Interview

"Prozentual haben wir wenig Tote"

Thomas Dietz leitet seit vier Jahren als Facharzt für Inneres und Nierenspezialist das Berliner Nierenzentrum, zuvor arbeitete er als Oberarzt in der Kieler Universitätsklinik, die momentan pro Tag rund 60 EHEC-Verdachtsfälle behandelt. Mit ihm sprach Alexandra Kilian.

Berliner Morgenpost: Die Tests der Sprossen aus Niedersachsen verlaufen bislang negativ. Der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Andreas Hensel, sagte, in drei von vier Fällen würden die Quellen für Erreger wie das EHEC-Bakterium sowieso nicht gefunden. Was sagen Sie dazu?

Thomas Dietz: Ich sehe das ähnlich wie der Kollege und hätte 80 zu 20 getippt, dass sie die Quelle nicht finden. Die Sprossen-Theorie finde ich exzellent, weil man sich fragt, warum 70 Prozent Frauen betroffen sind. Es wurde behauptet, weil die das Essen zubereiten. Das ist voreilig. Die Sprossen kriegen sie im Reformhaus, und es ist in vielen Salaten einfach mit dabei, man denkt nicht dran. Aber ich wünsche mir, dass es die Sprossen gewesen sind. Damit wäre das Problem schneller vom Tisch.

Berliner Morgenpost: Verliefe die Behandlung der infizierten Patienten durch Bestätigung der Sprossen-Theorie dann einfacher oder schneller?

Thomas Dietz: Nein, das ist davon unabhängig. Aber man kann das Anwachsen der Zahl der Infizierten verringern. Wenn man die Zahl der EHEC-Erkrankten und der Patienten, die unter dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) leiden, anguckt, bekommt man Kopfschmerzen. Letztes Jahr hatten wir 64 HUS-Fälle - so viel haben wir jetzt an einem einzigen Tag. Das ist der Hammer.

Berliner Morgenpost: Können die EHEC-Bakterien nicht auch auf anderen Trägern sitzen bzw. die Menschen sich untereinander anstecken?

Thomas Dietz: Wenn man die hygienischen Maßnahmen einhält, dann ist nicht zu erwarten, dass das noch mal so pandemisch kommt. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Bakterium auf verschiedenen Trägern gleichzeitig sitzt, ist gering. Bei den Menschen, die im betroffenen Bereich leben, circa 30 Millionen, hätten wir in solch einem Fall schon ein viel, viel größeres Problem gehabt.

Berliner Morgenpost: Das Bundesinstitut soll vor einem Jahr vor den Sprossen gewarnt haben - warum wurden diese erst jetzt untersucht?

Thomas Dietz: Das Robert-Koch-Institut befragt die Patienten derzeit, die Inkubationszeit liegt zwischen zwei und zehn Tagen, wie soll man sich da an jede Mahlzeit erinnern?

Berliner Morgenpost: Vor Gurken wurde aber nicht gewarnt, vor Sprossen schon.

Thomas Dietz: Da stimme ich Ihnen voll zu.

Berliner Morgenpost: Da hat also jemand geschlafen?

Thomas Dietz: Wer dafür zuständig ist, sicher.

Berliner Morgenpost: Das Saatgut soll aus China stammen - in Japan gab es 1996 einen ähnlichen Fall ...

Thomas Dietz: In Japan waren es damals 12 680 Fälle, davon hatten 121 ein HUS entwickelt. Das entspricht in etwa einem Prozent. Wir haben jetzt einen Erregerkeim, der so aggressiv ist, dass 40 Prozent der Infizierten an HUS erkranken. Das mutierte Bakterium befällt die Zellen und zersetzt sie. Über den Plasma-Austausch entfernen Ärzte die Gifte und führen Frischplasma hinzu, das die Reaktionen hemmen soll.

Berliner Morgenpost: Reichen bei der großen Zahl an Infizierten die Plasma-Vorräte noch?

Thomas Dietz: Im Moment ja, in Berlin sind wir sehr gut aufgestellt, aber der Bedarf an Plasma insgesamt hat sich entsprechend erhöht. Die Krankenhäuser im Norden sind alle am Limit. In Hamburg-Eppendorf sind die am Ende. Die kaufen Plasma zentral ein, und es wird von dort geliefert, wo es noch vorrätig ist. Momentan wird diskutiert, ob es Möglichkeiten gibt, die Plasma-Filter wiederaufzubereiten, industriell.

Berliner Morgenpost: Könnte es nationale Engpässe geben?

Thomas Dietz: Wenn der Träger jetzt bekannt und vernichtet werden würde, dann ist das nicht zu erwarten. Aber die Leute sollten wieder mehr spenden. Erkrankte brauchen pro Körperkilo 50 Milliliter Plasma, das bedeutet bei einem Gewicht von 70 Kilogramm rund dreieinhalb Liter Plasma. Jeden Tag. Pro Person bis zu zehn Tage lang.

Berliner Morgenpost: Wenn es nicht die Sprossen waren - was darf man denn jetzt überhaupt noch essen, wieder essen, nicht essen?

Thomas Dietz: Es gilt: Waschen, waschen, waschen. Man sollte sich sein Obst und Gemüse anschauen, ob es nicht an der Schale beschädigt ist, dann waschen und die Hände waschen, und dann passiert auch nichts.

Berliner Morgenpost: Auch die Sprossen aus dem Wok des Lieblingsasiaten um die Ecke?

Thomas Dietz: Die Sprossen müssten dort mindestens drei Minuten bei 70 Grad erhitzt worden sein. Sonst reicht das nicht.

Berliner Morgenpost: Wird es noch mehr Tote geben?

Thomas Dietz: Man muss auch mal sagen, dass prozentual betrachtet die Anzahl der Toten wenig ist. Normalerweise hat das Krankheitsbild eines HUS eine naturgemäß hohe Sterberate von zehn Prozent, die haben wir nicht. Das spricht für eine exzellente Medizin.