Berliner Spaziergang

Die rasende Lady

| Lesedauer: 14 Minuten

Richtig erwachsen wird sie in diesem Leben nicht mehr. Will sie auch gar nicht. Im Gegenteil, Heidi Hetzer, die Grande Dame des Berliner Rallyesports, freut sich diebisch, dass sie mit einer Überraschung aufwarten kann: zwei Segways, auch Selbstbalance-Elektroroller genannt, die auf zwei Rädern fahren und durch Bewegungen des Körpers gesteuert werden.

Die Segways gehören zu ihrem Autohaus in der Knobelsdorffstraße in Charlottenburg. Sie hat am Wochenende zuvor mit einem dieser Gefährte trainiert und ist dabei gestürzt, weil es ihr, wie sie selber sagt, "mal wieder nicht schnell genug gehen konnte". Das hindert sie aber nicht, es nun mit mir noch einmal zu versuchen. Sie wirkt sehr sicher, dreht sich beim Fahren sogar zu mir um - worauf ich jedes Mal entsetzt rufe, sie solle doch bitte nach vorn schauen und auf die Passanten und die Laternenpfähle achten. Sie lacht. Ein Passant sieht ihr nach und sagt erstaunt: "Ist das eine verrückte Nudel." Worauf sie prompt noch ein wenig schneller fährt. Eine sehr schlanke Frau, sportlich wirkend. Kaum zu glauben, dass sie im Juni 74 wird.

Heidi Hetzer hat sich als Route den Kaiserdamm und die Bismarckstraße ausgesucht. Hier eröffnete ihr Vater 1919 sein erstes Geschäft, er nannte es Victoria-Fahrzeughandel. Hier wohnte sie als Kind. Und in dieser Gegend - in einem Penthouse an der Leibnizstraße - lebt sie auch heute noch. Die Leute kennen und mögen sie. "Sie haben aber ganz schön umgesattelt, Frau Hetzer", ruft ihr ein junger Mann in Zimmermannstracht hinterher. Aus einem Gemüsegeschäft wird ihr zugewinkt. Passanten bleiben stehen und lächeln. Sie ist nicht nur die bekannte Autohändlerin aus Charlottenburg. Ihr Ruf geht weit darüber hinaus. Wenn Autoexperten gesucht werden, sitzt die temperamentvolle Heidi Hetzer in Talkshows, kommen Kamerateams in ihre Firma, wird sie in Zeitungen zitiert. Und sie fällt sofort auf, wenn sie im knalligen Leder-Outfit mit einem ihrer Oldtimer auf Veranstaltungen erscheint. Als eines der letzten Berliner Originale.

Für Heidi Hetzer war es schon seit der Kindheit klar, dass sie mal "irgendwas mit Autos" machen würde. Das lag natürlich auch am Beruf ihrer Vaters. Wenn die kleine Heidi gesucht wurde, war sie meist in der Werkstatt zu finden. Schmiere, Abgase, Motorenlärm, sagt sie, hätten ihr nichts ausgemacht. "Ich war damals ja sowieso eher wie ein Junge. Und im Gegensatz zu meiner Schwester habe ich brav zugehört, wenn Vati die Technik erklärte." Sie ließ sich dann auch nicht davon abbringen, nach der Realschule den Beruf eines Kfz-Handwerkers zu lernen. Sehr zum Unmut ihrer Mutter: "Die fand das fürchterlich", erinnert sich Heidi Hetzer. "Ich latschte wie ein Junge, hatte dreckige Fingernägel und berlinerte, was das Zeug hielt. Aber ich musste so sein, sonst wäre ich als Mädchen von den anderen Lehrlingen nicht akzeptiert worden."

Chefin der "Totenkopfbande"

Mit 16 machte sie ihren Führerschein und startete wenig später auch ihr erstes Rennen. Auf einem Motorroller NSU Lambretta, der damals zum Sortiment des Geschäfts ihres Vaters gehörte. Es ging "Rund um die Müggelberge". Und Heidi Hetzer bekam die erste Urkunde. Auch sonst drehte sich alles um Pferdestärken und Motoren. Das Mädchen, das auf Jugendfotos so ein sanftes Gesicht hat, war Anführerin der "Totenkopfbande". Was aber weitaus martialischer klingt, als es war: Es war eine Gang aus halbwüchsigen Moped- und Motorrollerpiloten, die durch den Kiez knatterten und - "so war es gewollt" - für Kopfschütteln bei den Anwohnern sorgten.

An der Bismarck-, Ecke Richard-Wagner-Straße zeigt mir Heidi Hetzer das Haus, in dem sie aufwuchs. Es ist ein helles Gebäude im klassizistischen Stil. Sie steuert mit dem Segway geschickt auf den Bürgersteig. Stellt ihn ab, läuft zur Haustür und erzählt von ihrem heimlichen Auszug, der am Ende missglückte, weil der Vater damals unerwartet nach Hause kam.

