Berliner Spaziergang

Ich habe keine Angst, vor nichts

Keine Kathrin Schmidt, nirgends. Aus der U-Bahn steigen nur zwei Jungen mit Basecap und weißen Turnschuhen, rennen die Treppen hoch, verschwinden im Hellersdorfer Hochhausdschungel. Aus der nächsten U-Bahn steigen drei ältere Damen, keine Kathrin Schmidt dabei. Eine blonde Frau mit Aldi-Tüte schaut mich an, und ihr Blick sagt: Was willst du Tourist aus Prenzlauer Berg hier bei uns?

Seit zehn Minuten warte ich auf der Brücke über dem U-Bahnhof Louis-Lewin-Straße auf Kathrin Schmidt, die Berliner Buchautorin, die im Jahr 2009 den Deutschen Buchpreis für ihren vierten Roman "Du stirbst nicht" bekommen hat. Direkt danach ist sie für ein Jahr nach Rom verschwunden, mit Stipendium der Villa Massimo. Vor zwei Monaten kam sie zurück nach Berlin, und gerade erschien ihr neuer Kurzgeschichtenband. "Finito. Schwamm drüber" erzählt auf ungewöhnliche Art von gewöhnlichen Menschen. Die meisten Erzählungen könnten auch in Hellersdorf passiert sein.

Den Treffpunkt hat sie ausgesucht, weil sie mit Unterbrechung seit 1985 in Marzahn-Hellersdorf gewohnt hat, mit ihrem Mann und den fünf Kindern. Gemocht hat sie den Ort aber nie. In ihrer "Dresdner Rede", die sie vor einem Jahr gehalten hat, macht sie ihrer Wut darüber Luft, dass Hellersdorf nicht nur am Rand von Berlin liegt, sondern auch am Rand der Gesellschaft. Von 434 Berliner Planungsräumen hat eine Berliner Kommission für soziale Stadtentwicklung Hellersdorf Mitte auf den 434. Platz gesetzt. Er ist ein Muster dafür, was alles schief laufen kann in einem Bezirk: soziale Entmischung, Verarmung, niedriges Bildungsniveau, steigende Kriminalität. Kurz: Wer kann, zieht weg. In einer E-Mail schrieb sie, in dieser Rede habe sie richtig "abgekotzt".

Inzwischen sind mehr als 20 Minuten um, und ich mache mir Sorgen, ob Kathrin Schmidt etwas passiert ist. Ich versuche, bei der Telefonauskunft ihre Nummer herauszufinden. Eine Frauenstimme fragt: "Welche denn?" Allein in Berlin gebe es sechs Kathrin Schmidts, in ganz Deutschland sind es über 200: Kathrin mit "th", Schmidt mit "dt". Vielleicht ist das der Grund, dass sie nicht so bekannt ist wie die Buchpreis-Träger Uwe Tellkamp oder Julia Franck. Zu alltäglich, der Name. Sicherlich kein Zufall, dass die Personen in ihrem Buch "Finito" so klingende Namen haben wie Brigitte Bambosa, Mechthild Barfüßer oder Senta Haberberger.

In der 42. Minute verlasse ich Hellersdorf und schreibe Kathrin Schmidt noch einmal eine E-Mail. Sie antwortet nur eine halbe Stunde später, und sofort ist sie mir wieder wahnsinnig sympathisch: "Ach du mein Gott, das hat man davon, wenn man nicht morgens noch mal in den Kalender schaut ... Das ist mir noch NIENIENIE passiert, aber das nützt Ihnen nun auch nichts mehr." Ihr Mann sei gerade weggefahren, und am Abend vorher hatte sie eine Lesung am Kurfürstendamm. Dann schreibt sie, dass sie sich schäme - sie schreibt das fünfmal - und dass sie es verstehen könne, wenn ich jetzt von ihr die "Faxen dicke hätte".

Beim Schreiben die Platte im Blick

Das ist so ein Ausdruck, den ich zum letzten Mal von meinen Eltern gehört habe, als ich mein Zimmer nicht aufgeräumt hatte. Außerdem schwingt dabei etwas mit, so, als hätte sie mir auch gleich das Du angeboten. Schon beim Lesen von "Finito" waren mir diese heimeligen Faxen-dicke-Formulierungen aufgefallen. Da wird "verduselt", "gejiepert" und "gehippelt", und die Menschen in den Geschichten essen Kalten Hund und Hackepeterbrötchen, alles Dinge, die man kennt, wenn man im Osten Deutschlands gelebt hat.

Zwei Wochen später stehen wir uns dann wirklich gegenüber, wieder an der Louis-Lewin-Straße, wieder an einem furchtbar feuchten Tag, an dem es jede Sekunde regnen kann. Keiner erwähnt den verpassten Termin. Sie trägt eine Umhängetasche aus Leder und einen Stoffbeutel mit grellbuntem Blumenmuster. Da sei Post drin, sagt sie, Rechnungen und ein kleines Paket. Die will sie auf dem Weg noch abgeben. Ihr Gesicht erinnert mich für einen Moment an Angela Merkel, bevor sie ihre neue Frisur bekam. Kathrin Schmidt ist vier Jahre jünger als die Kanzlerin und ihre Mundwinkel zeigen deutlich mehr nach oben.

