Infektionswelle

Wie kann ich mich vor EHEC schützen?

Ein lebensgefährlicher Darmerreger grassiert in Deutschland. Besorgte Mütter fragen in Kitas nach der Zubereitung der Mahlzeiten, Schwangere verzichten auf Rohmilchprodukte. Einige Kantinen, Biergärten und Restaurants verzichten derzeit darauf, Blattsalate zu servieren.

Krankenhäuser vermelden ein gestiegenes Informationsbedürfnis. Die Menschen sind verunsichert. Die Berliner Morgenpost gibt hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie gefährlich ist der EHEC-Keim?

Das Gift der EHEC-Bakterien kann die Nieren der Patienten angreifen. Allerdings leidet nur jeder Zehnte an dem sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). Blutiger Durchfall ist ein Zeichen für HUS. Schlimmstenfalls kann die Folgeerkrankung einer EHEC-Infektion zu lebensgefährlichem Nierenversagen führen. 3,6 Prozent der HUS-Erkrankten sterben. Betroffene, die kein HUS entwickeln, müssen lediglich mit einem wässrigen Durchfall kämpfen.

Was steckt hinter der Abkürzung EHEC?

Das EHEC-Bakterium gehört zur Familie der Escherichia-coli-Bakterien (EC). "Die meisten der EC-Bakterien sind ungefährlich, leben in den Därmen von Menschen und Tieren. Dort stören sie auch nicht", sagt die Infektionsbeauftragte des Landes Berlin, Marlen Suckau. EHEC-Erreger können jedoch nach zwei bis sieben Tagen damit beginnen, das für den Menschen gefährliche Shiga-Gift zu produzieren. Jährlich werden im Bundesgebiet zwischen 800 und 1200 EHEC-Infektionen gemeldet. Die tatsächliche Rate liegt aber höher, weil viele Betroffene nur einige Tage unter wässrigem Durchfall leiden. Sie gehen nicht zum Arzt und werden deshalb in der Statistik nicht erfasst. In Berlin gab es seit 2001 keine Häufung von EHEC-Infektionen und auch noch keinen einzigen Todesfall.

Wie stark ist Berlin von der Ausbreitung des Darmkeims betroffen?

In Kliniken der Hauptstadt werden derzeit sechs Patienten mit Verdacht auf eine Infektion behandelt, zwei Patienten sind wegen HUS in Behandlung, zwei Verdachtsfälle liegen im Uniklinikum Benjamin Franklin. "Ihre Situation ist stabil", sagt Professor Thomas Schneider, Leiter der Infektiologie. Der Arzt rechnet mit Testergebnissen frühestens am Montag. Erst dann wissen die Patienten, ob sie sich tatsächlich mit dem Darmkeim angesteckt haben. Zwei weitere Patienten wurden in Vivantes-Kliniken eingeliefert, in einem Fall konnte bereits Entwarnung gegeben werden. Auch im Virchowklinikum in Wedding ist ein Patient in Behandlung. Derzeit geht die Berliner Gesundheitsverwaltung davon aus, dass es in Berlin keinen massiven Ausbruch von EHEC geben wird. "Im Bundesgebiet werden jährlich durchschnittlich mehr als doppelt so viele EHEC-Infektionen gezählt wie in Berlin", sagt die Infektionsbeauftragte Marlen Suckau. Ein Todesfall wegen HUS in Berlin ist nicht bekannt.

Wann wurde das Bakterium entdeckt?

1977 wird der EHEC-Erreger erstmals beschrieben. In den USA lassen sich mehr als die Hälfte der Ausbrüche auf Lebensmittel zurückführen, unter anderem in Hamburgern, Salami oder nicht pasteurisiertem Apfelsaft, Sprossen und Spinat. Ende der 80er und in den 90ern taucht der EHEC-Keim mehrfach in Bayern auf und trifft vor allem Kinder. 1999 wird bei einem Kleinkind die Quelle der EHEC-Infektion gefunden. Der Junge hatte regelmäßig kleine Pferde der Nachbarn gestreichelt. Seit den 90ern ist EHEC im Visier der deutschen Gesundheitsforscher. Seit 2001 ist es Pflicht, EHEC dem Robert-Koch-Institut (RKI) zu melden.