Als Heidi Hetzer 21 war, wollte sie geschäftlich selbstständig werden. "Ich wusste ja, was viele dachten: Na, die hat es fein, die setzt sich ins gemachte Nest", sagt sie. "Und wer hört das schon gern, dass er eigentlich nichts ist, sondern nur Vatis Tochter." Aber mit Autos sollte es schon was zu tun haben. So wuchs die Idee, eine eigene Autovermietung zu eröffnen. Sie mietete sich für wenig Geld eine heruntergekommene Ladenwohnung in Wedding, besorgte sich gebrauchte Möbel, beantragte eine Gewerbeerlaubnis. Das alles geschah hinter dem Rücken des Vaters. "Ich hätte doch nicht mit ihm reden können", sagt sie. "Er hätte nicht verstanden, dass ich eben nicht nur seine Tochter sein wollte. Und er hätte versucht, mich zu überzeugen, dass es Quatsch ist."

Weil sie diese Konfrontation vermeiden wollte, packte sie damals klammheimlich ihre Sachen, trug sie die Treppe hinunter - und lief ihrem Vater direkt in die Arme. Er kam zufällig aus dem Sommerhaus der Hetzers in Hohengatow, um nach der Post zu sehen. Sie erinnert sich noch gut an sein verblüfftes Gesicht, als sie ihm ausgewichen war und nur kurz gerufen hatte: ,Ich muss das jetzt machen.'" Sie lächelt. "Ich bin mit meinem dicken Kopf durch die Wand. Das hat man in sich. Ich glaube, sonst wird man nicht Unternehmer."

Heidi Hetzer begann mit zwei VW Käfer. Die Autos wurden auch gern geliehen. Aber die Einnahmen reichten nicht zum Leben. Den Vater um Hilfe bitten wollte sie auf keinen Fall. Stattdessen versuchte sie es mit Nebenjobs: als Aufseherin in der Zigarettenfabrik Reemtsma und als Aushilfskraft in einer Bar. Mit dem Geld konnte sie wieder eine Weile Miete, Essen, Ersatzteile und Inserate für ihre Verleihfirma in der "Bild"-Zeitung bezahlen. Den Anzeigenverkäufer kannte sie. Er betreute auch die Firma des Vaters. Später erfuhr sie, dass der Mann mehrfach mit dem Vater geredet hatte: "Sie müssen was tun, Herr Hetzer, Ihre Tochter verhungert!" Und der Vater kam dann auch, brachte, quasi als Friedensangebot, einen kleinen Ofen für ihre ständig kalte Wohnung mit. Und sie fanden einen Kompromiss.

Er kannte seine Tochter. "Amerika ist das Autoland, da musst du hin, da musst du lernen!", hatte er gesagt. Sie ließ sich überzeugen. Fuhr mit einem VW Käfer von Washington D.C. auf der legendären Route 66 quer durchs Land, arbeitete erst bei einem Ford-Händler in Fairfield (Kalifornien), später bei einem Chevrolet-Händler in Norfolk (Virginia). Sie ist ihrem Vater bis heute dankbar dafür. "Ich habe in dieser Zeit unheimlich viel gelernt. Man ist ganz weit weg, man ist ganz allein. Da ist man darauf angewiesen zu begreifen: Wie ticken die anderen Menschen? Und wem kann ich vertrauen."

Als sie zurückkam, ging sie in das Geschäft des Vaters. Und sie begegnete dem Mann ihres Lebens. Einem Amerikaner aus Boston, der damals am Kurfürstendamm Berlins größte Bowlinganlage betrieb. 1966 heirateten sie, bekamen zwei Kinder, Ende der 80er-Jahre folgte die Trennung. Sie hatten sich auseinandergelebt. "Er hatte zu wenig Zeit für mich und die Kinder, hatte immer nur seinen Golfsport im Kopf." Seitdem hat sie sich nie wieder gebunden. "Es ist schwer für eine selbstständige Frau, einen adäquaten Partner zu finden", versucht sie das zu erklären. Es gibt noch einen anderen Grund: "Er war ein toller Mann. Ich habe mich nach ihm nie wieder richtig verliebt."

In der Bismarckstraße stoppen wir unsere Segways am Fahrradhaus Klein. Ein Traditionsgeschäft. Heidi Hetzer kannte es schon als Kind. Sie betritt den Laden, will mit dem Inhaber reden. Der heißt zu ihrer Enttäuschung nicht mehr Klein. Die Witwe Klein, erfahren wir, hat das Geschäft mangels eines Nachfolgers verkauft. "Da hatte ich mehr Glück", sagt Heidi Hetzer in ihrer unverwechselbaren offenen Art. "Mein Sohn ist vor zwei Jahren zu mir gekommen und hat mir geholfen. Das war die letzte Chance. Ich hätte sonst Mitarbeiter entlassen müssen."

