Interview

"Abschalten alleine reicht eben nicht"

Professor Reinhard Hüttl ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam und Mitglied der nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima von der Bundeskanzlerin einberufenen Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung.

Über die Gefahr weiterer Beben in Japan, die Informationspolitik Tokios und die Arbeit der neuen Ethikkommission sprach Reinhard Hüttl mit Norbert Lossau.

Berliner Morgenpost: Das Beben vom 11. März war mit der Magnitude von 9,0 das stärkste je in Japan gemessene Beben. Wann muss man mit dem nächsten, ähnlich starken Beben rechnen?

Reinhard F. Hüttl: Japan ist ein sehr stark durch Erdbeben gefährdetes Land. Es stoßen dort vier Platten aufeinander - die Eurasische, die Pazifische, die Philippinische und die Nordamerikanische Platte. Aufgrund geowissenschaftlicher Sondierungen war klar, dass es hier zu schweren Erdbeben in überschaubarer Zeit kommen würde. Doch wir hatten mit dem Beben eher im Süden als im Norden Japans gerechnet. Die Stärke des Bebens vom 11. März war historisch, wenngleich man sagen muss, dass es ähnlich starke Beben bereits in anderen Regionen und, vor Jahrhunderten, auch in dieser Region gegeben hatte. Wann man wieder mit einem ähnlich starken Beben rechnen muss, kann man nicht vorhersagen. Das kann durchaus in näherer Zukunft der Fall sein, dann aber wohl eher in dem Bereich der Kontinentalplatten, der bislang noch nicht gebrochen ist, also eher im Süden Japans.

Berliner Morgenpost: Die Reaktorkatastrophe von Fukushima bindet mehr Aufmerksamkeit als das schwere Erdbeben und dessen schlimme Folgen für Japan.

Reinhard F. Hüttl: Das ist sicher so. Ich will jedoch betonen, dass die Schäden an den Reaktoren in Fukushima nicht direkt durch das Erdbeben verursacht worden sind. Dem haben sie standgehalten, und die Reaktoren wurden planmäßig automatisch abgeschaltet. Es war vielmehr der Tsunami, der die Kernkraftwerke beschädigt hat. Aber natürlich ist es so, dass der Tsunami die direkte Folge des Bebens war.

Berliner Morgenpost: Das Beben hatte im Kernkraftwerk einen Stromausfall verursacht, sodass die Kühlwasserpumpen von Dieselgeneratoren versorgt werden mussten. Dann kam der Tsunami und spülte diese Generatoren ins Meer.

Reinhard F. Hüttl: Ja, so war es. Es gab noch Batterien, mit denen die Stromversorgung für ein paar Stunden aufrechterhalten werden konnte. Doch dann nahm die Katastrophe ihren Lauf: Überhitzung der Brennstäbe, Bildung von Wasserstoff, Explosionen, Freisetzung von Radioaktivität und so weiter. Es ist, im Nachhinein betrachtet, geradezu ein ärgerliches Versäumnis, dass in Fukushima die Notstromversorgung nicht besser gesichert war. Dabei war es ja durchaus bekannt, dass es in dieser Region zu sehr hohen Tsunami-Wellen kommen kann.

Berliner Morgenpost: Wie zufrieden sind Sie mit der Informationspolitik in Japan?

Reinhard F. Hüttl: Japan ist wie Deutschland ein hoch technisiertes Land, doch die kulturellen Unterschiede sind gewaltig. Wir spüren den Unterschied auch auf wissenschaftlicher Ebene. Wir haben aus Japan keine wissenschaftlichen Informationen über den Ablauf der nuklearen Katastrophe oder den Zustand der Reaktoren erhalten.

Berliner Morgenpost: Höre ich da eine Kritik?

Reinhard F. Hüttl: Für moderne Gesellschaften ist nach meinem Verständnis jedenfalls eine offene, transparente Diskussion sehr wichtig, besonders dann, wenn viele Menschen betroffen sind.

Berliner Morgenpost: Wenn wir nur unvollständige Informationen aus Japan erhalten und nicht genau wissen, was dort passiert ist, wie kann man dann auf dieser Basis Konsequenzen für die deutsche Energiepolitik ableiten?

Reinhard F. Hüttl: Man weiß natürlich schon, dass es zumindest zu einer teilweisen Kernschmelze gekommen ist. Das lässt sich bereits aus der Tatsache ableiten, dass die Kühlung der Reaktoren über einen längeren Zeitraum ausgefallen ist. Damit stellt sich die Frage, ob etwas Vergleichbares auch hierzulande passieren kann: Sind unsere Kernkraftwerke wirklich sicher? Diese Frage ist berechtigt. Und dass wir jetzt ein Moratorium haben, kann ich sehr gut nachvollziehen.

Berliner Morgenpost: Was ist konkret die Aufgabenstellung der Ethikkommission?

