Berliner Spaziergang

Der Verdichter

Ich habe Angst vor diesem Treffen. Warum musste ich auch dieses Interview lesen? Der Theaterregisseur Michael Thalheimer sagt darin, dass er Interviews nicht besonders mag. Nicht, sie zu lesen, und noch weniger, welche zu geben.

Dass er sie schon öfter abgebrochen hat, einfach weggegangen ist. "Es ist enttäuschend ..., wie dumm doch die meisten Journalisten sind", hat er einmal gesagt. Vielleicht kommt er ja gar nicht. Ich stehe vor dem Café "Schönbrunn" im Volkspark Friedrichshain, keine Spur von ihm. Er wollte sich hier treffen, er wohnt in der Nähe. Kann er also schnell nach Hause abhauen, wenn es ihm zu blöd wird, denke ich. Dann steht er plötzlich zehn Meter neben mir, kneift die Augen zusammen und legt die Handkante an die Stirn wie ein Kapitän auf hoher See. Er hält Ausschau. Irgendwann sieht er mich, nickt und läuft langsam, sehr langsam, auf mich zu.

"Den Bart hätte ich nicht erwartet", höre ich mich sagen. Das war der erste Satz? Den Bart hätte ich nicht erwartet??? Wie wäre es mit "Hallo, freut mich, Sie kennenzulernen" gewesen?

Er sagt: "Ich auch nicht." Und lacht. Ich auch. Wir laufen los.

Es ist Sonnabend, 15 Uhr, Michael Thalheimer, neuerdings also mit grauem Fünftagebart, kommt gerade von der Probe. "Die Macht der Finsternis", Leo Tolstois erstes, etwas in Vergessenheit geratenes Drama. Eine Geschichte über Gier und Niedertracht und Sehnsucht. Eine Geschichte, wie Thalheimer sie mag, weil sie mit den Urthemen unserer Existenz spielt: Tod, Rache, Eifersucht und Hoffnung auf Liebe. In rund zwei Wochen, am 21. Mai, wird seine Inszenierung an der Schaubühne Premiere haben, und auch für Michael Thalheimer wird es eine Premiere sein. Zum ersten Mal in seiner Karriere arbeitet er mit dem Ensemble der Schaubühne zusammen. Mehr als ein Jahrzehnt lang hat er in Berlin ausschließlich am Deutschen Theater gearbeitet, das er seine geistige Heimat nennt. Er war Hausregisseur und Mitglied der künstlerischen Leitung, hat dort Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" inszeniert, eine sehr blutige "Orestie" von Aischylos, Tschechows "Drei Schwestern", vieles mehr, zuletzt wieder Hauptmann, "Die Weber", im schlesischen Original. Am Deutschen Theater und dem Hamburger Thalia Theater hat er seine größten Erfolge gefeiert, sechs Mal wurde er zum Berliner Theatertreffen eingeladen, die Oscarverleihung der Branche. Er hat den Nestroy-Theaterpreis gewonnen, den Innovationspreis von 3sat, den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost. Was man objektiv als Theaterregisseur in diesem Land erreichen kann, Thalheimer hat es erreicht. Mit gerade einmal 45 Jahren. An diese Form von Erfolg hat er deshalb keine Fragen mehr. "Das erste Mal Theatertreffen war wie der erste Kuss", sagt er, "aber wenn man so oft dort war, dann, ach, sagen wir es mal so: Ich freue mich für andere, wenn sie eingeladen werden." Denn ob man im Theater alles erreicht hat, das mache ja nicht die Außenwelt fest, sagt er. Kein Kritiker, kein Preis, keine Bewunderung. "Wenn ich das glauben würde, müsste ich mir ja eingestehen, dass ich es nur der Anerkennung wegen mache. Und das stimmt nicht." Als Regisseur solle man immer wieder den Eros entdecken - oder ihn zumindest nicht verlieren. Darauf komme es an. Leidenschaft. Neugier. Hungrig zu bleiben, etwas entdecken zu wollen in den Stücken und den Figuren. Wenn einem das gelinge, sei das der wirkliche Erfolg.

