Seligsprechung von Johannes Paul II.

Ein Land feiert seinen Heiligen

Dieser Papst wird ewig leben. "Es gibt in Polen 38 Millionen Johannes Pauls", sagt in diesen Tagen eine Katholikin in Wadowice, dem südpolnischen Heimatort des Mannes, der am Sonntag seliggesprochen wird. "Jeder trägt einen Johannes Paul in seinem Herzen, nach eigenem Maß geschneidert."

Die meisten der 38 Millionen Einwohner Polens, darunter knapp 34 Millionen Katholiken, freuen sich, jeder auf seine Weise, auf das Ereignis im fernen Rom - die Seligsprechung. Eine Million Pilger, darunter 80 000 aus Polen, werden in der Ewigen Stadt erwartet, auch Staatspräsident Bronislaw Komorowski und seine Vorgänger Kwasniewski und Walesa. Hunderttausende werden gleichzeitig auf Plätzen und Straßen in polnischen Städten mitfeiern, mitbeten, mitsingen. Auch vor großen Leinwänden: Public Viewing ist in Polen bisher fast unbekannt, jetzt kommt es zum Einsatz.

Mit der Seligsprechung wird ein Mann geehrt, der, wie der Warschauer Philosoph Zbigniew Mikolejko jetzt sagte, nach Auffassung der Polen "die Königsgabe unserer Freiheit in Händen hält": Seine Reisen in den kommunistischen Machtbereich seien wie das Ringen zweier Welten um die Seele Polens gewesen. Kurz nach der Papstwahl entstand 1980 die Gewerkschaft Solidarnosc, die größte Oppositionsbewegung in der Geschichte des Ostblocks. Ihre Massenveranstaltungen erschienen wie eine symbolische Antwort auf Stalins höhnische Frage, über "wie viele Divisionen" der Papst verfüge.

In sozialen Fragen war er links

Vielen erscheint Johannes Paul II. als konservativer Revolutionär. Konservativ in Fragen der Sexualethik, wobei ihn seine Freundin aus Krakauer Zeiten, die Ärztin Wanda Poltawska, im KZ Ravensbrück selbst Opfer medizinischer Experimente, als Beraterin maßgeblich beeinflusst haben soll. Der jahrzehntelange Briefwechsel beider war Beweismaterial im Seligsprechungsprozess, große Teile wurden kürzlich in Polen veröffentlicht. Revolutionär dagegen war, wie Johannes Paul II. das Verhältnis zum Judentum und anderen Religionen zum Besseren veränderte, wie er sich in sozialen Fragen als "links" präsentierte, und wie er in mehr als hundert Pilgerfahrten rund um den Erdball zum ersten Papst des Medienzeitalters und überall erfahrbaren Oberhaupt einer Weltkirche wurde.

Für viele Polen war er außerdem der Mann, der dieser Nation am Ende des leidvollen 20. Jahrhunderts zum aufrechten Gang zurückverhalf und, intellektuell und doch charismatisch und volksnah, ein neues Gefühl der Gemeinschaft stiftete. "Vielen war das kritische und distanzierte Gerede über diesen Papst im Westen herzlich egal", so beschreibt es Mikolejko. Am Ende dann: der gebrechliche Papst, der nicht mehr gehen und kaum noch sprechen konnte und geradezu öffentlich vorlebte, wie es ist, in Würde zu sterben.

Seit Tagen erlebt Polen eine Welle der Johannes-Paul-Reminiszenzen. Die Bekannten des verstorbenen Papstes melden sich zu Wort. Zu den Älteren gehört die 1921 geborene Schauspielerin Halina Kwiatkowska. Halina war Klassenkameradin des ein Jahr älteren Karol Wojtyla, und wie er begeisterte Mitwirkende des Schultheaters in Wadowice. "Schrecklich" sei das gewesen, erzählt sie jetzt, als Karol 1978 zum Papst gewählt wurde: "Die Medien, hauptsächlich die deutschen, zum Beispiel der 'Spiegel', hefteten sich an unsere Fersen und schrieben unwürdiges Zeug." Sie habe nachts nicht mehr schlafen können und habe Angst gehabt, dem Papst während seiner ersten Polenreise 1979 gegenüberzutreten.

Die Berichte, die sie meint, wollten dem jungen Wojtyla und ihr eine Beziehung andichten. "Aber in Wadowice sagte man nie, der Wojtyla gehe mit einem Mädchen. Das Thema gab es einfach nicht." Ja, er habe sehr gut ausgesehen, sei sportlich gewesen, ein guter Skifahrer, Torwart im Handball. "Dann, 1942, hat Karol uns mitgeteilt, er wolle konspirativ Theologie studieren." (Unter deutscher Besatzung waren alle Hochschulen geschlossen.) Man habe ihn nicht mehr davon abbringen können. Aber solange der Krieg dauerte, habe er auf der Bühne gestanden, zuletzt im "Rhapsodischen Theater", das in Krakau in Privatwohnungen auftrat: Halina war Antigone, Karol deren Verlobter Haimon.

