Atomausstieg

"Wir sind ein Industriestandort - keine Zirkusartisten"

Jürgen Hambrecht leitete bis Mai dieses Jahres den größten Chemiekonzern der Welt, die BASF SE. In der von der Bundesregierung berufenen Ethik-Kommission "Sichere Energieversorgung" waren er und der Chef der Gewerkschaft IG BCE, Michael Vassiliadis, die einzigen Vertreter der Industrie. Mit Hambrecht sprach Daniel Wetzel.

Berliner Morgenpost: Herr Hambrecht, wie schwierig war es, den Interessen der Industrie in einem Rat aus Risikoforschern, Ökologen und Kirchenmännern Geltung zu verschaffen?

Jürgen Hambrecht: Wir haben hart miteinander gerungen. Allerdings wurden die unterschiedlichen Auffassungen in diesem Gremium gegenseitig stets respektiert. Mein Anliegen war es, dass Wunschdenken nicht überhand nimmt, sondern dass Realität einzieht. Was die Schlussempfehlungen angeht, bekenne ich mich zum Konsens.

Berliner Morgenpost: Dieser Konsens besagt, ein Atomausstieg bis zum Jahre 2022 ist machbar und ethisch geboten. Umweltschutzorganisationen kritisieren bereits, der Zeitraum sei zu lang.

Jürgen Hambrecht: Verantwortungsethik bedeutet Abwägung. Und in diesem Abwägungsprozess kann man auch zu ganz anderen Schlussfolgerungen kommen. Sehen Sie zum Beispiel die Schweiz, die gerade beschlossen hat, ihre Kernkraftwerke noch bis 2034 am Netz zu lassen. Die Schweiz hat sich das Thema auch unter ethischen Gesichtspunkten angeschaut. Man kann wohl kaum sagen, dass die Schweizer Hasardeure sind. Auch in Frankreich werden andere Schlüsse aus Fukushima gezogen. Und das gilt selbst für Japan. Ich bin erst am Sonnabendmorgen aus Japan zurückgekehrt und kann Ihnen sagen: Dort gibt es kein Verständnis für unser Vorgehen. Kann man deshalb sagen, dass alle diese Länder unethisch handelten?

Berliner Morgenpost: Zehn Jahre zum Atomausstieg, das ist sehr nah dran am früheren Beschluss der rot-grünen Regierung. Geht es nicht schneller?

Jürgen Hambrecht: Zehn Jahre sind eine äußerst kurze Zeit für die Transformation eines derart komplexen Systems. Auf der einen Seite wollen wir den Atomausstieg. Auf der anderen Seite sollen Klimaschutzziele eingehalten werden. Dabei haben wir an vielen Stellen noch großen Nachholbedarf. Beim Bau der Leitungsnetze etwa. Oder bei den erneuerbaren Energien selbst, die größtenteils noch nicht wettbewerbsfähig sind. Auch Stromspeicher sind nicht annähernd genug vorhanden. Zum Teil muss hier sogar erst noch Forschungsarbeit geleistet werden. Das geht nicht von heute auf morgen. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn wir irgendwann feststellen müssen: Zehn Jahre reichen nicht, wir brauchen mehr Zeit.

Berliner Morgenpost: Kritiker sehen einen Ausstieg mit Hintertür. Verlängert ein Monitoring-Prozess nicht den Konflikt, wenn die Berechtigung der Meiler immer neu diskutiert wird?

Jürgen Hambrecht: Ich sehe keine Hintertüren im Atomausstieg. Mal ganz lapidar gesagt: Wir können den Ausstieg doch nicht ohne Netz und doppelten Boden machen. Wir sind der Industriestandort Deutschland und nicht Zirkusartisten, die irgendwo unter der Kuppel rumturnen. Die Wettbewerbsfähigkeit des Industrie- und Beschäftigungsstandortes zu erhalten ist ein hohes Gut, um Wohlstand und soziale Gerechtigkeit bei uns zu sichern. Für diese Tatsache ein Bewusstsein zu schaffen, liegt mir ganz besonders am Herzen.