EHEC-Erreger

"Unser ganzes Leben hängt am Gemüsebau"

Fündig werden die Lebensmittel-Detektive schließlich am Hamburger Großmarkt. Dort, zwischen Elbe und Hauptbahnhof, lagern jene Import-Gurken eines spanischen Landhandels, auf denen wenig später jene Bakterien entdeckt wurden, die seit dem Wochenende Verbraucher, Mediziner, Gemüsebauern und Politik in Atem halten: HUSEC 41, Sequenztyp 678.

Das Problem bei diesem EHEC-Bakterium besteht darin, dass es gegen Antibiotika weitgehend resistent ist.

Vielleicht kann man ja tatsächlich von einem Durchbruch sprechen; zumindest aber ist es ein großer Schritt voran bei der Bekämpfung eines Krankheitskeims, der inzwischen weit mehr als 500 Menschen quält. Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks, die zuvor tagelang immer nur schlechte Nachrichten geliefert hatte, ist am Donnerstag sichtlich erleichtert, auch mal eine positive Nachricht verkünden zu können: An insgesamt vier Salatgurken konnte das Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt das EHEC-Bakterium nachweisen. Drei davon kommen aus Spanien, von denen wiederum mindestens eine aus ökologischem Anbau stammt.

Trotz dieses Erfolges rät die Senatorin weiterhin vom Verzehr von Salatgurken ab. Man werde jetzt versuchen die betroffene Ware komplett vom Markt zu nehmen. Entwarnung jedenfalls gibt die Politikerin noch nicht. Es sei keineswegs auszuschließen, dass auch andere Lebensmittel das Bakterium trügen. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung schließt sich dieser Meinung am Nachmittag an. Es gebe noch keine Entwarnung für andere Gurken, Tomaten und Blattsalate. Eine entsprechende Warnung hatte das Robert-Koch-Institut bereits am Mittwoch herausgegeben.

Alarmiert zeigen sich die norddeutschen Gemüsebauern, die zum Teil dramatische Einbußen hinnehmen müssen. Von "katastrophalen Auswirkungen" der EHEC-Krise geht zum Beispiel Andreas Brügger aus, der Geschäftsführer des Deutschen Fruchthandelsverbandes. Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, beklagt bereits erhebliche Einbußen für deutsche Bauern.

Geschredderte Salatköpfe

Einer, der dies in diesen Tagen zu spüren bekommt, war der norddeutsche Gemüsebauer Christian Behn aus Ochsenwerder. Etliche Aufträge werden in den letzten Tagen storniert. Behn, der seine Ware auf dem Hamburger Großmarkt verkauft, konnte allein in der Nacht zu Mittwoch gerade einmal die Hälfte des normalen Tagesumsatzes verbuchen. Zudem brachte die verkaufte Ware ein Drittel weniger Erlös als in der Woche zuvor. Hunderte Salatköpfe mussten schon auf Behns Hof geschreddert werden - als Dünger für junges Gemüse.

"Ein Jammer", sagt der 37 Jahre alte Landwirt, dessen Ware wie die seiner Kollegen wegen ihrer norddeutschen Herkunft besonders argwöhnisch betrachtet wird. "Solche Einbrüche können sich rasch zum wirtschaftlichen Desaster auswirken." Bei dieser Feststellung deutet er über die Wiesen und Felder direkt hinter dem Elbdeich und abseits des Rotklinkerhauses, in dem auch die Ehefrau und seine Eltern wohnen. Alles sieht mustergültig aus. Insgesamt 4000 Gurkenpflanzen stehen auf dem Hof unter Glas, in Reih' und Glied, an Schnüren hochgezogen. Zwei bis drei Exemplare hängen an einer Pflanze. Und jede von ihnen bringt während der Ernteperiode rund 30 Früchte. Behn bückt sich, zupft eine grüne Gurke ab, beißt herzhaft hinein. Das Ergebnis auf den Feldern kann sich sehen lassen. Auf fünf Hektar des Behn-Betriebs stehen rund 250 000 Salate unterschiedlicher Größen und Sorten: Rauke, Feldsalat, Lollo rosso, Lollo bianco, Kopfsalat, Eichenblattsalat. Hinzu kommen Kohlrabi, Blumenkohl, Spitz- und Chinakohl. Etwa eine Million Köpfe pro Jahr werden erzeugt und verkauft. Normalerweise.

Der Geschäftsführer der Fachgruppe Gemüsebau Norddeutschland hofft bereits auf Entspannung. Die Nachricht, das spanische Gurken den Keim getragen hätten, schaffe "hoffentlich etwas Entspannung". Die Metro, Deutschlands größter Handelskonzern, verzeichnete am Donnerstag jedenfalls noch keinen Absatzrückgang bei Obst und Gemüse. Am späten Nachmittag kündigte Metro allerdings an, ab sofort keine Salatgurken aus spanischem Anbau mehr in den Verkauf bringen zu wollen.

Doch die Furcht vor Vernichtung der Ernte und finanziellem Fiasko verlässt auch die einheimischen Bauern noch nicht. "Praktisch unser ganzes Leben hängt doch am Gemüsebau - seit vier Generationen", sagt Behn.