Der Fall Sarrazin

Der Weg zum millionenschweren Ex-Bundesbanker

23. August 2010: Schon bevor das Buch mit dem roten Einband am 30. August erscheint, sorgt es für Furore. Thilo Sarrazin stellt Auszüge von "Deutschland schafft sich ab" im "Spiegel" und in der "Bild" vor. Der ehemalige Berliner Finanzsenator ist zu der Zeit Mitglied des Vorstandes der Bundesbank.

Das über 400 Seiten dicke Buch trägt den Untertitel: "Wie wir unser Land aufs Spiel setzen". Seine umstrittenen Thesen zur Einwanderungspolitik und zur angeblich fehlenden Integrationsbereitschaft von Muslimen lösen sofort parteiübergreifend scharfe Kritik aus.

29. August 2010: In einem Interview mit der Berliner Morgenpost wehrt sich Sarrazin gegen seine Kritiker und sagt, er sei kein Rassist. Im gleichen Gespräch macht er jedoch auch seine umstrittenen Äußerungen zur genetischen Identität von Juden. Damit ruft er eine Welle der Entrüstung hervor. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagt, Sarrazins Äußerungen seien inakzeptabel und ausgrenzend. Später wird Sarrazin bei seinen Auftritten oft scherzen, Merkel habe seinem Buch erst damit zum Bestsellerstatus verholfen.

Noch Ende August 2010 legt SPD-Chef Sigmar Gabriel dem umstrittenen Parteimitglied den Austritt nahe. Der Parteivorstand beschließt einstimmig, ein Parteiordnungsverfahren mit dem Ziel seines Ausschlusses aus der SPD in Gang setzen zu wollen. Thilo Sarrazin erwidert auf die Debatte: "Ich bleibe SPD-Mitglied bis an mein Lebensende." Zugleich relativiert Sarrazin seinen Ausspruch über die Gene. Er hätte sich bei der Wiedergabe von US-Forschungsergebnissen nicht präzise ausgedrückt, so sein Verlag.

Die Bundesbank distanziert sich von seinem Vorstandsmitglied. Am 6. September beschließt die Berliner SPD, ein Verfahren zum Ausschluss aus der Partei gegen Sarrazin einzuleiten. Berlins SPD-Chef Michael Müller zeigt sich zuversichtlich, dass dies auch erfolgreich sein werde. "Es gibt ja keine Absurdität, keine Blödheit, die nicht dann irgendwann doch noch von ihm ausgesprochen wird", so Müller.

9. September: Sarrazin zieht sich aus dem Bundesbank-Vorstand zurück. Die Entscheidung fällt mit dem Tag seiner ersten Lesung zusammen. In Potsdam sichern 300 Beamte den Nikolaisaal, während Hunderte Gegendemonstranten vor der Tür Sarrazin als Rassisten bezeichnen. Weitere öffentliche Lesungen werden teilweise boykottiert. Die islamfeindliche Bürgerbewegung Pro Deutschland bietet ihm den Chefposten an.

November 2010: Sarrazins Werk hat sich inzwischen schon über eine Million Mal verkauft, das Buch macht ihn zum Multimillionär.

Januar 2011: Die Diskussion über sein Buch schlägt sich auch in Sarrazins Privatleben nieder. Der Golf- und Landclub Berlin-Wannsee will ihn auch in diesem Jahr nicht in seinen elitären Kreis aufnehmen. Seine Ehefrau lässt sich zum Ende des Schuljahres beurlauben. Sie war wegen ihrer Unterrichtsmethoden in die Kritik geraten - und sieht sich als Opfer der Gegner ihres Ehemannes in der Integrationsdebatte. Unterdessen widerlegt eine Forschungsgruppe der Humboldt-Universität seine Thesen zur angeblichen Integrationsfähigkeit muslimischer Zuwanderer.

März 2011: Der Buchtitel "Deutschland schafft sich ab" dient der NPD als Wahlkampfslogan. Sarrazins Verlag erwirkt eine Unterlassungserklärung dagegen.

April 2011: An Gründonnerstag hat die Schiedskommission des SPD-Kreisverbands Charlottenburg-Wilmersdorf zur ersten Anhörung im "Parteiordnungsverfahren" gegen Sarrazin geladen. Das Verfahren endet mit dem Entschluss: Sarrazin darf SPD-Mitglied bleiben.