Interview

"Für eine klare Kaufempfehlung ist es noch zu früh"

Es wird viel geredet über Elektromobilität. Doch wann wird es für Autofahrer interessant? Wie viel Anreize darf man für Elektroflitzer bieten? Hans Evert hat den Berliner ADAC-Vorsitzenden Manfred Voit gefragt.

Berliner Morgenpost: Herr Voit, Bundesregierung und Berliner Senat haben ehrgeizige Pläne zur Elektromobilität. Rechnen Sie mit einer schnellen Ausbreitung von Elektroautos in der Region?

Manfred Voit: Bis praxistaugliche Akkus zur Verfügung stehen, vergehen noch einige Jahre. Für kurze Pendlerstrecken ist die Reichweite von Elektroautos aber heute schon ausreichend, zumal 70 Prozent der Fahrten zur Arbeit unter 40 Kilometer liegen. Auf längeren Strecken könnte eine Kombination mit einem herkömmlichen Verbrennungsmotor für genug "Saft" im Akku sorgen. Das Elektroauto in Großserie dürfe in den nächsten Jahren durchaus ein "grüner Traumwagen" vieler Pendler werden.

Berliner Morgenpost: Schon heute bieten einige Hersteller Elektroautos an. Raten Sie zu einem Kauf?

Manfred Voit: Für eine klare Kaufempfehlung ist es noch zu früh. Die Kostenbilanz sieht noch nicht so gut aus. Wegen schnell veralteter Batterien könnte der Wertverlust so hoch sein, dass für viele ein Elektroauto unerschwinglich bleibt. Zudem: Wie umweltfreundlich die Fahrzeuge sind, hängt auch vom Strombezug ab. Die elektrische Energie muss vor allem aus regenerativen Quellen wie Wasser, Wind und Sonne kommen. Beim aktuellen Strom-Mix - also überwiegend Kohle - ist die CO2-Bilanz eines Elektroautos kaum besser als die eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor. Aufgrund der auch in Zukunft noch geringen Reichweite von Elektroautos werden sie vor allem im Stadt- und Kurzstreckenverkehr eingesetzt werden.

Berliner Morgenpost: Sollten E-Auto-Besitzer bevorzugt werden, etwa bei Steuern und Parkplätzen?

Manfred Voit: Elektro-Pkws sind ab dem Tag der erstmaligen Zulassung für die Dauer von fünf Jahren von der Kfz-Steuer befreit. Nach Ablauf der Befreiung werden sie wie leichte Nutzfahrzeuge nach ihrem verkehrsrechtlich zulässigen Gesamtgewicht besteuert, wobei sich die Steuer um die Hälfte ermäßigt. Darüber hinaus sollte den Nutzern von Dienstwagen die Anschaffung von teureren Elektrofahrzeugen durch eine Reduzierung der Dienstwagen-Besteuerung erleichtert werden. An Ladesäulen für Strom ist es den Besitzern von E-Fahrzeugen heute bereits gestattet, während des Ladevorgangs kostenfrei zu parken. Man sollte auch darüber nachdenken, Busspuren für E-Fahrzeuge freizugeben. Das würde deren Attraktivität in Berlin steigern.

Berliner Morgenpost: Immer weniger Menschen besitzen ein eigenes Fahrzeug. Werden wir in Großstädten bald vor allem Carsharing nutzen?

Manfred Voit: In Berlin oder Hamburg kann Carsharing helfen, die Pkw-Dichte zu reduzieren und damit das leidige Parkplatz-Problem zu lindern. Wer pro Jahr weniger als 10 000 Kilometer fährt, für den ist Carsharing eine kostengünstige Alternative zum Besitz eines eigenen Pkw. Und es ist natürlich für Familien interessant, die aus Kostengründen auf einen Zweitwagen verzichten möchten.