Wir laufen sofort los, und sie zeigt mir ihre alte Wohnung, in der Schönburger Straße 8, Erdgeschoss, rechts unten. Sie sagt "Fünf-Raum-Wohnung" wie das im Osten üblich war. Dann zeigt sie auf den Boden, hier sei damals im Jahr 1989 nur Schlamm und Matsch gewesen. Außerdem erinnert sie sich an die seltsamen Tage nach ihrem Einzug. Da war diese Nachbarin, eine ältere Frau, die habe immer auf dem Bürgersteig gestanden. Einfach so. Tag und Nacht. Nach zwei Wochen holte sie ein Krankenwagen ab. Kathrin Schmidt hat nie wieder von ihr gehört.

Zwei Drittel der Ost-Berliner lebten zu der Zeit im Plattenbau, und eigentlich hätte Kathrin Schmidt froh sein müssen über diese Wohnung. Groß, mit Fernheizung, warmem Wasser und Nachbarn, die als Übersetzer, Philosophen und Schauspieler arbeiteten. Es waren trotzdem keine schönen fünf Jahre, sagt sie. Sie konnte noch drei Stockwerke höher ein Ehepaar beim Streiten hören. Es flogen Teller. Und auch sonst fühlte sie sich hier nie wohl. Kurz nach dem Einzug fiel die Mauer, und jeder, der genug Geld hatte, zog weg. Nach Prenzlauer Berg oder in ein Haus im Speckgürtel. Sie selbst wohnt jetzt in Mahlsdorf, geht aber noch manchmal in Helle Mitte einkaufen. Ein richtiges Zuhause war Hellersdorf nie. Aber das sei Mahlsdorf eigentlich auch nicht. "Da steht nur unser Haus." Doch als wir die Quedlinburger Straße entlanglaufen, bemerkt sie, wie sehr sich der Bezirk doch verändert hat in den letzten 20 Jahren. Sie zeigt auf ein leeres Feld und sagt: "Da war eine Schule und da gegenüber noch eine." Weiter hinten gab es einen Kindergarten, dort brachte sie ihren Sohn hin. Und dann wieder nach Hause: schreiben. Mit Blick auf den Plattenbau gegenüber.

Deswegen lesen sich einige ihrer Geschichten so, als würde sie durch die Betonfassade direkt in die brodelnden Kochtöpfe und zerwühlten Betten fremder Menschen blicken können. Es geht viel um Essen und Sex. Das Körperliche sei wichtig, sagt sie. Sie habe sich schon zurückgehalten müssen, um nicht noch mehr davon zu schreiben. "Der Körper ist bei mir immer Resonanzboden." Das sei letztlich auch eine praktische Erfahrung aus ihrer Arbeit als Kinder- und Jugend-Psychologin. Sie erinnert sich, dass die meisten jungen Patienten mit der Diagnose "Enkopresis" - also dem unfreiwilligen Einkoten - ausgerechnet aus Marzahn kamen. Es waren sogar nur ganz bestimmte Wohnblöcke, die betroffen waren, nämlich die, in denen Stasi- und Zollmitarbeiter wohnten. "Diese Kinder waren alle neurotisch." Ihre Körper waren die Resonanzböden der Probleme der Erwachsenen.

Sie und ihr Mann wollten damals nur die Kinder gut durchbringen. Das war die Hauptsache. Kinder waren eines der wenigen Abenteuer, die man in der DDR erleben durfte, hat sie einmal gesagt. Vielleicht hat sie deshalb inzwischen fünf, die heute 31, 28, 26, 22 und 14 Jahre sind. Eines dieser Abenteuer war, als eine der Töchter kurz nach der Einschulung regelmäßig Geld aus ihrer Brieftasche gestohlen hatte und es an Klassenkameraden verschenkte. Sie war schnell beliebt - doch dann hat Kathrin Schmidt es gemerkt und ist von Plattenbau zu Plattenbau gegangen, hat an den Türen der Eltern geklingelt und sich überall entschuldigt. Diese Tochter macht jetzt ihren Doktor in Soziologie an der Freien Universität, wohnt aber in Karlshorst, im äußersten Osten Berlins.

