Pandemieverdacht

Das Bakterium, der BND und das Terrorgerücht

Das EHEC-Bakterium breitet sich immer schneller aus. Von Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen kommend, überzieht es inzwischen das gesamte Bundesgebiet. Immer deutlicher zeigt sich seine besondere Aggressivität. Hans-Michael Goldmann (FDP), von Beruf Tierarzt und Vorsitzender des Agrarausschusses des Bundestages, kann eine gewisse Hilflosigkeit angesichts der angespannten Situation nicht verbergen.

"Wir wissen im Grunde nichts." Schon kursieren Spekulationen, es könnte sich bei der EHEC-Epidemie um einen terroristischen Anschlag mit einer Biowaffe handeln.

Das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) hat mehrere Teams mit Infektionsepidemiologen losgeschickt, die EHEC-Patienten in Hamburg befragt haben, was genau sie in den vergangenen Tagen wann und wo gegessen hatten. Dabei zeigte sich, dass die erkrankten Personen im Vergleich zu gesunden Vergleichspersonen deutlich mehr rohes Gemüse und Salat verzehrt hatten. Rückschlüsse auf die Herkunft des Erregers könnte seine eindeutige genetische Identifizierung bringen. Auf diesem Weg sind Bakteriologen jetzt wieder einen Schritt vorangekommen. Bislang war nur die Oberflächenstruktur des Erregers beschrieben worden, quasi seine Karosserie. O104:H4 lautet die wissenschaftliche Bezeichnung. Diese Struktur ist erstmals im Jahr 2001 bei einem Geschwisterpaar in Köln beschrieben worden. Im selben Jahr führte Deutschland auch die Meldepflicht für EHEC-Infektionen ein. Seither hat sich der Stamm verändert und ist sehr viel aggressiver geworden. Genetische Untersuchungen haben nun ergeben, dass der aktuell grassierende EHEC-Stamm aus zwei verschiedenen Erregerstämmen entstanden ist, wie Hilde Kruse, Expertin für Lebensmittelsicherheit der Weltgesundheitsorganisation (WHO), jetzt mitteilte. Dieser Stamm sei noch nie bei einem Patienten isoliert worden. Mutationen sind für Bakterien nicht ungewöhnlich, wie Kruse einräumte: "Da ist viel Bewegung in der mikrobiellen Welt."

Dennoch versetzt das Bakterium die Menschen in Deutschland in Angst - und bringt die Krankenhäuser an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Allein das Universitätsklinikum in Kiel und Lübeck versorgt 180 EHEC-Patienten, von denen mehr als die Hälfte an den lebensbedrohlichen HUS-Komplikationen leidet. Jeder zweite der HUS-Patienten zeigt neurologische Ausfälle, ist orientierungslos und apathisch, hat Schwierigkeiten beim Sprechen und zum Teil heftige Muskelkrämpfe. Ein Arzt sprach von "völlig abgedrehten Patienten". Auf den betroffenen Stationen herrscht eine "absolute Ausnahmesituation", wie eine Stationsschwester sagte.

Spekulationen im Internet

Solange die Suche nach dem EHEC-Erreger ohne Ergebnis bleibt, werden weiterhin abenteuerliche Gerüchte die Runde machen. So spekulierten dubiose Internetquellen, der Bundesnachrichtendienst (BND) würde bereits prüfen, ob die EHEC-Epidemie nicht doch durch einen biologischen Terroranschlag ausgelöst wurde. Im Netz gibt es Meldungen wie diese: "Eilmeldung: Behördendaten bestätigen bioterroristischen Anschlag." Oder diese: "Wahrscheinlich EHEC ein Terrorangriff." An einigen Stellen heißt es sogar, der BND habe an einem "Geheimtreffen" in einem "nahe Paris gelegenen gemeinsamen europäisch-amerikanischen Lagezentrum" zur EHEC-Krise teilgenommen.

Zwar liefert das Internet für diese Aussagen nicht den geringsten Hinweis. Doch inzwischen beteiligen sich sogar Mediziner an solchen Spekulationen: "Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder sind die Keime zufällig in Umlauf gekommen, etwa durch Verunreinigung von Lebensmitteln. Oder sie wurden von Menschen bewusst auf den Weg gebracht. Mittlerweile ermittelt auch der BND", sagte Professor Heinzpeter Moecke, Leiter des Instituts für Notfallmedizin und Konzernbereichsleiter Medizin und Wissenschaft der Asklepios Kliniken.

Auf Nachfrage der Berliner Morgenpost, warum er sich so sicher sei, dass er sogar in aller Öffentlichkeit verkünde, der BND gehe einem Terrorverdacht nach, antwortete Moecke, er habe den Hinweis zum BND aus dem Internet. Dort habe er einen entsprechenden Bericht gelesen. Der BND jedoch versichert auf Nachfrage der Morgenpost, er besitze weder Hinweise auf Bioterrorismus, noch ermittle die Behörde. Das mache der BND im Übrigen nie, denn er sei ein Nachrichtendienst, der der Regierung berichte, und keine Ermittlungsbehörde.

Wie also könnte diese Falschmeldung, der sogar führende Mediziner aufgesessen sind, entstanden sein?

Möglicherweise ist ein Schreiben des BND an die Gesundheitsbehörden in die falschen Hände geraten und falsch interpretiert worden. Denn wie bei jedem Pandemieverdacht baten die Gesundheitsbehörden auch nach Ausbruch der EHEC-Erkrankungen die Biologen beim BND um Amtshilfe. In einer schriftlichen Antwort, die an verschiedene Behörden ging, teilten die BND-Experten mit, dass sie keine Hinweise auf Bioterrorismus erkennen könnten.