Berliner Spaziergang mit Dr. Holger Hatje

Der Banker mit dem Löwenblick

Endlich wieder ein Maien-Tag, wie man sich ihn wünscht: Ein paar Grad über 20, Sonnenschein, die Luft voller Blütenduft. Perfektes Wetter für unseren Spaziergang durch den Berliner Zoo. Dr. Holger Hatje hat gleich mehrere Beziehungen zu Deutschlands ältestem Tiergarten (gegründet 1844).

Von seinem Büro in der Budapester Straße hat er einen Blick auf das Löwengehege, im Winter kann er auch Pandabär Bao Bao sehen. Er sei, sagt er, der einzige Vorstandsvorsitzende in Berlin, der morgens mit Urwaldgebrüll begrüßt werde. "Wer solche Nachbarn hat, muss sich auch ein bisschen um sie kümmern", sagt der Chef der Berliner Volksbank. Und so spaziert er durch die begrünte Arche Noah unserer Zeit, wann immer er eine ruhige Minute braucht. Einem Beschluss der Familie folgend, ist eine Patenschaft für die Zwergeselin Grisella übernommen worden, er ist Mitglied im Aufsichtsrat der Zoo-Aktiengesellschaft. Dort wirbt er für eine behutsame Modernisierung der Anlage. Die Eingangsbereiche am Löwen- und Elefantentor etwa müssten dringlich erweitert werden, um Warteschlangen zu vermeiden. Das - wie manches andere Wünschenswerte - sei allerdings nicht ganz einfach durchzusetzen, weil beim Zoo die Gelder immer knapp sind. Im Tierpark Friedrichsfelde wünscht er sich mehr Events; Open-Air-Konzerte zum Beispiel, um aus den roten Zahlen zu kommen. Noch stimmen die Finanzen im Zoo, nicht zuletzt aufgefrischt durch den Knut-Boom. Doch der hat bekanntlich ein trauriges Ende gefunden. Umso intensiver müsse darüber nachgedacht werden, Zoo und Tierpark ein bisschen mehr der Zeit anzupassen.

Ob er denn bei allem tierischen Engagement auch ein Lieblingstier habe, möchte ich wissen, während wir vergeblich nach den Elefanten Ausschau halten, die sich angesichts des fortgeschrittenen Tages schon zur Abendruhe in ihr Haus zurückgezogen haben. "Ich mag alle Tiere. Selbst Schlangen, vor denen sich viele Menschen ängstigen und ekeln, finde ich faszinierend."

Ordentliche Bilanz

Und ich dachte, die Löwen hätten es ihm besonders angetan. Der König der Tiere, stark und mächtig, könnte ja auch für einen Bankmenschen symbolhafte Bedeutung gewinnen. Holger Hatje ist über solche Assoziationen erhaben. Schon äußerlich ist er ein großer, starker Mann. Und - ganz bescheiden formuliert - ganz ohne Macht und Einfluss ist er als Vorstandsvorsitzender einer der größten regionalen Genossenschaftsbanken in Deutschlands natürlich auch nicht. Der Vertreterversammlung der Berliner Volksbank kann er Montag im Congress Centrum am Alex einmal mehr eine sehr ordentliche Bilanz präsentieren: unterm Strich ein Jahresgewinn von 12,2 Millionen Euro und eine Dividende von vier Prozent.

Was unterscheidet eine Volksbank eigentlich von anderen Banken? "Die Eigentümerstruktur ist eine andere. Viele unserer Kunden sind zugleich Eigentümer. Sie nehmen besonderen Anteil am Geschäftsgebaren ihrer Bank." Bei den Volksbanken auf dem Lande sei oft jeder zweite Kunde Miteigentümer. Bei seiner Berliner Volksbank etwa 16 bis 17 Prozent, was für eine Großstadt sehr ordentlich sei. "Zudem gibt unsere Satzung besondere Förderaufträge für unsere Mitglieder vor." Höchste Order ist es demnach, die regionalen Wirtschaftskreisläufe zu stützen und zu fördern, also dem klassischen Auftrag einer Bank ohne Drang zur Gewinnmaximierung nachzukommen. Entsprechend wird auch eine "angemessene Dividende" (um die vier Prozent) angestrebt. "Und wir sind eine Regionalbank - für Berlin und Brandenburg. Das grenzt unser Geschäftsfeld ein, dafür kennen wir uns hier richtig gut aus."

