Stromerzeugung

Berlins Energiewende beginnt in Spandau

Die Energiewende in Berlin riecht leicht geräuchert, hat eine dunkelbraune Farbe und die Gestalt von Hundefutter. Ein Bagger im Hafen des Kraftwerks Reuter hievt 600 Tonnen aus Sägespänen zusammengepresster kleiner Stäbchen aus dem Bauch der "Krystina", eines polnischen Lastkahns aus Stettin.

Förderbänder transportieren die Biomasse quer über das Kraftwerksgelände zur Brennstoffhalde. Hinter dem historischen Kraftwerksblock mit der Ziegelfassade, mit dem sich die West-Berliner während der Blockade von Lieferungen aus der sowjetischen Zone unabhängig machten, lagert seit Kurzem der Stoff, der eine ökologische Zukunft für Berlins Energieversorgung sichern soll: 1800 Tonnen veredelte Holzpellets aus Skandinavien, bis auf 4000 Tonnen soll der Berg wachsen.

Der Energiekonzern Vattenfall möchte mit dem besonders behandelten Material seine auf Biomasse-Einsatz beruhende Versorgungsstrategie für die deutsche Hauptstadt umsetzen. Es ist nach Konzernangaben der weltweit größte Versuch, den Brennstoff Holz in industriellem Maßstab einzusetzen, um damit Kohle und Kohlendioxid-Ausstoß zu sparen.

"Für Außenstehende sind es Pellets, für uns ist es eine Revolution", sagt Stefan Dusan, der für Vattenfall den mehrere Millionen Euro teuren Großversuch leitet.

Seit der schwedische Konzern sich der öffentlichen Kritik beugte und auf den Bau eines neuen Steinkohlekraftwerks in Lichtenberg verzichtet, suchen die Ingenieure mit Hochdruck nach Alternativen, um Berlin mit Strom und Wärme zu versorgen und gleichzeitig den Kohlendioxid-Ausstoß zu reduzieren. Eine Milliarde Euro will Vattenfall in Berlin in den nächsten Jahren investieren. Neben dem Ersatz von größeren Anlagen durch kleinere sowie dem Bau neuer Gaskraftwerke setzt Vattenfall vor allem auf Biomasse. Neue Biomasse-Kraftwerke sind an der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg geplant.

Aber im Vergleich zu dem, was sich im Kraftwerk Reuter abspielt, sind das Peanuts. Hier plant Vattenfall, 20 Prozent des Brennstoffes Kohle, von dem hier 1,2 Millionen Tonnen jährlich verbrannt werden, durch Biomasse zu ersetzen. In einem Testlauf im Juli soll das im Echtbetrieb eine Woche lang gestestet werden.

Eine Zukunft für das Kraftwerk

Dusan rechnet vor: Das Kraftwerk Reuter West liefert eine Leistung von 600 Megawatt elektrisch. Würden 20 Prozent der Leistung durch Biomasse erzeugt, bedeutete das 120 Megawatt. "Das ist sechsmal so viel wie bei den kleineren geplanten Anlagen in Klingenberg", sagt Dusan.

Für Jörg-Andreas Czernitzky, den Leiter des Spandauer Kraftwerks, ist der Versuch enorm wichtig. "Wenn alles klappt, bedeutet das für uns hier eine Zukunft", sagt Czernitzky. Als Kohlekraftwerk sei man ja nicht mehr so gern gesehen. Dabei braucht die Energiewende Anlagen wie die in Reuter West. Das Kraftwerk lässt sich relativ schnell rauf- und runterfahren und ist somit geeignet, die Schwankungen der Energieproduktion aus Sonne und Wind auszugleichen. Wenn dann aber noch statt Kohle CO2-neutrale Biomasse verfeuert würde, wäre der Einspareffekt des Klimagases sofort und unmittelbar.

Technisch ist es jedoch keineswegs einfach, in großem Umfang Holz mit der Kohle zu verbrennen. Schon heute kippen Czernitzkys Leute täglich Holzschnitzel in ihre Kessel. Das Material, das aus dem Berliner Raum oder von den Berliner Grünflächenämtern stammt, lagert in fünf Boxen auf dem Kraftwerksgelände. Aber um den gleichen Heizwert zu erreichen wie ein Schiff voller Kohle, brauchte man drei Schiffe voller Holzschnitzel. Das Holz darf nicht nass werden, weil es sich bei Regen zu einer breiigen Masse auflöst. Logistisch und lagerungstechnisch sind Holzschnitzel für den Großeinsatz deshalb ungeeignet. Und auch normale Holzpellets, wie sie vielfach für den privaten Gebrauch angeboten werden, müssen in überdachten Räumen gelagert werden. Außerdem stellen sie wie auch die Holzschnitzel die Mühlen vor Probleme, die vor dem Kessel das gesamte Brennmaterial zu feinem Staub zermahlen.