Sie hält den Kontakt zu ihren Kindern, hat sich bei Facebook angemeldet, um zu sehen, was sie dort machen, und hat ihren jüngsten Sohn zu einem DJ-Contest begleitet - nur um zu sehen, was ihn daran fasziniert. "Wie er da mit leuchtenden Augen zuschaute, da habe ich auch einen Zugang zu dieser Musik gefunden." Ich frage sie, ob das Älterwerden leichter ist, wenn man gleichzeitig Kinder heranwachsen sieht. Sie überlegt und sagt: "Vielleicht, ja, denn man verabschiedet sich leichter vom Leben." Früher habe sie richtig Anfälle bekommen, so einen Herzschmerz, aus Angst, dass sie eines Tages sterben würde. Sie beobachtet das jetzt bei ihrem jüngsten Sohn. Aber sie selbst habe "vor überhaupt nichts mehr Angst". Ich schaue sie fragend an. Sie nickt nur. "Vor nichts mehr."

Kathrin Schmidt ist auch: eine Überlebende. Im Jahr 2004 steht sie auf ihrem Balkon in Mahlsdorf und hat plötzlich das Gefühl, dass ihr jemand einen Gummi an den Kopf schnippst: Die Beine sacken weg, sie schleppt sich ins Wohnzimmer, lässt sich auf den Sessel neben ihren Mann fallen. Er schaut sie an, sie sagt ruhig: "Ich sterbe." Er antwortet ruhig: "Du stirbst nicht." Nach dem zweiwöchigen Koma musste sie alles neu lernen. "Am Anfang wusste ich nicht einmal, WAS ich war", sagt sie. Sie fühlte sich wie ein Baby nach der Geburt. Dann kam langsam das Sprechen zurück - und das Schreiben. Als sie 2009 das Buch mit dem Zitat ihres Mannes auf dem Titel herausbringt, war ihre Tochter die erste Leserin. Ihr Urteil: "Mensch, Mutti, jetzt hast du endlich ein Buch nicht nur für Freaks geschrieben."

Alle meine Narben

Den Buchpreis, den Kathrin Schmidt später für "Du stirbst nicht" erhielt, hat sie trotzdem nicht als einschneidendes Erlebnis in Erinnerung. Klar war danach das Interesse an ihr größer, aber sich deswegen verändern? Irgendetwas anders machen? Das Preisgeld musste sie ins Haus investieren, und schon vorher hatte sie einen engen Terminkalender. Da ist wieder diese nüchterne Art, mit der sie jedes Thema behandelt, mit der sie auch ihre Narben ohne Probleme vorzeigt, mitten auf der Fußgänger Brücke in Helle Mitte: "Hier haben sie mir die Schädeldecke rausgenommen, hier von der Operation an einem Schleimbeutel, hier an der Schilddrüse und eine Narbe vom Herzschrittmacher hab ich auch."

Diese Fröhlichkeit, mit der sie von ihren Krankheiten spricht, ist beängstigend überschwänglich. Doch direkt danach zeigt sich, dass ihre Toleranz dem Körper gegenüber auch Grenzen hat. Als wir vor dem Programmkino "Kiste" stehen, ein Kino, das vielleicht bald schließen muss, will sie mir von einem besonders schönen Filmabend erzählen, doch ihr fällt der Titel nicht ein. "Wie hieß der Film mit Katharina Thalbach, der in Marzahn spielt?" Sie habe ihn hier mit ihrem Mann gesehen ... Sie stöhnt. "Das kann doch nicht wahr sein!" Sie wird wütend. Furchtbar sei das! "Sehen Sie, das war vor dem Schlaganfall nicht so!" Ständig würde ihr das passieren, dieses Vergessen. Sie wird laut: Nur deswegen habe sie auch unser erstes Treffen verpasst! Jetzt hat sie wirklich die Faxen dicke, mit diesem blöden Gedächtnis. Und den bunten Beutel habe sie auch noch nicht zur Post gebracht ...

Später finde ich heraus, wie dieser Film heißt, dessen Titel sie vergessen hat und der zu diesem Wutanfall führte: "Du bist nicht allein". Er handelt von einsamen Menschen in Plattenbauten, die Stehaufmännchen sein müssen, damit sie nicht zu Verlierern werden.

Als wir das Plattenbau-Einkaufszentrum Helle Mitte erreichen, beginnt es stark zu regnen. Wir retten uns hinter eine Tür, über der "Kaffeepause" steht, eine gelangweilte Kellnerin nimmt unsere Bestellung auf, im Hintergrund sagt eine Radiostimme, dass die Situation im Atomkraftwerk Fukushima außer Kontrolle geraten sei. Kathrin Schmidt: "Ich bekomme bei dem Thema immer Gänsehaut, und die Tränen sind nicht weit weg." Dann singt Phil Collins "When I'm feeling blue" und für einen Moment ist Hellersdorf hier ganz bei sich. Der Regen überdeckt die bunten Plattenbaufassaden mit ehrlichem Grau, ab und zu kommt jemand herein, holt sich klirrend eine kleine Flasche Korn aus dem Kühlschrank und verschwindet im Regen. Die Körper dieser Trinker, sie sind Resonanzböden für ein Problem, das größer ist als dieser Stadtteil. Vielleicht sollte jetzt nicht Kathrin Schmidt hier sitzen, sondern die Kanzlerin.