Traditionell wickeln bei den Volksbanken vor allem Mittelständler und Handwerker ihre Geldgeschäfte ab. Bei den Firmenkunden hat Hatjes Bank einen Marktanteil von rund 27 Prozent, der im Privatkundengeschäft liegt bei zwölf Prozent.

Dass Holger Hatje Banker wurde, ist dem Zufall, speziell der Bundeswehr geschuldet. Die war mit ihrer Einberufung schneller als er mit der Immatrikulation zum eigentlich beabsichtigten Studium des Schiffbauingenieurs. Als ihm dann seine Freunde von ihrem spannendem Studium der Betriebswirtschaft erzählten, er sich dagegen nur über die Langeweile des Wehrdienstes als Landmatrose bei der Marine mokieren konnte, stand für ihn schnell fest: Was die können, kann ich nach Mathe-Leistungskurs und guter Abi-Note auch. Und so studierte der Rekrut Hatje nebenbei Betriebswirtschaft.

Das erzählt der geborene Hamburger in unüberhörbar norddeutschem Tonfall, gewürzt mal mit hintergründigem Humor, mal mit einem raumfüllenden Lachen, sich dabei auf die Schenkel klopfend. Kein Zweifel: ein Mann, der ohne jede Überheblichkeit mit sich zufrieden ist. Ob ihm denn jedenfalls sein Doktortitel angesichts der ganzen Plagiatsaffären ein bisschen peinlich sei, frage ich frech. Wieder lacht er sich halb kaputt. Wohl, weil er ein ganz reines Gewissen hat. Und prompt ganz ernst: "Wissen Sie, eine Doktorarbeit macht man nicht mit links. Nach dem Studium war ich Assistent an der Uni Hamburg. Da habe ich fast drei Jahre lang den halben Tag an meiner Promotion gearbeitet. Meinem Professor konnte ich nichts vormachen. Der kannte die gesamte existierende Literatur zum Thema."

Stolz auf den Beruf

Und wenn wir schon mal dabei sind, schnell weiter gebohrt: Der Beruf des Bankers steht ja nach Banken- und Finanzkrise auch nicht gerade im besten Ruf. Über das miese Image kann er nun gar nicht lachen. Von sich selbst sagt er, er sei stolz, Banker zu sein. "In dem Sinne, dass mich der Beruf ausfüllt, dass ich mit dem Kreditgeschäft unserer Bank viel bewegen und helfen kann." Die Verallgemeinerungen ärgern ihn. "Wenn meine Kollegen im Freundeskreis erzählen, dass sie Banker sind, dann ist ein Ha, Ha, Ha noch die moderateste Art der Diskriminierung. Das tut mir weh. Allerdings war es um das Ansehen der Banker ja noch nie besonders gut bestellt. Schon die ersten Geldverleiher wurden bekanntlich aus dem Paradies vertrieben."

Und nun auch noch die Affäre um den Präsidenten des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn. "Ja, ja, das passt auch noch ins negative Bild. Aber bitte auch in diesem Fall: Vorsicht mit Vorverurteilungen ..."

Um seinen eigenen Ruf muss er sich keine Sorgen machen. Sein Rat ist unverändert gefragt. Auch von Berlin Partner, der gemeinsamen Wirtschaftsförderungsgesellschaft von Senat und privaten Unternehmen. Dort sitzt er ebenfalls im Aufsichtsrat. Wie funktioniert die Zusammenarbeit von Politik und Wirtschaft zum Wohle der Stadt? "Da gibt es einen regen Informationsaustausch. Dabei ist es hoch interessant zu sehen, wie sich zum Beispiel wirtschaftliche Argumente an politischen reiben. Das ist eine fruchtbare Zusammenarbeit, weil sich die Politik auch mal offen zeigt, neue Strukturen zu befördern. So haben wir es geschafft, dass die Wirtschaftsförderungen in den Bezirken vor Ort durch Mitarbeiter von Berlin Partner unterstützt werden. So werden Doppelansprachen abgeschafft, Ansiedlungsgespräche mit potenziellen Investoren und Verhandlungen mit ansässigen Betrieben damit erleichtert." Es laufe auch in der Geschäftsführung alles professionell zur weiteren positiven Entwicklung Berlins ab.

