Berliner Gäste auf dem Kirchentag

"Ohne Christus hätte es Marx nicht gegeben"

Manchmal muss man in eine andere Stadt, um zu wissen, was es in Berlin gibt. Dies gilt etwa für all jene Christen der Hauptstadt, die erfahren wollen, wer jene Ulrike Trautwein ist, die in der vergangenen Woche zur neuen Generalsuperintendentin für Berlin gewählt wurde.

Was die aus Frankfurt am Main kommende Pfarrerin zu sagen hat, lässt sich am Sonntag um 10 Uhr erfahren, wenn Trautwein auf den Dresdner Elbwiesen die Predigt im Abschlussgottesdienst des Evangelischen Kirchentags hält.

Weniger prominent ist "Evas Arche". Es handelt sich um ein ökumenisches Frauenzentrum, das unterm Jahr in der Großen Hamburger Straße in Mitte arbeitet und sich derzeit auf dem Kirchentag mit einem Stand präsentiert. Der von Protestantinnen und Katholikinnen gemeinsam betriebene Verein bietet sowohl Sozialarbeit für alleinstehende Frauen und zumal Mütter als auch Bildungsveranstaltungen zur Geschichte der Frauenbewegung innerhalb und außerhalb der Kirche an. Zudem gehört "Evas Arche" zum Organisationskreis der zweimal im Jahr stattfindenden ökumenischen Frauengottesdienste in Berlin. "Als ökumenisches Frauenzentrum sind wir einzigartig in ganz Deutschland", sagt Anne Borucki-Voß von "Evas Arche" und stellt in Dresden erhebliches Interesse an ihrer Arbeit fest.

Sinnieren in überhitzten Zelten

Dabei hat es der Verein in Dresden nicht leicht. Der Stand findet sich im Markt der Möglichkeiten auf dem Messegelände, das ziemlich weit vom Schuss liegt, weil die meisten Großveranstaltungen in der Innenstadt stattfinden. Zudem ist ein großer Teil jenes Marktes in Zelten untergebracht, die sich in der Sonne enorm aufheizen. An dieser stiefmütterlichen Behandlung der sich dort präsentierenden Initiativen lässt sich ablesen, dass Basisgruppen ein wenig an den Rand des Kirchentags gerückt sind.

Bildeten sie und ihr Markt der Möglichkeiten noch vor 20 Jahren eine wichtige Protestszene, in der zumal schwul-lesbische Vereine für enorme Aufmerksamkeit sorgten, so tritt heutzutage der Markt immer mehr hinter den Auftritten der kirchlichen und politischen Prominenz zurück. Wobei zu dieser Prominenz auch der berlin-brandenburgische Landesbischof Markus Dröge und Innensenator Ehrhart Körting (SPD) zählten, die am Donnerstagnachmittag in Berlin unter dem Titel "Bilder - Zerrbilder - Feindbilder" über Migrationspolitik diskutierten. O-Ton- Körting: "Ohne Christus hätte es Marx nicht gegeben."

Freilich haben viele Besucher, zu denen auch zahlreiche Berliner Gemeindegruppen und Einzelreisende gehören, an sich durchaus Interesse an den etwas ins Abseits geschobenen Initiativen. Etwa an der Berliner Stadtmission. "In manchen Familien hatten schon die Großeltern mit der Stadtmission zu tun", erzählt Andrea Kuper am Stand. "Die Kinder oder Enkel hielten danach den Kontakt und kommen nun auf dem Kirchentag vorbei, um zu sehen, was wir heute so machen."

Ein Markt der Möglichkeiten

Nicht wenige Kirchentagsteilnehmer kennen die Berliner Stadtmission aus dem Urlaub, da sie in deren Gästehäusern auf dem Land Ferien gemacht haben. Eine Kontaktpflege anderer Art besteht in Dresden für die Mitarbeiter der Stadtmission darin, sich als ein mittlerweile überregionaler Anbieter sozialer und missionarischer Arbeit mit anderen Organisationen aus ganz Deutschland abzusprechen.

Wäre man daher bei der Stadtmission überrascht, sie nicht in Dresden zu finden, so war nicht so selbstverständlich zu erwarten, dass auf dem Markt der Möglichkeiten auch der Berliner Kulturring auftritt. Die nicht religiöse Initiative bietet Kunst- und Handwerkprojekte in der Hauptstadt an, von Malkursen für Kinder bis zum Schneidern für arbeitslose junge Frauen. Unter all den Christen fremdeln die Mitarbeiter des Kulturrings keineswegs und nutzen den Kirchentag, um ein bisschen Reklame zu machen. "Hier in Dresden", erzählt Ingo Knechtel vom Kulturring, "treffen wir hin und wieder Berliner, die zum ersten Mal erfahren, dass es uns gibt."