Interview mit Christian Rickerts

"Der Iran ist weltweit das größte Gefängnis für Journalisten"

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Seit der Gründung 1985 entwickelte sich Reporter ohne Grenzen zu einer weltweit agierenden Menschenrechtsorganisation. Das Netzwerk setzt sich für Meinungs- und Pressefreiheit ein und dokumentiert Verstöße gegen dieses Menschenrecht. Florian Kain sprach mit Christian Rickerts, dem Geschäftsführer der deutschen Sektion.

Berliner Morgenpost: Herr Rickerts, seit 79 Tagen sind Reporter der "Bild am Sonntag" im Iran gefangen. Jetzt durften sie endlich ihre Angehörigen treffen. Wie beurteilen Sie die Situation der beiden Kollegen?

Christian Rickerts: Es ist völlig inakzeptabel und wirklich nicht hinnehmbar, dass die beiden Journalisten im Iran gefangen genommen wurden, obwohl sie lediglich ihrem Beruf nachgegangen sind. Wir rufen die iranischen Behörden dazu auf, die Reporter sofort freizulassen. Es ist schön, dass sie nach diesen sicher quälend langen Tagen hinter Gittern nun endlich ihre Verwandten wiedersehen durften. Aber das war sicherlich auch eine Aktion, mit der die aufgebrachte internationale Öffentlichkeit beruhigt werden sollte. Der Iran ist für seine menschenunwürdigen Haftbedingungen bekannt. Wir fühlen mit den Kollegen und ihren Eltern.

Berliner Morgenpost: Kennen Sie vergleichbare Fälle?

Christian Rickerts: Wir sehen Parallelen zum Schicksal der US-iranischen Journalistin Roxana Saberi, die im April 2009 wegen angeblicher Spionage für die USA im Iran zu acht Jahren Haft verurteilt wurde, am Ende aber doch freikam. Wir hatten damals massiv gegen die Festnahme von Saberi und das Urteil protestiert. Die Regierung in Teheran kritisierte unsere Aktionen als "Einmischung". Aber offenbar hatte der weltweite Protest von Organisationen wie Reporter ohne Grenzen Wirkung gezeigt. Das mag auch für die beiden deutschen Kollegen Hoffnung stiften, denn die weltweite Aufmerksamkeit ist ja auch diesmal wieder hoch. Grundsätzlich sind im Iran vor allem die einheimischen Journalisten von Verhaftungen bedroht. Das Spektrum der Vorwürfe reicht von Agitation gegen das Regime bis hin zu Spionage. Der Iran ist derzeit weltweit das größte Gefängnis für Journalisten. Mit heutigem Datum sind dort mindestens 37 Reporter hinter Gittern. Damit hat der Iran inzwischen China überholt, wo wir von 30 eingesperrten Journalisten wissen, gefolgt von Eritrea mit 29. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich weitaus höher.

Berliner Morgenpost: Wie hoch sind aus Ihrer Sicht die Chancen, dass beide Kollegen bald freikommen?

Christian Rickerts: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das ist ein spezieller Fall, und das Handeln des iranischen Regimes ist diesbezüglich schwer einzuschätzen. Man kann wirklich nur hoffen, dass der internationale Protest Wirkung zeigt. Die Kanäle können gar nicht vielfältig genug sein.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie die Verhaftung von Reportern weltweit betrachten, welche Entwicklungen sind da feststellbar?

Christian Rickerts: 2009 wurden 573 Journalisten festgenommen, und auch dieses Jahr wird die Zahl ähnlich erschreckend hoch sein. In den besonders schwierigen Ländern wie dem Iran und Eritrea ist die Lage seit vielen Jahren beunruhigend.

Berliner Morgenpost: Gibt es noch einen weiteren aktuellen Fall, der Ihnen Sorgen macht?

Christian Rickerts: Ja, und zwar in Belarus. Seit der Präsidentschaftswahl am19. Dezember wurden dort mindestens 25 Journalisten festgenommen. Mindestens 13 von ihnen sind noch in Haft. Wir verlangen ihre sofortige, bedingungslose Freilassung. Den belarussischen Journalistinnen Irina Chalip und Natalia Radsina könnten sogar Strafen zwischen drei und 15 Jahren Haft drohen. Die Massenfestnahmen, die bereits gefällten und noch drohenden Gerichtsurteile gegen Medienschaffende sind wirklich völlig untragbar. Wir appellieren an europäische Regierungen und insbesondere an die russische Regierung sowie an europäische und internationale Einrichtungen, ihren Einfluss auf die belarussische Regierung geltend zu machen und Druck auszuüben, damit diese politischen Repressionen ein Ende finden. Belarus tritt die Menschenrechte und internationale Verpflichtungen des Landes mit Füßen.