Angesichts hoher Arbeitslosigkeit, vergleichsweise schwachem Steueraufkommen bei gleichzeitiger Rekordverschuldung ist die auch bitter nötig. Hatje kann das nur bestätigen, während vor uns Ziegen in ihrem Gehege kräftig meckern und in der Ferne ein Löwe brüllt. "Die Lage ist noch so, dass ein erheblicher Aufholprozess nötig ist. Aber die Tendenz ist positiv." Doch noch im gleichen Atemzug warnt Holger Hatje vor falschen Hoffnungen. "Wer Riesensprünge erwartet, der wird lange warten. Es sind die kleinen Schritte, die Berlin Tag für Tag Stück für Stück besser machen. Deshalb muss auch die Politik Disziplin zeigen, bürokratische Hemmnisse abbauen und wirtschaftliche Aktivitäten fördern - wo immer möglich."

Denn große Unternehmen in der Stadt neu anzusiedeln sei eine ganz schwierige Sache. "Da geht es um richtig viel Geld. Da konkurriert Berlin nicht nur mit Großstädten in Deutschland, sondern mit denen der ganzen Welt. Dazu sollte man wissen, dass in den etablierten Volkswirtschaften die Hauptsitze der Großunternehmen längst verteilt sind." Die Entscheidung des Siemens-Konzerns, deren Zukunftssparte "Infrastruktur und Großstädte" nicht in Berlin, sondern in München aufzubauen, zeugt davon, wie schwer es ist, großes Neues nach Berlin zu holen. "Das ist sehr schade. Aber München mit der Siemens-Zentrale hatte wohl die größte Unterstützung. Weil Berlin immer im Wettbewerb steht, müssen wir hier vor Ort immer auch an die Konkurrenz draußen denken. Konkret: Wann immer Kritisches über Berlin gesprochen wird, muss abgeklopft werden, wie weit die Kritik faktenorientiert oder wettbewerbsmotiviert ist." Also, nicht ohne Grund die Stadt schlecht machen; die Konkurrenz wartet nur darauf.

"Der Euro bleibt"

Apropos Schlechtreden: Um die Stabilität des Euro im Verbund mit der staatlichen Verschuldung insbesondere in den südlichen EU-Mitgliedsstaaten ranken sich düstere Prognosen. Kann der Banker Hatje zu Beruhigung, zumindest zu Besonnenheit so vieler besorgter Menschen auch in Deutschland beitragen? "Keine Sorge. Der Euro bleibt. Dennoch beunruhigt die Finanzmärkte am meisten, dass noch kein überzeugender Mechanismus gefunden wurde, wie die Regierungen der EU mit einer solchen Situation umgehen sollen. Verkompliziert wird die Lage dadurch, dass die Verschuldungskrise ja kein rein europäisches, sondern ein weltweites Problem ist. Der Euro hat sich in dieser Krise als weitgehend stabil erwiesen. Und Deutschland profitiert besonders stark von ihm. Früher etwa haben die Italiener, um im Maschinenbau wieder wettbewerbsfähiger zu werden, ihre Währung kurzerhand abgewertet. Die Produkte deutscher Unternehmen wurden dadurch deutlich teurer und weniger gekauft. Das geht seit Einführung des Euro als gemeinsame Währung nicht mehr. Unsere Wirtschaft ist jetzt viel stärker." Aber Griechenland, das Land, in dem immer neue EU-Milliarden nichts zum Besseren bewirken? " Vergessen Sie nicht die Größe Griechenlands im Vergleich zu Gesamteuropa", ist er um Sachlichkeit bemüht.

Wir zählen zu den Letzten und sind die Einzigen in dunklem Anzug samt Schlips und Kragen, die an diesem Tag den Zoo durch die stählerne Drehtür am Elefantentor verlassen. Dabei liebt es Holger Hatje eigentlich eher sportlich-lässig. Er joggt draußen in Frohnau ausdauernd, 20 Kilometer die Woche entlang des ehemaligen Todesstreifens, nicht auf Zeit, sondern nach Puls. Mit einem Handicap von 25 scheint er auch ein recht ordentlicher Golfer zu sein. Dabei behauptet er von sich selbst: "Meine Leidenschaft ist doch größer als mein Talent."

Längst ist aus dem an der Elbe aufgewachsenen Hanseaten ein richtiger Berliner geworden. "Hamburg ist schön, aber Berlin ist unsere Heimat geworden. Wenn ich hin und wieder nach Hamburg fahre, ist das wie Romantik: alte Freunde besuchen, von früher reden. Aber Berlin - das ist Leben." Und noch einmal ein herzhaftes Lachen. Nicht zu übersehen und nicht zu überhören, dass er es genießt.