US-Reise

Und sie verstehen sich doch

Auf Barack Obama wird die deutsche Hauptstadt noch ein wenig warten müssen. Eine deutsche Reporterin hatte auf der Pressekonferenz im Ostsaal des Weißen Hauses die Frage nach einem Besuch des Präsidenten an der Spree gestellt, und weil es eine deutsche Reporterin war, durfte Angela Merkel zuerst antworten.

"Berlin freut sich darauf, sie als Gast herzlich zu begrüßen", sagte die Bundeskanzlerin und setzte hinzu: "Aber wir Berliner sind geduldig, wir können noch eine Weile warten." Obama sagte: "Ich sehe einem Aufenthalt in Berlin mit Freude entgegen." Aber dann fügte er in Richtung der Fragestellerin hinzu: "Da sie ja anzunehmen scheinen, dass ich noch eine zweite Amtszeit habe, gibt es dafür auch noch genug Zeit." Worauf Merkel spontan nachsetzte, Obama wandte sich schon zum Gehen: "Ich verspreche Ihnen, das Brandenburger Tor steht noch eine Weile." Also keine Air Force One in Berlin-Tegel mehr. Obama wird wohl in Schönefeld landen, wenn er kommt.

Angela Merkel hingegen war erstmals mit dem neuen Regierungsjet A 340 in Washington gelandet und diesmal ihrer Zeit voraus. Auf acht Stunden und 50 Minuten war der Flug ursprünglich angesetzt. 40 Minuten früher landete die neue Maschine mit der Kanzlerin auf dem Flughafen Dulles International. Eine wahrlich schnörkellose Reise.

In den USA jedoch glänzte die Diplomatie. Merkel war in die USA gereist, um den höchsten zivilen Orden des Landes, die Freiheitsmedaille, in Empfang zu nehmen. Die Regierungsmaschine war voll wie ein Touristenflieger nach Mallorca. Mit 30 Wagen brauste Merkels Kolonne in die Stadt. Mehr hatten nur die Chinesen zu bieten gehabt, die mit 40 Autos unterwegs waren. Fünf deutsche Minister begleiteten Merkel: Guido Westerwelle (Außen), Thomas de Maizière (Verteidigung), Wolfgang Schäuble (Finanzen) und Hans-Peter Friedrich (Inneres) sowie Vizekanzler und Wirtschaftsminister Philipp Rösler, der als Erster vor dem Weißen Haus vorfahren durfte (Merkel kam als Letzte). Mitgeflogen waren auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz.

Gottschalk reist in Jogginghose

Beim Bankett im Weißen Haus am Dienstagabend mit 230 geladenen Gästen waren schließlich zusätzlich Prominente aus Kultur, Show und Sport anwesend, zum Beispiel die Regisseurin Freya Klier und Fußballtrainer Jürgen Klinsmann. Wie sich's am besten reist, zeigte der deutsche Showkanzler Thomas Gottschalk der versammelten Anzug-Elite: in schwarzen Schlappen und warmen weißen Socken, grauer Jogginghose und Sweatshirt. Beim Staatsbankett am Abend wurde freilich erwartet, dass auch er sich an die strenge Kleiderordnung halten und Smoking tragen würde. Ein seltener Staatsgast gab der Reise eine exklusive Note: Merkels Ehemann. Selten genug begleitet Joachim Sauer seine Frau. Allerdings stieß er erst im Laufe des Dienstags zur Reisegruppe seiner Frau. Am Vormittag hatte der Chemieprofessor in Detroit über den Effekt von Vanadiumoxid-Katalysatoren referiert.

Das Treffen Merkels und Obamas am Montagabend war ohnehin nur als Dinner für zwei gedacht. Es sollte Gerüchte, es gebe Verstimmungen, verstummen lassen. So entführte der Präsident die Kanzlerin nach ihrer Ankunft zum Abendessen. Man kann durchaus von Entführung sprechen, da die Amerikaner ihren Gast und die Sicherheitsbehörden bis zur Landung über den Ort im Unklaren ließen. Die Wahl fiel auf ein einfaches Restaurant im quirligen Stadtteil Georgetown. Sein Name "1789" spielt auf die Gründung der Georgetown University und keineswegs auf die Französische Revolution an. Lasagne gibt es in dem mit Landhausmöbeln eingerichteten Lokal bereits für 13 Euro. Zwei Stunden unterhielten sich Obama und Merkel in entspannter Atmosphäre, wie es aus Regierungskreisen hieß.

