Berliner Spaziergang

Die Fee von der Glienicker Brücke

Wie eine Fee steht sie an der Brücke. Ganz in Weiß mit bodenlangem Rock, so groß und schlank, dass es beinahe so scheint, als könne der Wind sie fortpusten. Blonde, flatternde Haarsträhnen, ein Lachen, das man nur sehen, nicht hören kann. Franziska Knuppe kommt uns entgegen und streckt die zarte, weiße Hand entgegen: "Franzi, hallo."

Wir hatten uns eigentlich am Tag vorher treffen wollen. Da war die Sonne stärker und der Wind schwächer. Der Fotograf und ich standen an dieser Brücke und warteten. Bis die Nachricht kam, sie werde nicht kommen. Ein Notfall. Die Tochter war krank und musste zum Arzt, sie habe das Interview darüber vergessen, erklärt Franziska Knuppe nun. Tochter Mathilda Ruby ist dreieinhalb, es geht ihr wieder gut.

Die Glienicker Brücke in Wannsee. Khakifarbene Metallbögen über dem grauen Wasser zwischen Berlin und Potsdam. Ein Ruderboot schwankt sich den Weg zum Ufer. In unserem Rücken, hinter Bäumen und vergoldeten Zaunkronen, das Glienicker Schloss. Treffpunkt für den Spaziergang mit dem Potsdamer Fotomodell. Ein Date mit "88-60-91" (so zumindest steht es auf der Seite ihrer Modelagentur).

Franziska Knuppe wohnt nicht weit weg, Luftlinie ein paar Hundert Meter vielleicht, mit Mann und Tochter lebt sie in einem Haus bei Potsdam. Sie ist mit dem Auto da, das sie am anderen Ende der Brücke geparkt hat. Wir gehen los, am Wasser entlang, Blick auf das Schloss Babelsberg am gegenüberliegenden Ufer. Sie habe noch ein bisschen lahme Beine vom Velothon vor einigen Tagen, sagt sie. In zwei Stunden, 33 Minuten und zehn Sekunden fuhr sie die 60 Kilometer auf dem Rad durch Berlin. Eine gute Zeit. Zumal sie normalerweise gar nicht so die passionierte Radfahrerin sei - "zum Kindergarten und zurück, ansonsten nicht". 60 Kilometer auf einem schmalen Sportsattel, das sei "die Hölle" gewesen. Aber der Veranstalter ist ein Freund, und was tut man nicht alles für Freunde. "Das reicht jetzt allerdings erst mal an Sport für das nächste halbe Jahr." Sie lacht.

Franziska Knuppe, Jahrgang 1974, wuchs in Potsdam auf, mit einem jüngeren Bruder, die Eltern trennten sich. Nach dem Abitur machte sie in München eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Doch sie blieb nicht, kehrte zurück und schrieb sich für Betriebswirtschaft an der Universität Potsdam ein. Nebenbei kellnerte sie im "Café Heider" in der Potsdamer Friedrich-Ebert-Straße, das sich selbst gern als "das Wohnzimmer der Stadt" bezeichnet. Dieses Wohnzimmer wurde zu einer Art Dreh- und Angelpunkt ihres Schicksals, hier lernte sie zwei Männer kennen, die ihr Leben veränderten.

Mit 22 plötzlich Model

Sommer 1997. Der erste Mann im Café war Christian Möstl, Bauunternehmer aus Hamburg. Er sprach sie an, zwei Jahre später heirateten die beiden. Der zweite Mann war Modedesigner Wolfgang Joop. Er sagte so etwas wie "Mensch, Franzi, du bist blond und groß, gib mir doch mal ein paar Fotos von dir". An die genauen Worte erinnert sie sich nicht mehr. Jedenfalls brachte sie ihm ein paar Fotos und erhielt eine Woche später einen Anruf von Heidi Gross, Inhaberin der Agentur Model Management in Hamburg. "Sie sagte, ich soll am nächsten Tag nach Hamburg kommen." Das war an einem Donnerstag.

Sommer bedeutet für Gastronomie mit Außenplätzen wie dem "Café Heider" normalerweise ein sattes Geschäft. Das wiederum bedeutete damals, 1997, der Chef brauchte jede Kraft. Franziska Knuppe war nicht völlig aus dem Häuschen, weil ein Designer und eine Modelagentin sich für sie interessierten - sie organisierte eine Ersatzkellnerin und rief ihren neuen Freund in Hamburg an: "Wenn du nichts dagegen hast, würd' ich das Wochenende gern bei dir wohnen." Freitagnachmittag sprach sie bei Heidi Gross vor, falls man das so sagen kann. Bei Models geht es schließlich weniger darum, wie sie sprechen, als darum, wie sie aussehen. Sie zeigte sich. Die Agenturchefin war zufrieden mit dem, was sie sah, und meldete sie zu einem großen Modelcontest für den nächsten Tag nach, aus dem Franziska Knuppe als Siegerin hervorging. Eine Woche später flog sie für ihr erstes großes Fotoshooting nach Lanzarote. Plötzlich war sie Model. Obwohl "schon" 22, ein Alter, in dem in der Modelbranche manche schon wieder aufhören zu arbeiten, wurde sie sofort gut gebucht. Von sich selbst sagt sie, sie sei damals noch ein Küken gewesen. Und auch jetzt, mit 36, sieht sie jünger aus, als sie ist.