Ist EHEC ansteckend?

Ja, EHEC wird über tierische und menschliche Fäkalien übertragen. Die Bakterien gelangen über Lebensmittel in den Körper. 100 Keime reichen aus, um krank zu werden. Die Berliner Infektionsbeauftragte Marlen Suckau zählt mehrere Ansteckungsquellen auf: "Rohes Fleisch ist gefährlich, ebenso wie Rohmilch." Allerdings wird handelsübliche Milch - auch die aus Bio-Läden - erhitzt und überträgt den Keim nicht. Eine weitere Quelle der Ansteckung kann im Streichelzoo oder auf dem Kinderbauernhof sein. "Deshalb sollten sich alle, nachdem sie ein Tier gestreichelt haben, die Hände gründlich waschen", sagt Suckau. EHEC kann auch durch auf dem Feld angebautes Obst und Gemüse in den menschlichen Körper gelangen. Zudem kann EHEC bei der Krankenpflege übertragen werden, wenn Hygieneregeln nicht eingehalten werden.

Kann ich mich bei einer Pandemie vor dem Keim schützen?

Das Landesgesundheitsamt Berlin (Lageso) empfiehlt, nach dem Essen, nach dem Streicheln eines Tieres, nach der Toilette, der Pflege eines kranken Menschen die Hände 20 Sekunden lang mit warmem Wasser und Seife zu waschen. "Dabei ist es wichtig, Schmuckringe abzunehmen und die Kuppen unter den Fingernägeln zu säubern, denn dort siedeln die Bakterien gerne an", sagt die Lageso-Sprecherin Sylvia Kostner. Nahrungsmittel sollten unter fließendem Wasser abgerieben werden. Mit einem Küchentuch aus Papier abtrocknen, um die Keimzahl weiter zu verringern. Lappen und Handtücher sollten öfter gewechselt werden und bei 60 Grad gewaschen werden.

Kann ich überhaupt noch Rohkost und Fleisch essen?

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) rät, Rohkost derzeit größtenteils vom Speiseplan zu streichen. Wer trotzdem nicht auf geschnittene Gurken, Paprika oder Wurzelgemüse verzichten möchte, sollte Obst und Gemüse erst gründlich waschen und dann abschälen. Besonders bei Blattgemüse wie Spinat gilt Vorsicht, bei Kohl oder Kopfsalat sollten unbedingt die äußeren Blätter entfernt werden. Unbedenklich ist Baumobst, wie Äpfel, Birnen und Kirschen. Sie kommen mit Dung nicht in Berührung.

Rohes Fleisch sollte getrennt von anderen Lebensmitteln gelagert und zubereitet werden, auch beim Grillen. Rohes Fleisch muss unbedingt mindestens zwei Minuten bei 70 Grad durchgebraten werden. Auf Steaks in den Zubereitungsarten Englisch oder Medium sollte verzichtet werden. Der Genuss von speziellen Wurstsorten könnte ein Risiko sein. Dazu gehören Rohwürste wie Salami, Zwiebelmett-, Leber- oder Teewurst. Auch rohes Hackfleisch sollte vermieden werden, hier ist die Gefahr einer Infektion besonders groß.

Gibt es Menschen, die gefährdeter sind als andere?

Anders als sonst sind diesmal besonders Frauen betroffen. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass sie öfter als Männer oder Kinder in Küchenbereichen tätig sind. Ansonsten zählen Kinder nach wie vor zur Risikogruppe. Auch Schwangere sollten derzeit besonders vorsichtig sein. "Ich rate Eltern dringend dazu, hellwach zu sein und alle Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten", sagt Ulrich Fölsch von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

Wer meldet die EHEC-Verdachtsfälle?

Die Berliner Gesundheitsämter melden derzeit täglich EHEC- und HUS-Verdachtsfälle an das LAGESO. Dies wiederum gibt die Daten an das RKI weiter. Normalerweise haben die Gesundheitsämter drei Arbeitstage Zeit, um Ärzte und Patienten zum jeweiligen Verdacht zu befragen. "Wegen der derzeitigen Lagen haben wir das Verfahren bundesweit beschleunigt." Es könne also sein, dass sich einige EHEC- und HUS-Meldungen nicht bestätigen.