Rache

Amerika jubelt über den Tod des Feindes - und schämt sich auch

Als die Nacht endete, in der Amerika in einer patriotischen Entladung zum Himmel jauchzte und seinen ärgsten Feind in die tiefste Hölle wünschte, blieb für viele die Übelkeit nach dem Rausch. In Leserbriefen, Radiointerviews und Blogs wurden an das triumphale Fieber kalte Fragen gerichtet.

Kann Rache Gerechtigkeit sein, wie Barack Obama meint, in einem Land von Recht und Gesetz? Darf eine Nation, die sich als christlich und gottesfürchtig begreift, die Tötung eines Feindes feiern wie einen Weltmeistertitel im Sport? Macht sich dieses trunkene Amerika nicht gemein mit jenen hasserfüllten Massen, die auf arabischen oder iranischen Straßen Amerikanern den Tod wünschten und "9/11" feierten?

Es ehrt die Amerikaner, nicht einig zu sein in der Stunde des Triumphs. Die Eckpunkte der Reaktionsbreite markierten Männer wie Rush Limbaugh und Simon Hark. Der Radio-Guru der extremen Rechten Limbaugh, der sich gewöhnlich von niemandem in seiner Verachtung für Barack Obama übertreffen lässt, verwirrte seine Millionen Zuhörer, als er nach der Kommandoaktion Gott dankte für diesen Präsidenten. Es wird nicht wieder vorkommen.

Simon Hark kennen nur seine Studenten an der jesuitischen Marquette University. Harks Gott will nicht bedankt sein für Beihilfe zur Tötung: "Gewalt brütet nur Gewalt. Endete die Gewalt mit dem Tod Saddam Husseins im Irak?", notierte Hark. "Bei Hesekiel 18,23 heißt es: Habe ich Vergnügen an dem Tod des Üblen, sagt Gott der Herr, oder eher daran, dass er sich ändere und lebe?"

Die amerikanischen Boulevardblätter wollten von dieser anderen alttestamentarischen Tradition wenig wissen. Die "Philadelphia Daily News" schrieben: "We got the bastard" - wir haben den Bastard. "Schmore in der Hölle!", wünschte die "Edmonton Sun" dem geschlagenen Feind. Und New Yorks Revolverblatt "Daily News" entschied sich bei seinem Nachruf für "Verrotte in der Hölle!", offenbar gründend in einer weniger feuchten, feurigen Höllenvorstellung. Den Opfern der Anschläge vom 11. September 2001 ihr Recht auf Rachegefühle zu bestreiten, würde niemand offen wagen.

"Gern auf seine Leiche gepisst"

Daniel Arrigo, der in den fünf Monaten täglichen 15-Stunden-Schichten auf dem toxischen Schutt von Ground Zero seine Gesundheit opferte, empfing die Nachricht von Osama Bin Ladens Tod zu Hause in Long Island in seinem Krankenbett. Nach zwei Schlaganfällen, wegen einer schweren Lungenkrankheit trotz Sauerstofftank um Atem ringend, presste Arrigo hervor: "Ich bin froh, dass er vor mir gestorben ist." In Arrigos Genugtuung liegt Noblesse, verglichen mit dem blanken Hass, den John Cartier empfindet. Sein Bruder starb im World Trade Center, und Cartier bedauert nur eins: "Ich hätte gern auf Bin Ladens Leiche gepisst."

Angehörige, deren Wunden offenbar nie verheilten, teilten mit Reportern Tagträume und Fantasien. Maureen Santora, die bei den Anschlägen in New York ihren 23 Jahre alten Sohn verlor, war sich sicher, dass er im Himmel "heute vor Freude schreit und brüllt".

Manche gaben zu verstehen, wie sehr es sie bei aller Genugtuung verletzt habe, dass Bin Laden nicht in einer Höhle darbte, sondern in einer Luxusresidenz mit Frauen und Kindern bequem und unbelästigt lebte. Ihnen ist die von Obama angeordnete Sorgfalt, muslimische Traditionen im Umgang mit der Leiche weitgehend zu achten, schmerzhaft unbegreiflich. Ihre Lieben wurden verbrannt, zerfetzt, von ihnen blieb nicht einmal genug, um die Gewissheit ihres Todes festzustellen. Und Obama sorgt sich um die Waschungen am Leichnam Bin Ladens?

Hassverzerrte Fratze des Islam

Muslimische Führer in den USA wissen diese Sorgfalt wohl zu schätzen. Auch wenn ihre Gelehrten uneins sind, ob es bei flexibler Auslegung der Todesriten des Islam ausnahmsweise ein Seebegräbnis geben kann, überwiegt Dankbarkeit und Erleichterung über den Tod. Für zu viele Amerikaner war Bin Ladens Gesicht fast zehn Jahre lang die hassverzerrte Fratze des Islam. In der Erfahrung der US-Muslime teilt sich seit "9/11" ihr Leben radikal in ein Vorher und Nachher. Sie ersehnen nichts mehr, als dass der Tod des Mannes, "der mehr Muslime ermordete als Nichtmuslime", den Geist vertreibt, der ihre Religion mit Terror und Furcht gleichsetzt. Und diese Furcht ist ja nicht besiegt. Nicht nur die CIA warnt vor Racheakten, Einzeltäter, "lonesome wolves", könnten ohne weitere Planung handeln.

Doch manche Amerikaner bekundeten Scham über den wüsten Triumphalismus jener Nacht. Es seien gerade bei den Jungen, die eine Welt ohne Osama Bin Laden nicht kennen, Gesänge gegen die Angst gewesen.

"Time", das alte, einst stolze, heute darbende Nachrichtenmagazin, hat angekündigt, Bin Laden sein viertes Titelbild mit einem rot durchgekreuzten Schurkenporträt anzutun. Adolf Hitler hatte in der Ausgabe vom 7. Mai 1945 als Erster das Privileg, ausgelöscht, erledigt, durchgekreuzt zu werden. Dann kamen nach langer Pause Saddam Hussein (2003) und Abu Musab al-Sarkawi (2006).