Gewalt

"Ein teuflischer Cocktail aus Testosteron und Alkohol"

Wie lässt sich die Video-Überwachung in Bahnhöfen oder Einkaufzentren verbessern? Und lassen sich Gewalttaten mithilfe einer ausgefeilten Technik am Ende sogar verhindern? Das sind Fragen, die das EU-Forschungsprojekt Vanaheim klären soll.

"Wir wollen herausfinden, wie die Fülle der visuellen Informationen genutzt werden kann", sagte Professor Karl Grammer, Verhaltensforscher an der Universität Wien.

Bislang können Videoaufzeichnungen lediglich im Rückblick verwendet werden - etwa um gewalttätige Übergriffe aufzuklären wie jetzt in Berlin - oder zuvor auch bei Fällen in München und Hamburg. Die Kameras haben eine abschreckende Wirkung. Gerade auch in U-Bahnhöfen haben sie in den vergangenen Jahren dazu beigetragen den Vandalismus einzudämmen und dadurch enorme Kosten zu sparen, sagt Grammer. Das Vanaheim-Projekt soll nun ein intelligentes Überwachungssystem entwickeln, das automatisch reagiert, wenn auf einem Bahnsteig etwas Ungewöhnliches passiert.

Grammers Aufgabe als Verhaltensforscher ist es nun zunächst herauszufinden, was bei einem Menschen "soziale Aufmerksamkeit" erzeugt: Was ist ungewöhnlich? Was passt nicht ins vertraute Bild? Eine Person, die stürzt oder orientierungslos wirkt? Grammer wird in den kommenden Wochen Versuchspersonen die Videoaufnahmen aus zwei U-Bahn-Stationen in Paris und Turin vorführen. Die Probanden müssen einen Knopf drücken, wenn ihnen etwas auffällt. Grammer und seine Mitarbeiter werden genau beobachten, wohin ihr Blick dabei auf dem Bildschirm wandert.

Noch nie ist in einem solchen Umfang Videomaterial gesichtet und ausgewertet worden, wie Grammer sagt. Das Projekt unterliegt strengen Datenschutzauflagen und wurde zuvor von einer Ethikkommission geprüft und genehmigt. Nur die Probanden dürfen die Videoaufzeichnungen anschauen. Die Ergebnisse dieser Versuchsreihe sollen die Basis liefern, um das Überwachungssystem zu programmieren. Der zurückgelassene Koffer auf dem Bahnsteig ist dabei noch das am leichtesten zu lösende Problem.

5,45 Millionen Euro kostet das auf vier Jahre angesetzte Projekt, 3,7 Millionen Euro hat allein die EU im Rahmen ihres siebten Forschungsprogramms zur Verfügung gestellt. Im ersten Jahr wurden die methodischen Vorbereitungen getroffen, in den kommenden Wochen treffen sich die Teilnehmer zu einem ersten Erfahrungsaustausch. Danach beginnt die eigentliche Versuchsphase. Am Ende des Projekts im Jahr 2013, davon ist Grammer überzeugt, wird ein einsatzfähiges System bereitstehen. Unter Federführung Belgiens beteiligen sich Österreich, Frankreich, Italien und die Schweiz an dem Projekt - Länder, in denen die Skepsis gegenüber einer Videoüberwachung nicht so groß ist wie in Deutschland.

"Die heutigen Möglichkeiten der Kameraüberwachung werden überschätzt", sagt Grammer. So sei es bislang nahezu unmöglich, eine einzelne Person mit mehreren Kameras auf dem Bahnsteig zu verfolgen. Das gelte erst recht für eine ganze Gruppe. Grammer sieht den praktischen Nutzen eines effizienteren Überwachungssystems vor allem in einem besseren Service gerade auch für ältere Menschen. Hat jemand Probleme mit der Rolltreppe oder kommt mit dem Fahrkartenautomaten nicht zurecht, schlägt das System Alarm und schickt einen Mitarbeiter zu Hilfe. Gewalttaten wie jetzt in Berlin wird auch ein solches intelligentes Überwachungssystem zunächst wohl nicht verhindern können. Brutale Überfälle auf Bahnhöfen sind traurige Einzelereignisse - und es bräuchte viele solcher Ereignisse, um Regelmäßigkeiten erkennen und das System entsprechend programmieren zu können, sagt Grammer.

Es gibt keine friedvollen Kulturen

Die Gewaltbereitschaft ist generell bei jungen Männern am größten. Das liege am männlichen Geschlechtshormon Testosteron, erklärt Grammer. Status und Prestige spielen dabei eine wichtige Rolle. Gerade auch in Verbindung mit Alkohol kann so ein "teuflischer Cocktail" entstehen, der junge Männer enthemmt und zuschlagen lässt. Sie prügeln sich in Wirtshäusern und Bierzelten oder rasen nach der Disco waghalsig über die Landstraße. "Es gibt keine völlig friedvollen Kulturen", stellt Grammer fest. Aber es gibt mehr oder weniger wirksame soziale Kontrollmechanismen. Auf jeden Fall sind es nicht allein Perspektivlosigkeit und das Gefühl, nichts zu verlieren zu haben, die junge Männer zu Gewalttätern macht: Angesichts der hohen Zahl von jungen Männern, die keine Aussicht auf einen Arbeitsplatz haben und nur herumhängen, müsste es eigentlich viel mehr Gewalt geben. In den USA würden gewalttätige Jugendliche mit dem Medikament Ritalin ruhiggestellt, sagt Grammer. Das aber sei keine Lösung. Er sieht Pädagogen, aber auch die Familien in der Pflicht, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, dass junge Männer gewalttätig werden. Allerdings gebe es noch "erschreckend wenig Forschung" und keine Erklärung dafür, warum der eine zuschlägt und der andere nicht. Andererseits, sagt Grammer, haben sich Staaten zu allen Zeiten die Risikobereitschaft und das Draufgängertum junger Männer immer wieder auch zunutze gemacht - und sie als Soldaten in Kriege geschickt.