Bin Laden

Obamas riskante Entscheidung

Es ist der 1. Mai 2011, ein Sonntag, und US-Präsident Barack Obama spielt Golf. Das Wetter auf der Andrews Air Force Base ist kühl, und der Präsident spielt nur neun Löcher statt der üblichen 18 und eilt dann in das Weiße Haus. Doch nicht wegen des Wetters, wie die Journalisten vermuteten. Obama hat einen Termin, einen der wichtigsten seiner Karriere.

Der Präsident nimmt sich nicht einmal die Zeit zum Umziehen. Kurz darauf sitzt Obama in Golfkleidung im Situation Room und starrt mit grimmiger Miene und zusammengebissenen Zähnen auf einen Bildschirm. Neben ihm Brigadegeneral Marshall Webb, Vize-Kommandeur der US-Spezialkräfte, der auf seinem Laptop tippt. Dazu die wichtigsten Vertreter von Militär und Regierung. Außenministerin Hillary Clinton hält sich die Hand vor den Mund, als müsste sie einen Laut unterdrücken oder könne nicht glauben, was sie gerade sieht. Wie eingefroren wirkt die Szene, als der Fotograf auf den Auslöser drückt.

Das vom Weißen Haus veröffentlichte Foto, das die Berliner Morgenpost wie viele Zeitungen in der ganzen Welt auf der ersten Seite druckt, zeigt die mächtigsten Politiker der USA in einem der aufregendsten Momente ihres Lebens. Per Videoübertragung verfolgen sie den 40 Minuten langen Einsatz der Elitetruppe Navy Seals im Tausende Kilometer entfernten Pakistan. Sie sind dabei, als Osama Bin Laden von den US-Soldaten getötet wird.

"Es war wahrscheinlich einer der ängstlichsten Momente im Leben der Menschen, die hier versammelt waren", beschreibt Obamas Anti-Terror-Berater John Brennan später die Stimmung im Situation Room. "Die Minuten vergingen wie Tage."

Extrem nervenaufreibend

Der Situation Room befindet sich im Westflügel (West Wing) des Weißen Hauses: Ein etwa 460 Quadratmeter großer Komplex, intern auch "the woodshed" genannt, der Holzschuppen. Dies ist die Einsatzzentrale, von der aus Präsident und Nationaler Sicherheitsrat der USA Operationen steuern können. Im Raum steht ein großer Tisch, an den Wänden sind Bildschirme angebracht, es gibt ein Videokonferenz-System.

Diesen Momenten im Holzschuppen waren monatelange Ermittlungen, "mühselige Kleinarbeit", so Brennan, vorausgegangen. In einem Bericht der "New York Times" beschreiben Mitarbeiter des Weißen Hauses, des Pentagon und der Geheimdienste die letzten Wochen vor dem Zugriff. Es seien immer wieder "Was wäre wenn"-Szenarien durchgespielt worden, die Wochen seien extrem nervenaufreibend gewesen, heißt es. Offenbar gab es innerhalb der Regierung Streit darüber, ob es überhaupt schon der richtige Zeitpunkt für eine Operation sei, oder ob es nicht besser wäre, das Haus in Pakistan so lange weiter zu observieren, bis man sicher sei, dass Osama Bin Laden sich auch dort befindet. Während Militärs vorgeschlagen hatten, das Versteck Bin Ladens mit Drohnen zu zerstören, bestand Obama auf den Einsatz eines Zugriff-Teams per Hubschrauber. Der Präsident sah die Sicherstellung Bin Ladens oder seines Leichnams als unverzichtbar an, um jeden Zweifel am Erfolg der Aktion zu zerstreuen. Wie die "New York Times" schreibt, warnten ihn im Vorfeld enge Mitarbeiter im sehr kleinen Kriegskabinett mit Hinweisen auf den missglückten Kampfeinsatz im Jahr 1993 in Mogadischu, der Hauptstadt Somalias. Damals waren zwei US-Helikopter abgeschossen, Besatzungsmitglieder gefangengenommen, zahlreiche US-Soldaten kamen ums Leben. Das Desaster wurde von Hollywood-Regisseur Ridley Scott verfilmt - "Black Hawk Down" gilt immer noch als Synonym für einen fehlgeschlagenen Einsatz. "Es gab kein Treffen, in dem nicht jemand 'Black Hawk Down' erwähnte, erinnert sich ein Regierungsbeamter. Obama entschied sich dennoch für das Risiko. Ende März ordnete er an, für den Einsatz zu trainieren. In Afghanistan wurde ein Nachbau des mutmaßlichen Bin-Laden-Anwesens in Originalgröße errichtet, an dem die Seal-Soldaten die Erstürmung probten. Die Hubschrauber mit den Elitesoldaten sollten später auch in Dschalalabad in Afghanistan starten. Für den Nachbau war das mit bis zu fünf Meter hohen Mauern und Stacheldraht gesicherte dreistöckige Gebäude in Abbottabad von der Straße und per Satellit fotografiert und vermessen worden.