Am Havelufer wird gebaut. Es dauert etwas, bis wir den richtigen Weg gefunden haben. Dann stehen wir plötzlich im Biergarten des "Bürgershof". Wir setzen uns, Knuppe bestellt Grießpudding mit Sauerkirschen und Milchkaffee. Nicht das, was man von angeblich Wattebäusche essenden Magermodels aus dem Fernsehen so erwarten würde. Sie muss gute Gene haben, am liebsten esse sie Hausmannskost, hat sie mal in einem Interview gesagt. Auf jeden Fall haut sie auch jetzt ordentlich rein.

Man weiß, was sie gerne isst, welche Musik sie hört, zu welchen Events sie geht. Prominente haben vergleichsweise wenige Geheimnisse. Jeder, der etwas über Franziska Knuppe wissen will, kann im Internet ihren Brustumfang (88 Zentimeter) nachlesen, den ihrer Hüfte (91 Zentimeter), die Körpergröße (1,81 Meter), Konfektions- und Schuhgröße (36 und 40) und vieles mehr. Wie fühlt es sich an, wenn alle Welt einen in Unterwäsche kennt? Den fast nackten Körper, Franziska Knuppe, wie Gott sie erschaffen hat? "Na ja", sagt sie, "für die Fotos werde ich ja richtig in Szene gesetzt. Da bekomme ich ein tolles Make-up, das wird toll ausgeleuchtet und professionell fotografiert, und hinterher werden die Bilder bearbeitet." Auch sie würde morgens beim Aufstehen nicht schon wie aus dem Ei gepellt sein. Sie stapelt tief, denn auch in natura sieht sie umwerfend aus. Verletzbar, so wirkt es, fühlt sie sich durch ihre Prominenz oder Fotos, die scheinbar alles zeigen, nicht. Nacktfotos gibt es übrigens nicht von ihr. Noch nicht. "Es gab Anfragen, aber bislang habe ich immer abgelehnt." Ausschließen mag sie es nicht, "es kommt drauf an, wer fotografiert, mit wem man da zusammenarbeitet, was am Ende wirklich zu sehen ist und so weiter. Das sollte keine Fleischbeschau sein." Es sei eine Karriereentscheidung. "Und natürlich auch eine Geldfrage."

Für ihre Jobs flog sie um die ganze Welt, lief Schauen für Diane von Furstenberg, Escada und Vivienne Westwood, arbeitete mit Fotografen wie Peter Lindbergh oder Michel Comte. Doch immer zog es sie zurück nach Potsdam. "Hier war immer der Mittelpunkt", sagt sie, "ich bin von allen Shootings immer sofort zurückgeflogen." Die Nähe zu Berlin einerseits, der Großstadt, in der immer was los ist, und die Ruhe und das viele Grün andererseits, "das ist Zuhause, hier fühle ich mich einfach am wohlsten". Vielleicht wirkt Franziska Knuppe deshalb so bodenständig. Auch hier am Ufer der Havel ist sie das fröhliche, unprätentiöse Mädchen aus Potsdam, das man sich auch heute noch mit einem Tablett voller Tassen und Gläser im "Café Heider" vorstellen kann. Das sich hier, zwischen den Bäumen, am vom Wind zerkraterten Wasser, in eine Fee verwandeln kann.

Vielleicht, sagt sie, war es auch gut, dass sie 22 Jahre alt war, damals, als das mit dem Modeln anfing. Sie habe da schon gewusst, wer sie ist. Denn für jeden Auftrag muss ein Model in eine neue Rolle schlüpfen. Franziska Knuppe kann die Verführerische, die Seriöse, die Edle, die Kumpelige, die Verspielte sein. Sobald ein Shooting vorbei ist, sei sie wieder sie selbst. Keine Probleme mit der Verwandlung. "Vielleicht war mein Mann, mit dem ich ja von Anfang an zusammen war, eine gute Erdung", sagt sie. Er sehe in ihr "die Franzi", die Hausfrau. Zu Hause, auch nach einem 14-Stunden-Flug, stelle sie sich erst einmal in die Küche und koche etwas Schönes. Mann und Tochter bleiben meist in Potsdam, die beiden haben entschieden, dass Mathilda Ruby in Ruhe und ohne ständiges Reisen aufwachsen soll.

