Kuba: 50 Jahre nach der Schweinebucht-Invasion schlägt das Regime Reform

Die Überlebenskünstler von Havanna

Daniel kommt mit einem Fläschchen Rum auf die Veranda. Er will reden. Über Familie, das Leben in Kuba und in Deutschland, über Baseball und warum so viele Stars aus der Provinzmannschaft von Pinar del Río für Millionen von Dollar in die US-Profiliga wechseln. Wenn unser Land schlauer wäre, sagt er, würden sie doch den Profis erlauben, zurückzukommen und ihr Geld hier auf der Insel zu investieren.

Viele Menschen auf der Antilleninsel machen sich ihre Gedanken, wie es weitergeht mit dem kubanischen Sozialismus. Daniel aus Viñales, aktives Mitglied der Kommunistischen Partei, wird ernst, wenn er darüber spricht: Für das Soziale sei der Sozialismus ja gut. Aber für die Wirtschaft? Da ist er nicht so überzeugt.

Wer die an den Doller gekoppelten konvertiblen Devisenpesos (CUC) besitzt, kann inzwischen ganz gut leben auf Kuba. Venezuela und China sind an die Stelle des großen Bruders Sowjetunion getreten und halten den Karibikstaat über Wasser. "Wir haben die Frau gewechselt", sagen die Kubaner.

Nach Jahren des Mangels ist das Angebot auf den privaten Bauernmärkten und in den auch für Kubaner zugänglichen CUC-Läden recht breit. Wer jedoch keinen Zugang zum Devisenpeso hat und auf die offizielle nationale Währung angewiesen ist, der kann gerade so überleben. Entsprechend begehrt sind Jobs als Kellner, Musikant oder Klofrau, wo man mit Trinkgeldern mehr verdienen kann als ein Arzt.

Neben den Überweisungen der Exilkubaner ist es vor allem der wachsende Tourismus, der harte Währung unter das Volk bringt. Immer mehr Besucher verlassen die All-inclusive-Hotels der Touristengettos. Sie sind wichtiger Treiber der wirtschaftlichen Liberalisierung des Systems, das von Raúl Castro, dem jetzigen starken Mann Kubas, vorangetrieben wird.

In jüngster Zeit gewährt das Regime unter Führung von Fidel Castros Bruder seinen Bürgern mehr wirtschaftliche Freiheit. Die überbesetzten Staatsbetriebe bauen Personal ab, das Land diskutiert, wer gehen muss, wer bleiben darf und ob das wohl gerecht sei. Weil das nicht so einfach ist, stockt der Prozess. Gleichzeitig geben die Behörden großzügiger als früher Ausweise aus, die ihre Träger berechtigen, auf eigene Rechnung zu arbeiten. In Havanna und anderen Städten verkaufen Privatleute an jeder Ecke durch die Fenster ihrer Häuser hausgemachte Pizza, Säfte oder Hotdogs gegen nationale Währung. Neue Privatrestaurants für Devisenkunden öffnen, weil Köche in staatlichen Hotels entlassen werden.

In den touristisch interessanten Orten hat sich in den vergangenen Jahren ein breites Angebot an staatlich regulierten Privatquartieren entwickelt. Überall an den Türen weisen blaue Anker auf offizielle "casas particulares" hin.

20 bis 25 Devisenpeso, die dem Wert des US-Dollar entsprechen, dürfen die Privatvermieter ihren Gästen abnehmen, egal, ob für ein kleines Gelass ohne Fenster nach draußen oder für ein prunkvolles Gemach in einem Kolonialhaus. Essen bieten sie für sechs bis acht Dollar für ein Menü. Da sind üppige Gewinnspannen drin, wenn Gastgeber subventionierte Grundnahrungsmittel gegen Devisen verkaufen.

Aber wie so oft auf Kuba ist dem Staat die Freiheit nicht geheuer und er beengt die Spielräume. Jede Familie darf maximal zwei Doppelzimmer vermieten. Dafür kassiert der Staat mächtig ab. 200 Dollar muss ein Vermieter monatlich bezahlen, um den blauen Anker behalten zu dürfen. Das Recht, den Gästen Essen zu verkaufen oder ein eigenes Werbeschild aufzuhängen, kostet extra. Für viele Anbieter lohnt sich das Geschäft nur schwerlich, denn sie müssen auch zahlen, wenn Touristen ausbleiben. "Manchmal überlege ich, es wieder aufzugeben", sagt Gloria aus Viñales.

In dem paradiesischen Tal hat sich der Sozialismus nie so ganz durchgesetzt. Hier wächst zwischen den von Tropfsteinhöhlen perforierten Kalkbergen der angeblich beste Tabak der Welt. Daniels Onkel Pepe ist Kleinbauer. Während anderswo auf Kuba Zuckerrohr, Zitrusfrüchte oder Bananen im Kollektiv bestellt werden, deren Ländereien sich um zwei- oder dreistöckige Plattenbauten erstrecken, eignet sich der Tabakanbau für Individualbetrieb. Denn die sensiblen Pflanzen werden nicht mit einem Mal abgeerntet, sondern es werden immer nur die saftigsten Blätter einer Pflanze eingesammelt.