Dass es derzeit nicht das eine bestimmende Thema zwischen den USA und Deutschland gibt, zeigt der Gesprächsstoff: Libyen, Afghanistan, der Nahe Osten, der Euro, die Weltwirtschaft. Am nächsten Morgen nannte Obama Merkel "meine geschätzte Freundin" und "einen der wichtigsten Weltpolitiker". Die Kanzlerin revanchierte sich auf Englisch mit dem Satz: "Europa und Deutschland haben keinen besseren Partner als Amerika."

Tatsächlich bestreiten Regierungsvertreter, dass etwa die Stimmenthaltung im UN-Sicherheitsrat zur Flugverbotszone über Libyen das Verhältnis belastet habe. Auch die USA hätten lange mit ihrer eigenen Entscheidung gehadert. Ein Grund für die relative Unbefangenheit gegenüber Merkel sind Deutschlands hervorragenden Wirtschaftsdaten. Der Schlag gegen Osama Bin Laden hat Barack Obamas Umfragewerte nur kurzzeitig beflügelt. Deutschland hat die niedrigste Arbeitslosigkeit seit 1990, die USA eine der höchsten. In einer am Dienstag erschienenen Umfrage sehen neun von zehn US-Bürgern die Wirtschaftsentwicklung negativ. Merkel mag in der deutschen Wahrnehmung geschwächt sein, als Repräsentantin der stärksten Wirtschaftsmacht Europas ist sie nach außen hin dagegen sehr stark.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit

Die Verleihung der Freiheitsmedaille beim großen Staatsbankett hebt Merkel wieder über die anderen europäischen Staats- und Regierungschefs heraus. Von einer Figur am Rande, als die sie sich beim Treffen der G 8 vor zwei Wochen im französischen Deauville fühlen musste, ist sie wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Obama hat bisher keinem ihrer europäischen Kollegen ein solches State Dinner ausgerichtet, wie der Präsident bei der Begrüßung hervorhob. Deutschland ist überhaupt erst die vierte Nation nach Mexiko, Indien und China, der Obama diese Ehre zuteilwerden lässt. Insgesamt drei Treffen in 48 Stunden, davon eines unter vier Augen im Oval Office des Weißen Hauses, ein Mittagessen mit dem Vizepräsidenten Joe Biden, schließlich ein Staatsbankett - mehr kann einem Gast nun wirklich nicht geboten werden.

Dies alles ist natürlich Auftrag. Die USA haben unmissverständlich deutlich gemacht, dass ihnen Deutschlands Freundschaft viel wert ist. Obama sagte auch, dass es für die USA "katastrophal" wäre, wenn der Euro ins Trudeln geriete, und zählt offensichtlich auf Merkels Politik, damit eine schwere Euro-Krise verhindert werde. Zudem sagte Obama: "Ich vertraue darauf, dass die deutsche Führung und die Hilfe anderer uns auf den Weg bringen werden, der Griechenland wieder Wachstum bringt." Merkel hat ihrerseits dadurch, dass sie mit großem Hofstaat in die USA gereist ist, gezeigt, dass sie die Aufmerksamkeit Washingtons wünscht.

Beim gemeinsamen Presseauftritt sagte Obama mit Blick auf Machthaber Muammar al-Gaddafi, nach dessen Sturz gebe es in Libyen viel zu tun, und dabei zähle er auf "die robuste Unterstützung Deutschlands". Merkel pflichtete dem bei. Im Juli übernimmt Deutschland zudem für einen Monat den Vorsitz des UN-Sicherheitsrats. Es ist eine Position, um die Deutschland vor einem Jahr gekämpft hat. Es wird im Sicherheitsrat eine weitere Resolution geben, diesmal nicht zu Libyen, sondern zu Syrien. Hier den richtigen Weg zu finden wird nach dem bisherigen Verhalten Berlins im Sicherheitsrat ein schwieriges Unterfangen.