Die Zweifel blieben bis zum Schluss. Noch am Donnerstag vergangener Woche habe es laut "New York Times" immer wieder "lange Momente des Schweigens" gegeben, als Berater wieder und wieder denkbare Szenarien durchspielten. Doch Obama setzte sich durch. In der Nacht zum Freitag fiel die Entscheidung. "It's a go" - Grünes Licht, teilte der Präsident am Morgen des 29. April seinem Sicherheitsteam mit. Am Sonntag um 14.05 Uhr beschrieb CIA-Chef Leon Panetta ein letztes Mal die Kommandoaktion dem Beraterstab, am Morgen hatte Präsident Obama der Operation seinen endgültigen Segen gegeben. Eigentlich hätten die Helikopter bereits am Sonnabend starten sollen, doch hatte das Wetter über dem Einsatzgebiet einen Strich durch die Planungen gemacht. Zuvor hatte Panetta mit Vizeadmiral William McRaven telefoniert, dem Chef der Spezialkommados. "Es ist nun in Deinen Händen, mein Freund", sagte der CIA-Direktor. "Ich wünsche Dir das Beste. Alles, was ich tun kann, ist höllisch viel zu beten."

Nun gibt es kein Zurück mehr.

Die "New York Times" fasst die letzten Minuten der Operation im Weißen Haus so zusammen: Kameras übertragen die Bilder, die offenbar aus den Helmkameras der Soldaten stammen, aus Pakistan live via Satellit nach Washington. Der Code-Name für Bin Laden ist "Geronimo". Obama und seine Berater sind per Videokonferenz mit Panetta im Geheimdienst-Hauptquartier in Langley verbunden. Panetta berichtet, was in Pakistan passiert. 79 Soldaten der Spezialeinheit Navy Seals sind in vier Hubschraubern unterwegs.

Lange habe Schweigen geherrscht, heißt es, Obamas Gesicht sei nach Angaben eines Beteiligten versteinert gewesen. Vizepräsident Joe Biden hält einen Rosenkranz.

"Sie haben das Ziel erreicht", sagt CIA-Chef Panetta.

Die Minuten vergehen langsam.

"Wir können Geronimo sehen", sagt Panetta.

Bin Laden leistet Widerstand, sagen US-Regierungsvertreter später - allerdings werden erste Aussagen berichtigt, wonach Bin Laden sich hinter einer Frau verborgen und gefeuert habe. Bin Laden ist, so sagt es später ein Sprecher des Weißen Hauses, nicht bewaffnet.

Er wird erschossen. Zwei Kugeln treffen ihn, eine davon in den Kopf, über dem linken Auge.

CIA-Chef Panetta: "Geronimo EKIA." (Enemy Killed in Action - Feind im Gefecht getötet.) Schweigen im Situation Room.

Dann sagt der Präsident: "We got him."("Wir haben ihn.")

Einer der Seals-Soldaten macht ein Foto vom toten Bin Laden. Das Bild wird später mit einer Bilderkennungssoftware überprüft. 95 Prozent Übereinstimmung. Zusätzlich gibt es noch einen DNA-Test. 99,9 Prozent Übereinstimmung.

Die Soldaten nehmen den Leichnam mit. Einer der vier Hubschraubern auf dem Gelände kann nicht mehr starten. Die US-Soldaten zerstören ihn. Gegen 1.10 Uhr Ortszeit starten die Helikopter. Mit an Bord geschleppt haben die Soldaten auch Dokumente, einen Computer und mehrere Festplatten, die im Haus gefunden wurden.

Die Experten hoffen auch, eine Antwort zu finden auf die Frage: Was wusste die pakistanische Regierung? Es sei "unvorstellbar", dass sich Bin Laden ohne Hilfe längere Zeit dort habe verstecken können, sagt Brennan. Die pakistanische Regierung müsse erklären, wie der Terrorführer so lange unbehelligt in einem Anwesen kaum zwei Autostunden von der Hauptstadt Islamabad entfernt leben konnte, sagte Brennan.

Nachdem die drei US-Hubschrauber in Afghanistan gelandet sind, wird der Tote als Osama Bin Laden identifiziert. Der Körper wird erneut verladen und auf die offene See geflogen. Irgendwo im Arabischen Meer liegt der US-Flugzeugträger Carl Vinson. Dorthin wird Bin Ladens Leiche gebracht. Der Leichnam wird gewaschen, dann in ein weißes Tuch gewickelt. Ein Offizier verliest religiöse Texte, die ein Dolmetscher ins Arabische übersetzt. Anschließend wird die Leiche im Meer versenkt.

Von der Seebestattung Osama Bin Ladens gibt es Videobilder, auch der Einsatz selbst wurde aufgenommen. Das Weiße Haus hat noch nicht entschieden, ob Fotos von der Leiche veröffentlicht werden sollen. Sprecher Jay Carney sagte am Dienstag, die Bilder seien zweifellos "grausig". Vor diesem Hintergrund werde geprüft, ob es überhaupt nötig sei, sie zu veröffentlichen, um alle Zweifel am Tod Bin Ladens auszuräumen. Ein Teil des Schädels des Al-Qaida-Chefs soll weggeschossen worden sein, wird berichtet. In anderen Medien heißt es, sein Kopf sei regelrecht "explodiert".