Pepe hat zwei Jungen und zwei Frauen, die ihm helfen. Die kleinbäuerliche Wirtschaft ist Teil der ganz besonderen Idylle in Viñales. Hier ziehen noch Ochsen den Pflug, Männer Reiten durch die Felder, ganze Familien schaukeln auf Kutschen übers Land. Während Pepe das Pferd für die Kinder der Touristen sattelt, serviert seine 95 Jahre alte Tante starken schwarzen Kaffee. Leider ohne Untertasse, entschuldigt sie sich. Die habe der Zyklon mitgenommen. Vor zwei Jahren hat ein Wirbelsturm das Haus der Familie fortgeblasen, nur der Betonsockel, auf dem das schnell gezimmerte Ersatzhäuschen steht, lässt die einstige Größe erahnen. Neben dem Haus parkt ein amerikanischer Straßenkreuzer aus den 50er-Jahren.

Die andere Tante liegt am offenen Fenster. Sie hat eine komplizierte Fußverletzung hinter sich, musste zwei Mal in der 150 Kilometer entfernten Hauptstadt Havanna operiert werden. Kubas Bauern wissen das gut ausgebaute Gesundheits- und Bildungssystem zu schätzen.

Auch im Modelldorf La Moncada südwestlich von Viñales trifft man Anhänger des Sozialismus. Juan bewacht hier das Monument eines Milizenführers und verkauft nebenbei Besuchern Bananen und Orangen, die er hinter seinem Häuschen erntet. Alle Bungalows sind ähnlich, bunte Steine zieren die Fassaden. Nach der Revolution wurden hier die bitterarmen Campesino-Familien aus den Bergen angesiedelt und verwandelten das Tal in einen Garten aus Königspalmen, Bananen, Zitrusbäumen, Kaffeesträuchern und blühenden Büschen. "Uns geht es gut", sagt Juans alte Mutter, die trotz diverser Augen-OPs fast erblindet ist. Ihr Sohn hat in den 70er-Jahren als Freiwilliger für den Export des Sozialismus in Angola gekämpft, genauso wie 300 000 andere Kubaner seiner Generation. "Ich habe dort meinen Dienst geleistet", sagt er.

Heute sind die Kubaner darauf angewiesen, zu jeder Gelegenheit ein paar kleine Geschäfte zu machen. Jeder Devisenpeso entspricht einem Tageslohn in der Nationalwährung. So serviert die Haushälterin Olga im Lehrgarten des Nationalparks auf einem Hügel über dem Tal von Viñales als einträgliche Geldquelle Honig-Mojitos. Ein polnisches Pärchen bewundert das goldene Licht der untergehenden Sonne. Ein Fremdenführer namens Fidel hat sie hergebracht. "Hier heißen viele Fidel oder Raúl oder Ernesto, nach den alten Helden", lacht Olga und zeigt dabei die ironische Distanz, die sich auch staatstreue Kubaner gegenüber dem Regime der alten Revolutionäre und seiner Propaganda bewahrt haben.

Kapitalistische Stadtsanierung

Die reine Lehre des Sozialismus wird schon länger verletzt auf Kuba. In Havanna werden die Häuser renoviert, das historische Zentrum haben sie bereits herausgeputzt, während in anderen Stadtvierteln noch immer Gebäude einstürzen. Die Stadtsanierung folgt kapitalistischen Modellen. Weil die Renovierung Devisen verlangt, muss der Stadthistoriker diese Kosten wieder einspielen. Und so werden in vielen sanierten Häusern Devisenläden, Bars oder Restaurants eröffnet.

Für die Bewohner ist dann kein Platz mehr. So wie für Luis. Der Bäcker lebt mit seiner Familie an der Uferpromenade Malecón. Die Fassade ist grau und löchrig, die Balkons sind längst abgefallen. Dennoch weiß Luis um das Privileg, von seinem Heim aufs Meer zu blicken. "Aber sie haben angekündigt, das Haus zu sanieren", sagt Luis. Dann werden er und seine Nachbarn in eines der Plattenbauquartiere am Stadtrand umgesiedelt.

Während sich das offizielle Kuba zögernd auf den Weg Richtung Marktwirtschaft macht, sind viele Bürger ihrer Führung längst voraus. So wie Alexander. Sein Revier ist der Hauptplatz von Santa Clara, der Stadt, wo die Touristen das pompöse Monument und das Mausoleum des ewigen Revolutionärs Ernesto "Che" Guevara besuchen. Alexander ist 24, spricht ausgezeichnet Englisch und Deutsch und gehört zu der gut ausgebildeten jungen Generation, die die sozialen Segnungen des Sozialismus für selbstverständlich hält, aber unter der geistigen Enge und der Propaganda der führenden Greisenriege leidet. Zeitungen gibt es kaum, Informationen von außen sind schwer erhältlich. Sechs Dollar kostet eine Stunde im Internetcafé. Unerschwinglich selbst für ihn, der mit dem Verkauf von CDs und DVDs mit kubanischer Musik an Touristen ein Vielfaches seines Vaters verdient, der als Sicherheitsmann einer Bank umgerechnet 14 Dollar monatlich erhält. "Ich wollte, ich wäre in Deutschland geboren", sagt Alexander. Mit den USA hat er es nicht so. Die Castro-Feinde unter den Exilkubanern in Miami seien sicher keine Alternative für Leute wie ihn, sagt er.

Auch Daniel, der überzeugte Kommunist aus Viñales, fragt sich, wie es weitergehen soll. Auch er hat keine Antwort darauf, warum die Parteizeitung "Granma" 2011 auf der Titelseite ihren Lesern Sprüche Fidel Castros von 1967 oder 1978 anbietet. Was passiert, wenn die betagten Revolutionäre Fidel und Raúl nicht mehr sind? "Schwierig", sagt der überzeugte Fidelista und schenkt noch einen weichen Anejo-Rum ein.

Hier heißen viele Fidel, Raúl oder Ernesto, nach den alten Helden

Olga, Haushälterin