Krethi, Plethi, Hinz und Kunz

Michael Thalheimer hat heute kein Entdeckungsziel, wir schreiten eher durch den Park, als dass wir laufen, über Gras und Erde, bergauf, bergab, über Gehölz und Mauern, immer langsam, ganz langsam. Zwei Stunden Zeit hat er, mehr gehe wirklich nicht, er müsse dann nach Hause, Snooker gucken, aber dazu später mehr. Thalheimer ist weder groß noch klein, weder dünn noch besonders dick, seine Haare liegen so auf seinem Kopf, wie sie nach dem Abtrocknen heute Morgen da schon lagen. Die ovale Brille vergrößert die müden Pupillen, er kann einem unglaublich direkt in die Augen schauen, ohne ein Zwinkern. Wenn er spricht, ist er hoch konzentriert, nur ganz selten mischt sich ein "Äh" in seine Sätze. Manche Wörter akzentuiert er so stark, als stünde er auf der Bühne. Das Wort "Kuss" etwa klingt bei ihm, als werde es mit vier "s" geschrieben. Vielleicht spürt er besondere Wörter auf diese Weise stärker, vielleicht ist es auch nur ein Relikt aus seiner Zeit vor der Theaterregie. Thalheimer ist gelernter Schauspieler, hat in Bern studiert, später war er Ensemblemitglied am Theater Chemnitz. Dort machte er auch seine ersten Gehversuche als Regisseur. Bereits bei seiner zweiten Regiearbeit gab er das laufende Schauspielengagement auf. "In solchen Entscheidungen bin ich sehr radikal. Ich wusste: Ich will mich auf eines konzentrieren. Ich habe auch zu viel Respekt vor diesen beiden Berufen, als dass ich sie parallel ausüben könnte." Den Reiz zu spielen verspüre er schon lange nicht mehr. Ganz offensichtlich fühlt sich Michael Thalheimer wohl auf der anderen Seite.

Ich entscheide mich, ihm nicht von meiner Angst zu erzählen. Aus Angst. Aber ich spreche ihn auf das Zitat an aus dem Interview - das mit der Dummheit der Journalisten. Es sprudelt sofort aus ihm heraus, ganz offensichtlich ist das ein Thema, das ihn bewegt. "Bis auf zwei, drei Kritiker, an denen ich noch Interesse habe, finde ich diese Theaterkritik nur noch dumm. Vor allem hier in Berlin. Die leben in ihrer kleinen Theaterrepublik, in der sie sich mächtig fühlen, und holen sich ständig einen drauf runter. Es ist schon traurig, wie wenig Sachverstand über das Theater besteht. Kritiker ist ja kein geschützter Beruf. Krethi und Plethi kann sich Kritiker schimpfen." Krethi und Plethi, Thalheimer mag diese Redewendung. Sie ist sein Hinz und Kunz. Er spricht jetzt laut, in Rage gerät er nicht, das würde nicht zu ihm passen. Aber er hat sich warm geärgert. "Der Kritiker hat eins verlernt: Respekt. Die unsägliche Kritik seit fünf Jahren gegenüber der Volksbühne ist das beste Beispiel. Egal, was dort passiert, jeder vergisst, dass man über Frank Castorf redet, einen Mann, der diese Bühne 15 Jahre lang epochal geleitet hat. Das war die beste Bühne Europas, wenn nicht der Welt. Die ganzen Kritiker haben davon gezehrt. Und als hätte er das nie getan, wird mit ihm unter der Gürtellinie umgegangen, dass ich es nur noch lächerlich finde." Das Schlimmste sei, dass bestimmte Kritiker schon mit einer vorgefertigten Meinung ins Theater kämen. "Ich habe in den vergangenen Jahren so viele unterschiedliche Stücke, Ästhetiken und Inhalte auf die Bühne gestellt, und in den Kritiken steht immer das Gleiche. Ich schäme mich für diese Dummheit." Aber das sei eben alles sehr deutsch, sagt Thalheimer, hier werde man schnell fallen gelassen. Das sei im Theaterbetrieb genauso wie beim Sport. In Frankreich oder Skandinavien passiere das nicht. Aus Michael Thalheimer spricht in diesem Moment kein beleidigtes Würstchen, dem nicht genug Lob zuteil wurde. Er ist auch kein arroganter Intellektueller, der herabschaut auf die dumme Journaille. Er ist nur jemand, der seinen Berufsstand verteidigt. Der traurig ist, dass Kritik mit Respektlosigkeit verwechselt wird. Plötzlich habe ich keine Angst mehr vor ihm.

Theater und Michael Thalheimer, das ist mehr Zufallsgemeinschaft als Bestimmung. Ein Schlüsselerlebnis mit der Bühne habe er nie gehabt. Thalheimer ist im hessischen Münster aufgewachsen, einem kleinen Örtchen in der Nähe von Darmstadt. Für das dortige Staatstheater hatten seine Eltern ein Abo. Als der Vater einmal keine Lust hatte, die Mutter mitzunehmen, ging der kleine Michael mit. "Es war eine Operette, 'My Fair Lady'. Ich hatte meinen Vater aber falsch verstanden und bin nur mitgegangen, weil ich dachte, er habe 'Mafia Lady' gesagt." Am Anfang sei er daher etwas enttäuscht gewesen, dann überrascht und schließlich irgendwie fasziniert. "Aber ein Schlüsselerlebnis? Nee, gar nicht."