Dass ihre Mutter eine bekannte Person ist, die manchmal im Fernsehen oder in Zeitschriften zu sehen ist, hat die Kleine schon verstanden. Nur einmal sei sie verwirrt gewesen. Franziska Knuppe hatte mit Kindern im SOS-Kinderdorf Moabit Pizza gebacken, das wurde ein paar Tage später im Fernsehen übertragen. Mathilda Ruby habe die Sendung gesehen, während ihre Mutter schon wieder für einen anderen Job unterwegs war. Warum "die Mami" mit anderen Kindern koche und nicht mit ihr?, habe sie gefragt und sei "ziemlich eingeschnappt" gewesen.

Einmal hat Franziska Knuppe eine Modestrecke mit ihr zusammen fotografieren lassen, sie nimmt sie auch zu dem einen oder anderen Promi-Event mit. Sollte sie jemals den Wunsch äußern, ebenfalls Model werden zu wollen, sagt Knuppe, "dann würde ich sie darin unterstützen". Die Teilnahme an einer TV-Castingshow wie der von Heidi Klum aber würde sie nicht zulassen. "Das ist eine Show, Unterhaltung. Da wird nicht wirklich nach Models gesucht. Ich denke, das ist die falsche Herangehensweise."

Kein Typ für Piercings

Wir sitzen im Biergarten, unsere Teller sind leer. Der Himmel hat sich zugezogen, und der Wind bläst jetzt noch ein bisschen stärker. Wir beschließen zurückzulaufen. Ob sie viele Kompromisse eingegangen sei in ihrem Leben, für den Beruf? Körper und Gesicht müssen für das Modelgeschäft unversehrt bleiben, Typveränderungen sind tabu. Einmal, erinnert sie sich, "da sind wir kurzfristig in den Skiurlaub gefahren, und eine Woche später sollte ich ein Wäsche-Shooting haben". Ihr Mann habe ihr gesagt, sie solle die Abfahrt lieber nicht machen. Ein gebrochener Arm oder ein eingegipstes Bein machen sich nicht gut auf Werbefotos. Sie sei dann tatsächlich lieber mit ihrer Tochter Schlitten gefahren.

"Aber sonst habe ich eigentlich nie auf etwas verzichtet." Der Typ für Tattoos, Piercings oder verrückte Haarfärbeexperimente sei sie eh nie gewesen. Sie überlegt, beim Velothon neulich sei sie allerdings lieber vorsichtig gefahren, um ja keinen Sturz zu provozieren. "Man darf aber auch nicht permanent Angst davor haben, dass etwas passiert, dann darf man sich ja gar nicht mehr bewegen. Trotzdem ist es natürlich so wie in jedem Beruf: Ich muss gesund sein, um ihn ausüben zu können."

Auch die Entscheidung für ein Baby sei ihr nicht schwergefallen, der schlanken Modelfigur zum Trotz. Ihr Mann habe vor seinem 36. Geburtstag Vater werden wollen - "wir haben es Timing-mäßig so geschafft, dass sie vier Wochen vorher kam", sagt sie und lacht. Man könnte meinen, bei den Knuppe-Möstls sei die Rollenverteilung eher klassisch: Mann äußert Wünsche, Frau erfüllt sie. Aber vielleicht täuscht das auch. Ab dem ersten Tag der Schwangerschaft jedenfalls seien plötzlich Aufträge "bis zum Umfallen" eingegangen. "Die ersten drei Monate habe ich gearbeitet ohne Ende, da wusste niemand, dass ich schwanger bin, und man hat es auch nicht gesehen."

Im fünften Schwangerschaftsmonat aber sollte noch ein Katalog-Shooting stattfinden. Der Kunde habe Bescheid gewusst, wollte sicherheitshalber alle drei Wochen ein Polaroid, um notfalls noch ein anderes Model buchen zu können. "Mein Mann hat mich dann regelmäßig zu Hause in Unterwäsche abgelichtet. Im fünften Monat sah man aber immer noch fast nichts." Sie machte das Shooting - mit an der Hinterseite aufgeschnittener Jeans. Andere Models hätten schon mit im Sand eingegrabenem Bäuchlein am Strand Bikinifotos gemacht - "gibt's alles!"

Models müssen schön sein, gesund, fotogen - und jung. Hat sie Angst vor dem Älterwerden? Sie überlegt einen Moment. "Das Modeln wird immer ein Teil meines Lebens bleiben, und es gibt tolle ältere Modelle." Als sie anfing, habe sie mal Fotos für einen Katalog gemacht, dessen Zielgruppe 60-Jährige waren - "mit 22! Da fragst du dich, was das soll. Ich habe aber das Gefühl, da verändert sich zurzeit etwas. Es gibt jetzt einige schöne Magazine für Ältere, mit hochwertigen Modestrecken mit attraktiven 50-Jährigen." Feen altern würdevoll.