Wahlen

"Jetzt weiß jeder, wo die Türkei liegt"

Zeki Demirkapilar ist bester Laune. Das liegt nicht nur daran, dass der 62-Jährige den Pfingstmontag mit seinen Freunden gemütlich Tee trinkend auf dem Bürgersteig vor dem Fahrradladen an der Kohlfurter Straße verbringen kann, sondern auch am Wahlausgang in der Türkei.

"Vor ein paar Jahren wusste doch so gut wie niemand außerhalb der Türkei, wo auf der Weltkarte dieses Land überhaupt liegt", sagt Demirkapilar. "Aber Erdogan hat mit seiner AKP dafür gesorgt, dass sich das geändert hat", sagt er. Darauf sei er stolz und dafür schätze er den Mann. Leider, so der Händler, dessen Stand sonntags immer auf dem Trödelmarkt am Mauerpark zu finden ist, habe er selbst ihm seine Stimme nicht geben können: "Dafür hätte ich extra in die Türkei fliegen müssen, das konnte ich mir nicht leisten."

Auch Murat Arslan hätte Erdogan gern seine Stimme gegeben. Doch dem 33-jährigen Floristen, der bei Dilek Floristik an der Oranienstraße arbeitet, war die Heimatreise zu aufwendig. "Doch Erdogan hat die Türkei auch wirtschaftlich nach vorne gebracht, das ist schon eine tolle Leistung", findet der junge Mann. Kaum ein anderes Land hätte in den vergangenen Jahren ein ähnlich starkes Wirtschaftswachstum aufweisen können.

So wie Zeki Demirkapilar und Murat Arslan beurteile die Mehrzahl der in Berlin lebenden Türken den Wahlausgang in ihrem Heimatland überwiegend positiv, schätzt Hilmi Turan, Sprecher des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg (TBB). In Berlin leben rund 105 000 Türken, damit ist die deutsche Hauptstadt außerhalb der Türkei die größte türkische Gemeinde in Europa. "Umfragen hatten schon im Vorfeld gezeigt, dass weit über 60 Prozent der in Deutschland lebenden Türken die AKP gewählt hätten", sagt Turan. Eine Umfrage nur unter Berliner Türken habe es nicht gegeben, doch er sei davon überzeugt, dass Erdogan mit seiner Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) auch in der deutschen Hauptstadt deutlich vorne gelegen hätte. Doch die wenigsten hätten ihre Stimme abgegeben. "Der Aufwand, dafür extra in die Türkei zu reisen, war den meisten einfach zu groß", sagt Turan, der als Vertreter des TBB den Wahlausgang selbst nicht kommentieren möchte. "Wir sind ja als Vertreter aller Türken zu Neutralität verpflichtet", sagt er. Nur so viel: "Wir erhoffen uns von dem Wahlausgang, dass Erdogan sein Versprechen wahr macht und alle politische Kräfte beteiligt", so Turan, der wie viele seiner in Berlin lebenden Landsleute die Stimmauszählung am Sonntag im Fernsehen verfolgte. "Ich persönlich habe die Stimmauszählung im Vereinlokal von Anadoluspor an der Blücherstraße gesehen", sagt der TBB-Sprecher. "Von den rund dreißig Anwesenden hat die Mehrheit gejubelt", beschreibt er die Stimmung.

Husnü Özkanli hat die Wahl in seiner Heimat ebenfalls mit Interesse verfolgt. "Meine ganze Familie hat sich zu Hause vor dem Fernseher versammelt", sagt er. Die AKP habe zwar wie erwartet gesiegt, spannend sei es trotzdem gewesen. "Wir hoffen nun, dass den Worten des Ministerpräsidenten auch Taten folgen", sagt Özkanli, Vorsitzender der türkisch-deutschen Unternehmervereinigung (TDU) in Berlin. Der TDU vertritt rund 280 Mitgliedsunternehmen, nach Auskunft des Vereins sind etwa zehn Prozent der Mitglieder deutscher Herkunft. Die Mitglieder der TDU, so Özkanli weiter, seien in fast allen Wirtschaftsbranchen tätig und repräsentieren somit die gesamte Bandbreite des Berliner Unternehmerspektrums von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Wichtig für die türkischen Unternehmer in Berlin sei vor allem, dass die Anbindung ihres Heimatlandes an Europa voranschreite. "Dafür muss Erdogan sich einsetzen", fordert er. "Außerdem hoffe ich, dass Erdogan dafür sorgt, dass die Auslandstürken endlich auch im Ausland ihre Stimme abgeben können", so der Berliner Unternehmer, der sich darüber ärgert, dass er zwar die türkische Staatsangehörigkeit hat, jedoch von Berlin aus nicht wählen darf. "Mit dem Grundrecht auf Wahlfreiheit verträgt sich das in meinen Augen jedenfalls nicht", so der 60-Jährige.