Die Trauung

Das Paar, der Schwur, der Kuss

Es gibt keinen erstaunlicheren Anblick als Briten in ihrer Verkleidung als "royalty watchers", als monarchiebegeisterte Zuschauer eines königlichen Ereignisses.

Sie zelten seit Tagen und Nächten nahe der Westminsterabtei oder entlang der Mall auf dem Weg zum Buckingham-Palast, um einen Blick zu erhaschen von dem Märchenpaar, das da vorbeiziehen wird in einer Glaskutsche oder einem offenen Landauer, je nach Wetter. Viele Ausländer haben sich den Einheimischen angeschlossen, aus aller Welt strömt Schaulust nach London. Es ist eben etwas an Hochzeiten, das spricht zum Gemüt noch stärker als selbst Krönungen. Hochzeiten vereinen Jugend, Romanze und das Vertrauen in die Zukunft. Mag auch vieles davon sich danach als trügerisch erweisen - es geht immer wieder um einen neuen Anlauf, ein Frühlingserwachen der Hoffnung.

Erst recht bei einer königlichen Familie. Sie weckt immer wieder das Bedürfnis der Briten nach Zusammenkommen auch der Nation als einer großen Familie: Darin liegt der eigentliche Grund für den ungebrochenen Enthusiasmus für solche Daten wie den 29. April. Der Tag spiegelt ja mehr als nur die Krönung einer Jugendliebe, die an der schottischen Universität St. Andrews vor neun Jahren begann. Über diese persönliche Geschichte hinaus bündelt er Ritual, Brauchtum, Tradition und Erbe einer uralten Institution, um die sich die Geschichte der Insel gruppiert wie um eine ununterbrochene Familiensaga. Das populäre Verständnis von Landesgeschichte orientiert sich in England vorrangig an der Abfolge der Kings and Queens, von den Normannen über die Tudors, die Hannoveraner und Windsors bis zur heutigen Queen.

Mit ihr, mit Elizabeth II., und dem Auf und Ab ihrer Familiengeschichte ist die britische Gesellschaft von heute groß geworden; im Dezember 2010 wurde die Queen sogar zum ersten Mal Urgroßmutter, durch Peter Phillips, den Sohn ihrer Tochter Anne, und dessen kanadische Frau Autumn Kelly. Savanah heißt die Urenkelin, und es dürfte vermutlich nicht sehr lange dauern, da werden die Menschen die Namen der Nachkommen von William und Kate kennen und buchstabieren lernen.

So setzt es sich fort in unendlicher Reihe. Dass die Briten an dem Prinzip der Erbfolge an der Spitze ihres demokratischen Staates hängen, ist nur zu erklären aus diesem in der Geschichte verwurzelten Nationalverständnis. England ist eben nicht nur cool im Sinne des unter Tony Blair geprägten Begriffs "Cool Britannia". Es ist jung und alt zugleich, cool und antik, modern und anhänglich unmodern in Bezug auf das entscheidende Symbol seiner Dauer - die Monarchie.

Straßenfeste lassen sich dabei umso enthusiastischer feiern, je stärker das Grau des Alltags die nationale Befindlichkeit zu überwältigen droht. In der Tat hat England zurzeit wenig zu lachen. Als Folge der Finanzkrise und der nötigen Kürzungen öffentlicher Haushalte steigt die Arbeitslosigkeit und sinkt der Lebensstandard; alles duckt sich vor der erwarteten Welle der Einschnitte.

Aber eine Eigenschaft kommt den Briten in all dieser Trübsal nie abhanden: ihre Freude an einer Feier der nationalen Familie, ihr lachender Trotz gegenüber der Unbill der Zeit. Was wäre besser als ein königlicher Anlass, um der Gegenwart für einen Moment gleichsam die Zunge zu zeigen und zu demonstrieren, was diesem Land in den Gezeiten der Geschichte seine Stabilität geschenkt hat? Die Intelligentsia will dies nicht wahrhaben, weil sie im Königtum den Inbegriff eines antiquierten, anti-egalitären Prinzips sieht. Aber die Mehrheit der Bevölkerung denkt anders. Die unten verstehen sich mit denen ganz oben erstaunlich gut. "Es sind die Reisenden im dritten Eisenbahnabteil, die uns retten werden", schrieb schon 1897, im Jahr des diamantenen Thronjubiläums von Königin Victoria, der Lobsinger englischer Größe, Rudyard Kipling. Dass der Herrscher der Verbündete des einfachen Mannes sei, gilt als lang etablierter Grundsatz. Dem kommt Prinz William mit der Wahl einer Bürgerlichen als Frau weiter entgegen.

In der offiziellen Broschüre zur Hochzeit von Prinzessin Elizabeth, 1947, hieß es von der britischen Monarchie, sie sei "eine Art populärer Poesie in prosaischen Zeiten". Ein treffliches Wort, auch für den heutigen 29. April.