Reinhard F. Hüttl: Unsere Arbeit leisten wir vor dem Hintergrund, dass es in Deutschland die Festlegung gab, aus der Kernenergie auszusteigen - zunächst von Rot-Grün, dann mit verlängerten Laufzeiten von Schwarz-Gelb. Jetzt wird diskutiert, diesen Ausstieg schneller vorzunehmen als zuletzt geplant. Daraus ergibt sich die Frage, wie man die Energieversorgung Deutschlands sicher und zukunftsfähig gestalten kann. Die Ethikkommission hat die Aufgabe, Antworten auf die Frage vorzulegen, wie eine sichere Energieversorgung bei einem beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie und bei einer besonders intensiven Nutzung von regenerativen Energieträgern gewährleistet werden kann.

Berliner Morgenpost: Ist das nicht eher eine technische denn eine ethische Fragestellung?

Reinhard F. Hüttl: Es ist auch eine ethische Frage, weil die Konsequenzen, die mit einer Neuausrichtung der Energiepolitik verbunden sind, unter anderem auch ökonomische Konsequenzen haben. Es könnte etwa sein, dass wir durch bestimmte Entscheidungen unsere Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. Letztlich spielen dabei Fragen der Risikowahrnehmung und Risikobewertung eine zentrale Rolle. So gibt es die Vorstellung, dass Katastrophen wie in Fukushima nicht mehr unter den bisherigen Risikobegriff fallen, sondern eine eigene Kategorie darstellen sollten. Dies ergibt sich aus der Langfristigkeit der Folgen eines nuklearen Unglücks und der damit verbundenen Belastung durch radioaktive Strahlung. Die hier zu diskutierenden Fragen fallen in den Bereich der Verantwortungsethik.

Berliner Morgenpost: Es geht also in der Kommission nicht mehr um die Frage, ob man aus der Kernenergie aussteigen soll, sondern nur noch darum, wie schnell und wie man das abwickeln kann?

Reinhard F. Hüttl: Genau. Doch abschalten alleine reicht eben nicht. Man muss sich auch Gedanken darüber machen, was mit den Brennstäben in den Abklingbecken passiert und wie und wo hoch radioaktiver Abfall endgelagert werden kann. Dies alles muss man jetzt einmal wirklich zu Ende denken. Es muss auch darüber nachgedacht werden, welche Konsequenzen eine stärkere Nutzung von regenerativen Energien hat. Ich nenne hier nur die Stichworte Speicher, Netzausbau und fehlende Akzeptanz. Wenn man beispielsweise sieht, dass in Brandenburg kürzlich die 29. lokale Initiative gegen Windenergie gegründet wurde, dann können wir erahnen, wie schwierig der ganze Prozess hin zu den erneuerbaren Energien werden wird. Wir brauchen eine Diskussion mit größtmöglicher Transparenz. Dabei muss jetzt endlich nach dem Prinzip "Wer A sagt, muss auch B sagen" verfahren werden, wobei es jetzt darum geht, B im Detail festzulegen. Wir brauchen hier einen breiten gesellschaftlichen Konsens, denn wir können nicht bei jeder Bundestagswahl die Energiedebatte neu führen.

Berliner Morgenpost: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Ethikkommission überhaupt mit einer Stimme Plan B vorlegen wird?

Reinhard F. Hüttl: Das kann ich noch nicht abschätzen. Wir sind in einem sehr ernsthaften und transparenten Diskussionsprozess. Die Positionen der einzelnen Mitglieder sind mehr oder weniger klar, auch durch öffentliche Äußerungen. Das ist also nicht nur ein Dialog untereinander, sondern auch ein öffentlicher Dialog. Und das finde ich in dieser Frage gut. Ich hoffe, dass wir in wesentlichen Fragen zu einem Konsens kommen, auch wenn es in konkreten Fragen unterschiedliche Einschätzungen geben wird. Wichtige Eckpfeiler sind für mich dabei auch die Erhaltung von Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätzen. Und die Klimaschutzziele können wir auch nicht völlig aufgeben.

Berliner Morgenpost: Das alles wird sich wohl kaum unter einen Hut bringen lassen?

Reinhard F. Hüttl: Eine zentrale Frage dabei ist, ob wir mit neuen Technologien bei den erneuerbaren Energien neue Arbeitsplätze schaffen können und ob wir mit diesen Technologien im Export punkten können.

Berliner Morgenpost: Eine isolierte deutsche Ethikdiskussion bringt uns doch wohl nur bedingt weiter. Wir leben ja nicht auf einer Insel, sondern sind in vielfacher Hinsicht in Europa eingebettet.

Reinhard F. Hüttl: Das ist richtig. Wir brauchen hier auch eine europäische Diskussion. Ob es bei einem Kernkraftwerk in Baden-Württemberg oder im Elsass zu einer Freisetzung von Radioaktivität kommt, bedeutet bei den vorwiegenden Südwestwindlagen für uns hier in Berlin praktisch genau das Gleiche. Schon dieses Beispiel zeigt, dass sich die Problematik der Sicherheit von Kernenergie nicht national lösen lässt. Ähnliches gilt bei der Nutzung von Kohle und dem Klimaschutz.