Plagiat-Affäre

Der Fall Dr. Guttenberg: Tag der Abrechnung in Bayreuth

Punktgenau um 11.30 Uhr beginnen drei Herren in einem Bayreuther Verwaltungstrakt ihren Vortrag. Der Präsident der Universität Bayreuth, der Vorsitzende einer Prüfkommission, der Dekan der juristischen Fakultät. Dass sie sich exakt an die von ihnen genannte Zeit halten, hat einen Sinn.

Wenn sie es mit der Zeit so genau nehmen, dann werden sie es mit allem anderen auch sehr genau genommen haben. Das ist die unausgesprochene Botschaft. Sie gibt die Richtung vor für alles, was in den nächsten gut 70 Minuten folgt.

Die drei Männer sprechen im Namen ihrer Universität das akademische Urteil über Karl-Theodor zu Guttenberg, den früheren Verteidigungsminister und einst beliebtesten Politiker Deutschlands. Sie legen das Gutachten der Bayreuther Prüfkommission dazu vor, wie seine Doktorarbeit zustande kam. Es soll der vorläufige Schlusspunkt dieser Affäre sein, zumindest für die Hochschule. Drei Fernsehsender übertragen live.

Die Prüfkommission habe zügig gearbeitet und sehr professionell, sagt Rüdiger Bormann, der Universitätspräsident. Seine Hochschule habe das wissenschaftliche Verhalten Herrn zu Guttenbergs überprüft, keineswegs das politische. Außerdem habe die Kommission keine staatsanwaltschaftliche oder gerichtliche Funktion. Allein die Tatsache, dass Bormann glaubt, das noch einmal klarstellen zu müssen, zeigt, wie sehr die Grenzen in den vergangenen Wochen zu verschwimmen schienen. Die Staatsanwaltschaft Hof ermittelt. Die Berliner Morgenpost berichtete an diesem Mittwoch exklusiv, dass jemand, bei dem Guttenberg abgeschrieben hat, Strafantrag eingereicht hat. Das heißt, dass nun sogar eine Anklage gegen Guttenberg möglich ist.

"Vorsätzlich getäuscht"

Sämtliche Ergebnisse seiner Kommission, sagt Bormann unbeirrt, seien von der Kommission einvernehmlich bestätigt worden. Zusammengefasst lauten sie in etwa so: Erstens, Guttenberg hat vorsätzlich getäuscht. Zweitens, die Universität trifft keine Schuld.

Auf Seite dreizehn des Gutachtens steht zum ersten Mal der Begriff, auf den es besonders ankommt: "vorsätzlich getäuscht". Auf den folgenden Seiten begründet die Uni schlüssig, warum sie das glaubt. Viele Stellen der Doktorarbeit habe Guttenberg entweder sinngemäß oder aber wörtlich aus anderen Texten und Quellen übernommen, ohne dies irgendwie kenntlich zu machen. Diese Täuschungen "durchziehen die Arbeit als werkprägendes Bearbeitungsmuster". So steht es auf Seite 20, so sagt es auch der Kommissionsvorsitzende Stephan Rixen. Umformulierungen des Textes, die Umstellung von Satzteilen und Auslassungen deuteten auf den "Willen des Doktoranden hin, die Übernahme zu verschleiern". Es sind fast 50 Stellen aufgelistet. Um die Frage zu klären, ob Guttenberg das absichtlich getan hat, habe sich die Kommission an einschlägigen Urteilen von Verwaltungsgerichten orientiert, sagt Rixen.

Sie hat vor allem aber auch die Einlassung Guttenbergs, er sei bei der Abfassung der Arbeit in extremer Zeitnot gewesen, gegen ihn gerichtet. "Er hat damit sehenden Auges - gegen die ihm bewusste Einsicht, überfordert zu sein - in Kauf genommen, dass er eine Arbeitsweise gepflegt hat, der die fehlende wissenschaftliche Sorgfalt immanent ist. Wer jahrelang akzeptiert, dass er Sorgfaltsstandards nicht einhält, handelt nicht fahrlässig, sondern vorsätzlich, weil er die Sorgfaltswidrigkeit zum bewussten Arbeitsstil erhebt." Die Kommission könne sich "nicht vorstellen, dass er hinsichtlich aller über die Dissertation verteilten Plagiatsstellen vergessen hat, dass sie noch mit Quellenangaben hätten versehen werden müssen". Die Kommission hat diese Aussage mit einer Fußnote versehen: "Diese Argumentation in Anlehnung an VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 19. 4. 2000 - 9 S 2435/99 -, juris, Rdnr. 24." Nur in einem Punkt entlasten die Prüfer Guttenberg. "Soweit in der Öffentlichkeit die Vermutung geäußert wurde, Herr Frhr. zu Guttenberg habe die Dienste eines ,ghostwriters' in Anspruch genommen, hat die Kommission keine Feststellungen treffen können."

So viel zu Guttenberg. Angesichts der sehr eindeutigen Analyse ist es erstaunlich, wie die Universität ihre eigene Rolle in der ganzen Angelegenheit betrachtet: unschuldig in beinahe allen Punkten.

Die Mitverantwortung der Universität, sagt Rixen zwar, "ist in der Tat ein heikler Punkt". Im Prüfbericht liest sich das etwas anders. Die Kommission stellt fest, dass Guttenbergs Gutachter keine Mitverantwortung trifft. Auch sonstigen Beteiligten sei keine Mitverantwortung vorzuwerfen. Man merkt aber sowohl dem Bericht als auch Rixen ein Unbehagen an.

Guttenbergs Doktorvater habe sich "vom Grundsatz des ,pädagogischen Optimismus' leiten lassen", jedem Doktoranden eine Dissertation zuzutrauen. Dies aber auf "eine Weise, die uns heute vielleicht altmodisch erscheint", wie Rixen sagt. Die Prüfer sind durchaus der Ansicht, dass dem Doktorvater und dem Zweitgutachter hätte auffallen können, dass Guttenberg sich "wiederholt auf unveröffentlichte Ausarbeitungen des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages" bezog. Es hätte nahegelegen, sich diese Texte näher anzusehen. Die Bestnote summa cum laude sei nicht überzeugend begründet, sagt Rixen.