Wojtyla pflegte diese Freundschaft, wie viele andere, ein Leben lang. Mehrfach haben alte Freunde, darunter auch Wojtylas jüdischer Klassenkamerad Jerzy Kluger, den Papst im Vatikan besucht. Am Ende verfasste die Schauspielerin Kwiatkowska ein Buch über ihre Erlebnisse mit Wojtyla, und in Giacomo Battiatos biografischem Film "Karol. Ein Mann, der Papst wurde" (2005) ist sie - als alte Frau - in einer Nebenrolle zu sehen.

Jeden Tag ein Gebet für ein Land

Auch Pfarrer Pawel Ptasznik, Jahrgang 1962, berichtet jetzt über seine Zeit mit dem Papst. Der promovierte Theologe saß jahrelang am Laptop, wenn Johannes Paul II. ihm Briefe, Enzykliken, Grußbotschaften diktierte oder ihn bat, selbst einen Text zu entwerfen. "Das war eine sehr kreative Zeit, die schönste Zeit meines Lebens", sagt Ptasznik, der heute die polnische Sektion im Vatikanischen Staatssekretariat leitet und die Werke des verstorbenen Papstes herausgibt. Johannes Paul II. habe ihm oft von seiner "Geografie des Gebets" erzählt: "Er hatte einen Atlas, in dem er täglich blätterte. Dann wählte er immer ein Land auf der Karte und betete für dieses Land."

Ptasznik hat den Laptop, an dem er damals arbeitete, nach dem Tod Johannes Pauls II. zugeklappt und seitdem nicht wieder geöffnet. Der Pfarrer weiß über die Gegenstände aus dem bescheidenen Besitz dieses Papstes Bescheid: Die meisten, etwa sein Gehstock, seine Bibel, die Uhr, der Rosenkranz, die Fotos vom Schreibtisch, all das sei jetzt in Krakau. "Kardinal Dziwisz (über Jahrzehnte Privatsekretär des Papstes, Anmerkung der Redaktion) hat dort in seiner Wohnung so ein Zimmerchen, wo er das alles aufbewahrt", berichtete der Pfarrer in der neusten Ausgabe von "Newsweek Polska". Auch mehrere Chrysler Voyager aus der Wagenkolonne des sehr mobilen Papstes seien jetzt in Krakau im Einsatz.

Aber die meisten dieser Dinge sollten nicht zu Kultgegenständen werden, warnt Ptasznik. Anders sei es mit der Kleidung und den Soutanen, den sogenannten Reliquien zweiter Klasse. Bereits in den letzten Jahren habe der Vatikan auf Bitten von Gläubigen in schwierigen Lebenslagen Stücke dieser Textilien verschickt. "Ich habe Zeugnisse dafür, dass sie wirken", sagt Ptasznik. Auch jetzt erhalte der Vatikan Briefe, "adressiert an Benedikt XVI., aber innen drin stellt sich dann heraus, dass sie an Johannes Paul II. gerichtet sind. Manche bitten darum, den Brief an das Grab des Papstes zu bringen oder dort für ein bestimmtes Anliegen zu beten. Und wir tun das. Wir erfüllen ihre Bitte."

Reliquien erster und zweiter Klasse

Als Reliquien erster Klasse gelten dagegen Körperteile des Verstorbenen. In Rom soll eine der Ampullen mit Blut als Reliquie ausgestellt werden, das dem schwer kranken Papst abgenommen worden war. Eine weitere Ampulle soll in Krakau in einer Kirche ausgestellt werden, die bald Johannes Paul als Schutzpatron im Namen führen wird. Mehrere Gemeinden in Polen haben sich bereits um diesen Patron "beworben". Und die Zahl der Denkmäler Johannes Pauls ist in seiner Heimat ins Uferlose gewachsen: 800 sollen es inzwischen sein, oft aus Bronze, realistisch und mehr oder weniger in Lebensgröße dargestellt. Allein die Statue kostet, wenn es Bronze ist, umgerechnet bis zu 50 000 Euro, berichtet der Krakauer Czeslaw Dzwigaj, einer der inzwischen auf Papst-Denkmäler spezialisierten Künstler.

"Santo subito", wie nach seinem Tod viele Gläubige gerufen hatten, "sofort heilig" wird Johannes Paul an diesem Wochenende nicht. Doch Selige und Heilige gelten gleichermaßen als Vorbilder im Leben der Christen. 6650 Selige und Heilige verzeichnete die katholische Kirche (Stand 2004); im Falle der Seligsprechung der Mutter Teresa von Kalkutta (1986) wurde das Verfahren etwas verkürzt, wie jetzt auch für Johannes Paul.

Pfarrer Ptasznik wird froh sein, wenn der 1. Mai vorüber ist. Aber nach dem Fest ist vor dem Fest: "Gleich nach der Seligsprechung wird die zweite Etappe beginnen, die Vorbereitung auf die Heiligsprechung. Dafür bedarf es keines Prozesses mehr. Es genügt ein starkes Wunder. Es muss nach der Seligsprechung geschehen. Wenn es sich einstellt, dauert es etwa ein Jahr, um die Heiligsprechung vorzubereiten."

Er wählte immer ein Land auf der Karte und betete für dieses Land

Pawel Ptasznik, Pfarrer und Vertrauter Johannes Pauls

Vielen war das kritische Gerede über diesen Papst im Westen herzlich egal

Zbigniew Mikolejko, Philosoph aus Warschau