Epidemie

"Bei uns ist die Stimmung trostlos"

Obwohl die Behörden ihre Warnung vor Blattsalat, Tomaten und Gurken gestern aufgehoben haben, rechnen Berliner Gastronomen und Lebensmittelhändler nicht damit, dass in ihrem Geschäft bald wieder Normalität einkehrt.

Vor allem der Verkauf von Sprossen - die jetzt alleine im Visier der EHEC-Ermittler stehen - stagniert beinahe vollständig.

"Bei uns ist die Stimmung trostlos", sagt Wolfgang Funkhauser, Geschäftsführer der Sprossenmanufaktur in Berlin. Im Produktionsraum der Fabrik züchten die neun Mitarbeiter normalerweise bis zu 1000 Kilogramm der Keimsprossen in der Woche, die sie an Hotels, Feinkostläden oder Restaurants verkaufen. "Die Produktionsmenge gibt die Nachfrage vor. Mittelfristig werden für uns erhebliche Schäden entstehen", sagt der Firmenchef. Diese Woche mussten Funkhauser und seine Mitarbeiter mangels Nachfrage 700 Kilo der Gewächse vernichten. Die Sprossenmanufaktur produziert nun auf "Sparflamme", wie der Geschäftsführer sagt. Höchstens 100 Kilo in der Woche. Daran ändert auch nicht, dass Funkhausers Sprossen als "verkehrsfähig" eingestuft wurden, dass der EHEC-Test also negativ ausfiel.

Sprossen sind derzeit stigmatisiert, wie das Thai-Restaurant "Sisaket" in Mitte zeigt. Hier hat man dieses Gemüse schon seit Wochen von der Speisekarte verbannt. "Wir haben alle Sprossen weggeschmissen und werden wohl auch in absehbarer Zeit keine neuen bestellen", sagt die Restaurantmitarbeiterin Xuan Dao. Die Gastronomie richte sich ganz nach den Kundenwünschen: "Die Leute sind verunsichert. Das betrifft nicht nur die Sprossen." Auch nach der Entwarnung verzichten die Köche häufig auf die Salatdeko, Gurken und Tomaten.

Boykott der Frühlingsrollen

"Das Ganze ist eine Kopfsache - da helfen auch keine positiven Nachrichten", sagt Michael Ng vom chinesischen Restaurant "Good Friends" in Charlottenburg. Schlecht fürs Geschäft sei eine Nachrichtenlage, die Tatsachen verdrehe und den Menschen Angst mache. "Zum Beispiel die Sache mit den Frühlingsrollen. Irgendwo wurde behauptet, dass sie immer Sojasprossen enthalten. Das stimmt schlichtweg nicht", sagt der Gastronom. Frühlingsrollen bestellen die Gäste nicht mehr. Auch Dieter Krauß, Vorstand des Großhandels Fruchthof Berlin, denkt nicht, dass seine Branche bald aufatmen kann. Sein Unternehmen ermittelt derzeit, auf welche Summe sich die Verluste der rund 45 mittelständischen Händler belaufen, die unter dem Dach des Großmarkts ihre Ware verkaufen. "90 Prozent des Umsatzes der Gurken sind weggebrochen, bei Salat und Tomaten sind es etwa 70 Prozent", sagt Krauß. Der Verlust, schätzt er, liege mindestens im sechsstelligen Bereich. "Sprossen sind zum Glück bei uns nur ein Nischenprodukt." Sonst wären die Verluste wohl noch weitaus höher. Krauß kritisiert die Behörden: "Wenn man solche Warnungen ausspricht, muss man sie auch belegen können. Natürlich ist die Sicherheit der Verbraucher wichtig, trotzdem sollte auch beachtet werden, welchen Schaden man an anderer Stelle anrichtet."

Wie in der Berliner Sprossenfabrik, um die sich Geschäftsführer Wolfgang Funkhauser sorgt. Er spricht von Rufmord an der Sprosse, sagt, dass sie eigentlich eine der gesündesten Gemüsesorten sei. "Ich werde weiterhin Sprossen essen."