, die überwiegend in Jeans, T-Shirt und Sommerschuhen in den Krieg ziehen, nicht zu spüren. Lässig haben sie sich die Reservemagazine für ihre Kalaschnikows in die Hosentaschen gesteckt. Dass manche ihrer Gewehre über 30 Jahre alt sind, stört sie wenig. "Hauptsache sie funktionieren", sagt ein großer, muskulöser Typ, der sich beschwert, wegen des Krieges keine Zeit mehr für das Fitnessstudio zu haben. "Hoffentlich geht es bald los", sagt er.

Alle scheinen voller Ungeduld, ja Vorfreude zu sein, die Handlanger Gaddafis aus ihrer Stadt zu vertreiben. Um acht Uhr erfolgt unter einem lauten "Gott ist groß" der Abtransport an die Front. Nach einem kleinen Fußmarsch sind sie um 8.30 Uhr am Fuß des Safit-Berges, hinter dem die Straße nach Tripolis liegt, in Position. Sofort wird die etwa 100 Mann starke Gaddafi-Kompanie oben am Hügel mit schwerem Feuer belegt. Die 14,5-Millimeter-Flugabwehrbatterien machen einen höllischen Lärm. Gleichzeitig gehen die 106-Millimeter-Raketenwerfer los. Die Truppen Gaddafis antworten mit Panzern und Mörsern. Scharfschützen warten darauf, dass anstürmenden Rebellen in ihre Schusslinie kommen - die Kampfmoral der Gaddafi-Truppen ist offenbar nicht besonders groß, sie versuchen, die Angreifer auf Distanz zu halten und direkte Kämpfe zu vermeiden.

Ab Mittag gibt es Munitionsengpässe. Ein Fahrer rast in Richtung Stadt los. Die Windschutzscheibe hat ein Einschussloch und das Glas droht durch den Fahrtwind ins Wageninnere zu bersten. Auf dem kleinen Bergpass hinunter nach al-Galaa nehmen Gaddafi-Soldaten das Auto ins Visier. Einen Meter hinter dem Wagen schlägt die Granate ein. Der Fahrer lacht kurz und zeigt auf den Rauch hinter dem Wagen.

Vom Elan ist nicht mehr viel übrig

In der Kaserne werden erneut Panzerfäuste, Panzerabwehrraketen und Maschinengewehrmunition geladen. Am frühen Nachmittag kommt der Sturm auf den Hügel zum Stocken. Ein Teil der Kämpfer nimmt Deckung in einem leerstehenden Haus. Keiner sagt ein Wort, aber man sieht sofort: Nach sechsstündigen Gefechten im Staub und Dreck bei mehr als 30 Grad ist die Stimmung trübselig, vom Anfangselan kaum mehr etwas übrig. Zwei Stunden später trifft Verstärkung ein. Neue Flugabwehrbatterien lassen ihre Geschosse auf die Stellung der Gaddafi-Soldaten niederregnen. Gegen 18 Uhr ist es endlich vorbei. Der Hügel ist gestürmt, die Gegner haben sich zurückgezogen. Freudensalven sind im Tal zu hören.

Aber der Sieg ist teuer erkauft. Drei der Rebellen sind tot, 33 zum Teil schwer verletzt. Vier Gaddafi-Soldaten verhaftet, wovon einer am nächsten Tag nach der Operation im Krankenhaus stirbt.