Als Teenager verdingte er sich am Staatstheater als Komparse, weil man damit mehr Geld verdienen konnte als mit dem Austragen von Zeitungen. Und als das Staatstheater für ein Stück einen Schlagzeuger suchte - Thalheimer wollte eigentlich Musik studieren -, bewarb er sich und bekam den Job. Er durfte erleben, wie das überhaupt funktioniert, dieses Theater. Konzeption, Leseprobe, Bauprobe, Generalprobe, Premiere: Thalheimer, gerade 17 Jahre alt, war dabei. "Es hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe dann sofort mit dem Schlagzeug aufgehört." Die radikalen Schnitte, er hat sie schon immer gemacht.

Wir stehen jetzt ganz oben auf dem Hügel im Volkspark, die Sonne bricht in schnurdünnen Strahlen durch die Baumkronen, Jugendliche zerdrücken Bierdosen, ein älterer Mann macht Nahaufnahmen von Vögeln. Thalheimer liest Blätter auf und zerzupft sie, wie Kinder es mit Gänseblümchen machen. Sie liebt mich, sie liebt mich nicht. Gänseblümchen haben meist 34 Blütenblätter, das Spielchen läuft auf "Sie liebt mich nicht" hinaus. Wer mit Eichenblättern spielt, kann die Antwort steuern. Michael Thalheimer ist jemand, der gerne steuert, was am Schluss herauskommt - auch wenn er das oft erst kurz vor Ende entscheidet. So macht er Theater: als Prozess, als Entwicklung, nicht als Abspulen eines Programms.

"Ich will die Banane ohne Schale"

Es gibt da diese Szene in seiner Inszenierung von "Faust I" am Deutschen Theater, in der das Gretchen in enervierender Rastlosigkeit immer und immer wieder um Faust herumläuft. "Heinrich, wie hältst du es mit der Religion?", fragt sie und wieder: "Heinrich, wie hältst du es mit der Religion?" Sechsmal insgesamt, sie bohrt diese Frage in Heinrich hinein, ohne Mitleid, und man sieht, wie dieser Mann sich windet, plagt, an sich selbst zugrunde geht. Wie er dort steht und seine Gottesbeschwörungen flüstert und schreit und in ihnen schwelgt und sich gegen sie wehrt und sich am Ende nicht mehr anders zu retten weiß als mit einem Kuss, der so gefährlich aussieht wie das Kauen von Glas. Es sind Bilder, die haften bleiben, wenn man den Theatersaal schon lange hinter sich gelassen hat.

Thalheimer hat den "Faust" freigeschaufelt von jahrhunderteschwerem Interpretationsschutt und hochmütigen Projektionen und hat den nackten Menschen Heinrich Faust auf die Bühne gestellt. Mit seinen Ängsten und Zweifeln. Das ist vielleicht Thalheimers allergrößtes Talent: Menschen in Figuren freizulegen. Er sagt dazu: "Ich will die Banane ohne Schale." Man muss sich Michael Thalheimers Arbeit ein bisschen so vorstellen wie die Fragerei seines unerbittlichen Gretchens. Er lässt nicht los, beißt sich fest im Stoff und in den Personen, bis sie sich ihm offenbaren. Allen Ballast, der dem unverstellten Blick auf das meist verwundete Ich im Wege steht, räumt er zur Seite. Das führt dazu, dass er klassische Dreistünder wie "Emilia Galotti" in Spielfilmlänge auf die Bühne bringt. Stückverdichtungen wie diese haben dafür gesorgt, dass kaum einem anderen Regisseur so viele Labels angepappt wurden wie ihm. Essentialist nennen ihn jene, die ihn mögen. Radikalverknapper oder Stückvergewaltiger andere, die seine Arbeit verabscheuen. Sogar einen Eintrag im "Brockhaus" hat er sich so erarbeitet: "Typisch für seine Inszenierungen ... sind die konsequente Reduktion des Dramentextes auf die wichtigsten Handlungsstränge und die dadurch erfolgende Verdichtung der Dramenidee", heißt es dort.

Wir verlassen den Volkspark, Thalheimer läuft jetzt etwas schneller, die zwei Stunden sind bald um. Er erzählt von seinem Hobby Billard. "Das ist meine große Leidenschaft", außer der Familie und dem Theater gebe es eigentlich nur noch das. "Billard befreit mich vom Theater." Er teilt die Faszination daher auch mit zwei Freunden, die nichts mit dem Theater zu tun haben. Mit ihnen spielt er Pool, sie hatten sogar schon einen professionellen Trainer. Daheim hat er seinen eigenen Turniertisch. Pool sei der reine Spaß, sagt Thalheimer - und Snooker die Kunst zum Bewundern. Die großen Turniere verfolgt er im Fernsehen, er kann die Weltrangliste auswendig aufsagen. Heute steht das Halbfinale eines wichtigen Turniers an, deswegen möchte er jetzt auch nach Hause gehen.

Michael Thalheimer ist nicht abgehauen, er geht einfach nur heim. Vor zwei Stunden hatte ich noch Angst vor ihm. Jetzt würde ich am liebsten mitkommen, Snooker schauen und mit ihm ein Bier trinken. Aber ich habe Angst zu fragen.