Der Tod des Al-Qaida-Chefs

Bin Ladens Erben kündigen Rache an

Osama Bin Laden ist seit Sonntagabend tot, aber die Darstellung der Operation "Neptune Spear", die den Al-Qaida-Chef im pakistanischen Abbottabad zur Strecke brachte, verändert sich im 24-Stunden-Rhythmus. Aktuellste Version: Nur der erste von vier Männern, die von einem Navy-Seals-Team erschossen wurden, feuerte auf die nächtlichen Angreifer.

Von einem heftigen, anhaltenden Feuergefecht in dem dreistöckigen Gebäude, von dem bislang berichtet worden war, kann also keine Rede sein.

US-Regierungskreise verweisen inzwischen auf Erkenntnisse, die sie Unterlagen entnehmen konnten, die bei der Aktion sichergestellt wurden. Danach plante al-Qaida Anschläge auf den Bahnverkehr in den USA. Sie hätten möglicherweise am 11. September 2011, dem zehnten Jahrestag des Terrorschlags auf das World Trade Center und das Pentagon, zum Nationalfeiertag am 4. Juli oder zu Weihnachten ausgeführt werden sollen. Die konkrete Planungsphase habe aber noch nicht begonnen. Bekannt wurde auch, dass Bin Laden kurz vor seinem Tod nicht mehr über große finanzielle Reserven verfügte. Zudem sei das Terrornetzwerk gespalten, von denen die größere der beiden Gruppen von der mutmaßlichen Nummer zwei der Organisation, Aiman al-Sawahiri, kontrolliert werde, sagte ein Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes.

Das Zentralkommando von al-Qaida bestätigte in einer am Freitag bekannt gewordenen und auf den 3. Mai datierten Erklärung im Internet den Tod "des heiligen Kriegers" Bin Laden, drohte mit Rache und kündigte die baldige Veröffentlichung einer Audiobotschaft des Terroristen an, die eine Woche vor seiner Erschießung aufgenommen worden sei.

Die aktuelle Variante der Ereignisse in der Nacht auf Montag liest sich wie folgt: Das US-Team wurde bei seinem nächtlichen Einsatz aus dem Gästehaus, dem kleineren von zwei Gebäuden in dem festungsähnlichen Anwesen, von einem Mann mit Schüssen empfangen. Die Soldaten erwiderten das Feuer und töteten den Schützen. Bei ihm habe es sich um Abu Ahmed al-Kuwaiti gehandelt, jenen Kurier, dessen über Jahre akribisch verfolgte Spur die US-Dienste zu Bin Ladens Anwesen geführt hatte.

Daraufhin durchbrach das Team die Tür zum Hauptgebäude. Dort traf es auf einen zweiten Mann, der die Hände hinter seinem Rücken hielt. Aus Sorge, der Mann trage eine Waffe, wurde auch er erschossen. Doch der Getötete, der Bruder des Kuriers, war unbewaffnet. Allerdings seien in seiner direkten Nähe Waffen gefunden worden, so die Darstellung. Als die Soldaten die oberen beiden Stockwerke zu erreichen versuchten, stürmte ihnen auf der Treppe ein Mann entgegen, der ebenfalls erschossen wurde. Bei ihm handelte es sich um einen der erwachsenen Söhne Bin Ladens.

Beim Weg in die oberste Etage entdeckten die Soldaten Bin Laden, der die Treppe hinunterschaute. Sie feuerten auf ihn. Bin Laden zog sich sofort in den angrenzenden Raum zurück. Das Team stürmte ihm nach. Dort stürzte sich eine der Ehefrauen des Terrorchefs auf die Soldaten. Sie erhielt einen Schuss ins Bein und wurde zur Seite gestoßen, um freien Blick auf Bin Laden zu bekommen.

Er sei "nahezu sofort" erschossen worden, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf eine anonyme Quelle in der Regierung und einen weiteren Informanten, der "mit den Briefings über den Einsatz vertraut" sei. Bin Laden war unbewaffnet. Aber im Raum seien ein Sturmgewehr vom Typ AK-47 (Kalaschnikow) und eine Pistole gefunden worden. Unmittelbar nach dem Einsatz war in Washington von einem schwer bewaffneten Bin Laden die Rede, der möglicherweise auf die Elitesoldaten geschossen und eine Frau als Schutzschild genutzt habe. Sie sei dadurch ebenfalls zu Tode gekommen. Beide Details hatten das Weiße Haus und die CIA bereits vor Tagen zurückgezogen. Sie versicherten aber weiterhin, Bin Laden habe "Widerstand" geleistet.

"Gefangennahme oder Tötung"

Die aktuellste Variante der Vorgänge stützt die Hinweise, denen zufolge es sich bei dem Einsatz um eine "kill mission" mit dem dezidierten Ziel der Liquidierung des Terroristenchefs gehandelt hat. Eine Gefangennahme Bin Ladens sei nie vorgesehen gewesen. Das hatte Präsident Barack Obama bereits im Laufe des Montags dementieren lassen. Im Fokus der Aktion habe die "Gefangennahme oder Tötung" des Terroristen gestanden. Kriterium für die Wahl zwischen beiden Varianten sei die Sicherheit der Soldaten gewesen.

Die durch den Schuss ins Bein verletzte Ehefrau Bin Ladens befindet sich inzwischen in pakistanischem Gewahrsam. Ihren Vernehmern soll die Jemenitin gesagt haben, sie habe das Anwesen in den fünf Jahren, in denen sie dort lebte, nicht ein einziges Mal verlassen.

Ein solcher Grad von Selbstisolierung erschwerte es für die CIA im Vorfeld, genaue Erkenntnisse über die festungsähnliche Anlage zu gewinnen - obwohl der US-Geheimdienst schon kurz nach der Entdeckung des Anwesens im vergangenen August in Abbottabad nur drei Blocks entfernt ein Haus angemietet hatte, wie die "Washington Post" berichtet.

Von dort aus beobachtete ein Team, das auch pakistanische Informanten nutzte, Bin Ladens Versteck, hörte dort geführte Handytelefonate ab und belauschte Gespräche per Richtmikrofon. Bei Blicken aus sicherer Entfernung über die Mauer wurde Bin Laden bei Spaziergängen auf dem Grundstück beobachtet. Er war für die Agenten allerdings nicht eindeutig zu identifizieren. Der geheime CIA-Stützpunkt in der Nachbarschaft des Terroristen wird als eine der delikatesten Operationen in der Geschichte des Auslandsgeheimdienstes beschrieben.

Eine erste Auswertung von Unterlagen, die in Bin Ladens Anwesen sichergestellt wurden, weist nach Informationen aus Regierungskreisen auf die Planung weiterer Terroranschläge hin. In handschriftlichen Notizen sei es um die Manipulation von Bahngleisen mit dem Ziel gegangen, einen Zug in eine Schlucht oder von einer Brücke stürzen zu lassen.

In anderen Dokumenten soll es um einen Anschlag zum zehnten Jahrestag des 11. September 2001 oder auf große Menschenmengen an hohen Feiertagen gegangen sein.