Mit den dunkelbraunen veredelten Holzpellets glauben die Vattenfall-Leute nun, ihrem Ziel sehr nahe gekommen zu sein. Das Material komme aus Skandinavien, heißt es etwas nebulös. Man wolle den Lieferanten nicht auf die Nase binden, dass sein Material das Beste sei, weil sonst die Preise explodierten, so die Begründung für die Heimlichtuerei. Der Weltmarkt für derlei Produkte ist klein, vielleicht 30 bis 50 Hersteller gebe es weltweit. Technisch werden die Wunder-Pellets wie Kaffeebohnen entweder durch Röstung oder aber durch den Einsatz besonders hohen Drucks hergestellt.

Versuchsleiter Dusan hat am Rande der Brennstoffhalde zwei oben offene Verschläge aufgebaut, um die Lagereigenschaften der Pellets zu testen. Und siehe da: Das Wasser, das als Regen darauf fällt, kommt nie am Boden an, wird von dem Material aufgesogen. Dennoch bildet sich im Inneren des Kastens nur eine Feuchte von 15 Prozent. Die Staubentwicklung, die neben dem riesigen Haufen gemessen wird, bewegt sich ebenfalls im Rahmen des Erlaubten. Die Lagerung ist also möglich. Und der Brennwert ist fast so hoch wie der von Steinkohle.

Vielversprechende Tests

Die Chemiker in den Vattenfall-Labors sind jedenfalls zufrieden mit dem, was sie bisher gemessen haben: Holz sei tendenziell geeignet, neben Kohle verbrannt zu werden, sagt Laborleiter Günther Riecken: "Diese Pellets mit der Vorbehandlung sind in allen Belangen so, dass man sie mit einsetzen kann." Der Test verlaufe sehr vielversprechend. Vattenfall sei damit Vorreiter, denn das Bemühen, geeigneten Holzbrennstoff zu finden, sei ein "Riesenthema in der Branche". Vattenfall fürchtet sich vor Missbrauch und hat die Chemiker auch als Kontrollinstanz eingeschaltet. Denn theoretisch sei es möglich, mit normalen Pellets und ein paar Tropfen Altöl Brennstoff herzustellen, der genauso aussieht wie die als leistungsstark getesteten behandelten Pellets.

Denn für die Schweden ist es entscheidend, den richtigen Brennstoff in ausreichenden Mengen zu beschaffen. "Unsere Biomasse kommt aus weltweiten Quellen, ein Teil wird aber auch lokal sein", sagt Hans Dieter Hermes, der die Biomasse-Einheit des Konzerns leitet.

Weltweit verhandelt Vattenfall mit potenziellen Lieferanten. Unter anderem ist der Einsatz von alten Kautschuk-Bäumen aus dem westafrikanischen Liberia verabredet. Was dem Konzern Kritik von Umweltschützern und Entwicklungsexperten eingebracht hat, die nicht glauben mögen, dass in dem westafrikanischen Land, das lange vom Bürgerkrieg verwüstet wurde, strenge Standards für Nachhaltigkeit und den Schutz der lokalen Bevölkerung eingehalten werden könnten. Dazu hat sich Vattenfall in einem Vertrag mit dem Berliner Senat verpflichtet. Die Umweltbehörde will den Einsatz von Biomasse in Berlin nur genehmigen, wenn die Kriterien eingehalten werden. Aber das Volumen aus Liberia, wo nach Ansicht der Vattenfall-Leute sehr gute Biomasse herkommt, ist auch begrenzt. Deswegen müssen weitere Quellen erschlossen werden. Die Rede ist von kanadischem Holz und einem bestimmten Präriegras aus Mexiko und Texas. "Wir wissen, dass weltweit genügend Potenzial da ist", sagt Hermes.

In der Konzernzentrale von Vattenfall Europe heißt es, man erwarte von der Bundesregierung, dass auch Biomasse wie andere erneuerbare Energiequellen gefördert wird. Andernfalls werde es schwierig sein, die Pläne mit der Biomasse umzusetzen. Denn auch die Energiewende muss sich rechnen für die großen Versorger.