Es war für sie eine ungewohnte Situation. "In meinem Leben ist es, abgesehen von meiner Scheidung, vorher ja immer bergauf gegangen", sagt sie. "Ich war glücklich, konnte meine Rallyes fahren und das Hobby mit der Firma verbinden." Aber dann sei dieses Jahr 2008 gekommen, die Krise, die sich auch nachdrücklich auf den Autohandel auswirkte. Heidi Hetzer benötigte dringend Geld, um das Geschäft aufrechterhalten und die Gehälter für ihre mehr als 90 Mitarbeiter zahlen zu können. "Aber die Banken stellten auf stur. Auch meine Hausbank, der ich vorher jahrzehntelang die Treue gehalten hatte." Da sei plötzlich ihr Alter erwähnt worden, ihre Kreditwürdigkeit. "Das vergesse ich nie", sagt sie und ist noch immer sehr bewegt. "Ich habe mich demoralisiert und erniedrigt gefühlt. Vorher habe ich immer gedacht, Geld ist nicht wichtig - weil ich es hatte. Jetzt wurde mir klar: Wenn man alt ist und Geld braucht, ist man plötzlich ein Nichts."

Der Sohn rettet die Firma

Im Nachhinein, das ist typisch für die positive Weltsicht der Heidi Hetzer, sieht sie aber vor allem das Gute: "Gerade in der Krise hat die Familie zusammengestanden." Ihre Kinder merkten, dass es ihr nicht gut ging. Es gab sehr oft Telefonate mit der Tochter Marla, die in Eckernförde lebt, verheiratet ist und zwei Kinder hat. Und ihr Sohn Dylan entschied sich schließlich sogar, zu ihr in die Firma zu kommen. Obwohl der 39-jährige Ingenieur für Umwelttechnik eigentlich ganz andere Ziele hatte. "Aber sie wissen ja beide: Die Firma ist mein Leben, das ist meine Heimat, mein Haus, mein ein und alles."

Dylan Mackay, er trägt den Nachnamen des Vaters, wollte zunächst auch nur vorübergehend helfen. Er hatte nach einem Dreivierteljahr dann aber doch entschieden, dass er bleibt. "Jetzt sind wir beide die Geschäftsführer", sagt Heidi Hetzer. "Aber intern habe ich ihm gesagt: Du bis der Chef, du hast das Sagen!" Ich könne das ruhig glauben, beantwortet sie meinen skeptischen Blick. "Das funktioniert, weil wir uns gut verstehen, und weil wir beide in der Lage sind, uns zu entschuldigen und zu erklären."

In der Buchhaltung werden inzwischen wieder schwarze Zahlen geschrieben. Auch der Kurs ist klar. Er wird gesteuert vom auf erneuerbare Energien spezialisierten Dylan Mackay und geht in Richtung Elektromobilität. "Aber das Wichtigste war für mich, dass Ende 2010 unseren Mitarbeitern wieder Weihnachtsgeld gezahlt werden konnte", sagt Heidi Hetzer. "Das war unser Ziel, und das haben wir erreicht."

Heidi Hetzer hat jetzt auch wieder mehr Zeit für ihre Hobbys. Ende Mai will sie sich an der Oldtimer-Rallye Hamburg-Berlin beteiligen. Auch die 1. ADAC-Rallye Avus Classic, vom 7. bis zum 10. Juli, ist schon in ihrem Kalender vermerkt. Doch ihre Pläne reichen noch weitaus weiter. 2015 will sie auf Weltreise gehen - oder besser: fahren. "Über Russland, die Mongolei, China weiter nach Hawaii, rüber nach Amerika, Feuerland, übers Wasser und zurück nach Europa", beschreibt sei die Strecke. Das sei genau die legendäre Fahrt, die Ende der 20er-Jahre die Industriellentochter Clärenore Stinnes unternommen habe - die erste Weltumrundung mit einem Auto. Heidi Hetzer will mit ihrem 90 Jahre alten Hispano Suiza fahren. Und sie möchte, wie Clärenore Stinnes, einen Beifahrer dabeihaben, der die zweijährige Reise dokumentiert und auch mal eine Reparatur durchführen kann. Den hat sie bislang aber noch nicht gefunden.

Das klingt alles ein wenig utopisch. Immerhin wäre sie beim Start ihrer großen Fahrt schon fast 78 Jahre alt. Aber es ist ihr zuzutrauen. Wer Heidi Hetzer auf ihrem Segway sieht, wie sie ihn unbeirrt durch den Verkehr steuert und dabei auch noch Gespräche sucht, der traut ihr alles zu.

Am Kaiserdamm, Ecke Danckelmannstraße treffen wir eine ältere Dame, die mit ihrem Rollator auf dem Gehsteig steht und interessiert unsere auffälligen Gefährte mustert. Heidi Hetzer ist sofort bereit, ihr die Funktionsweise des Segways zu erklären, dreht auch mal schnell einen Kreis. "Das ist toll", sagt die alte Dame, "wirklich toll. Und fügt bedauernd hinzu: "Man müsste noch mal jung sein."