Berliner Spaziergang

Der Quotenmann

Einen Moment lang sieht es so aus, als scheine die Sonne nur für ihn. Der Hinterhof des Meilenwerks in Moabit ist in Schattenschwarz getaucht, nur ein schmaler Strahl Licht fällt hinein und entzündet die Rauchwolken, die um Arno Müllers Kopf wabern. Ich gehe auf ihn zu, sehe seine Silhouette, das anthrazitfarbene Sakko, die schwarze Hose, seine Stiefel, ein unauffälliges Brillengestell.

Er sieht mich nicht. Seine Haut ist braun, die Wangen proper, die Haut glatt. Ich hatte mir den Mann, der mit seiner Show "Arno und die Morgencrew" bei 104.6 RTL jeden Morgen Hunderttausende Berliner weckt, anders vorgestellt. Müder. Abgekämpfter. Radiogesichtiger. Er sieht gut aus, auf die Tasche seines Hemdes hat er sich seine Initialen nähen lassen. Er wirkt ein bisschen unnahbar. Später wird Müller erzählen, dass er stark fremdelt. "Du kannst mich nicht einladen und an einen Tisch setzen mit nur fremden Leuten - da komm ich nicht." Unsicherheit und Arroganz, man verwechselt das ja schnell.

Wir gehen hinein, vorbei an Autos, teilweise teurer als Einfamilienhäuser. Ferrari, Bentley, Rolls-Royce, das ganz große Besteck. Arno Müller reißt seine Augen auf wie ein Kleinkind vor dem Zuckerwattestand. Irgendwie ist das niedlich. Müller ist gern hier, sonntags, wenn er mal Ruhe hat. Er mag Autos. "Mein Vater war schon autoverrückt, ich bin es auch. Das hier ist ja ein einziger Jungstraum." Als der Fotograf vorschlägt, dass Müller sich in einen kleinen blauen Spielzeug-Mercedes setzt, zweifelt er doch einen Moment. Das Kind im Mann kämpft mit dem Mann. Und gewinnt. Wenig später hat Müller das frühstückstellergroße Lenkrad in der Hand, bewegt es nach links, nach rechts, fehlt nur noch, dass er Geräusche macht. Brrrrrummm. Brrrrrummm. Aber Müller ist, anders als im Radio, kein besonders lauter Mensch. Er bewegt sich langsam, und wenn er vor diesen Luxusautos steht, spricht er fast bedächtig leise. Das Meilenwerk, für Arno Müller (48) ist das so etwas wie eine große Entschleunigungshalle.

Draußen hat die Sonne den Schatten mittlerweile besiegt, in diesem Licht sieht Moabit nicht so unglücklich aus wie sonst. Kaum haben wir das Meilenwerk verlassen, wird Müllers Stimme lauter. Es ist ein bisschen so wie bei diesen modernen Autoradios, die sich mit ihrer Lautstärke dem Lärm der Umwelt anpassen. Jetzt erkennt man auch den "Morgencrew"-Arno, diese tiefen Stimme, die fast jeder Berliner schon einmal gehört hat. Seit fast 20 Jahren, so lang wie kein anderer Moderator in Deutschland, hostet Arno Müller seine Morningshow. Und das, obwohl er ja eigentlich nicht mehr moderieren wollte, als er 1990 Programmdirektor bei RTL wurde. "Ich habe aber niemanden gefunden, der meine Visionen vor dem Mikro so umsetzen konnte", sagt er heute. So hat er es halt selbst gemacht. Und ist dabei geblieben. Müller hatte das Konzept damals aus den USA nach Deutschland transferiert und immer daran geglaubt, dass es hier funktionieren würde. Gegen alle Widerständler, die nicht müde wurden, darauf hinzuweisen, dass so etwas in Deutschland doch nicht ginge. Morgens schon Witze erzählen! So viele Jingles spielen! Promotionaktionen! Gewinnspiele! Wir sind doch nicht Amerika! "Sind wir auch nicht", sagt Müller heute, "aber so verschieden ist das Publikum eben doch nicht." Er sollte recht behalten.

Ist Müller im Urlaub, fällt die Quote

"Arno und die Morgencrew" war fast vom Fleck weg die erfolgreichste Radiosendung Berlins und ist das meistkopierte Format in der deutschen Radiolandschaft. Arno Müller ist einer von ganz wenigen Radiostars. Die Morgenshow und Arno, das eine funktioniert nicht ohne das andere. Wenn Müller länger im Urlaub ist, fällt die Quote. Und als er sich einmal ein Bein gebrochen hatte, bauten sie das Studio in seinem Haus im Grunewald auf.

Wir laufen vorbei an graffitibeschmierten Wänden, an Lagerhallen und verlassenen Autohäusern, in denen es aussieht, als seien die Autos einfach abgehauen. Staub liegt brotscheibendick auf der Verkaufsfläche, irgendjemand hat die Werbeschilder geklaut. Außer uns geht hier niemand spazieren. Der Wind pfeift an blätterlosen Bäumen vorbei durch die Straße, wir laufen langsam, schweigen ein Weilchen. Ich habe nicht das Gefühl, unbedingt etwas fragen zu müssen. Und er scheint einverstanden damit zu sein, mal nichts zu sagen. Es ist schon seltsam, wie viel weniger Arno Müller der ist, den ich erwartet hatte. Morningshow-Moderator, dachte ich, das werden nur die Pausenclowns. Diese Typen, die in der Schule immer um einen herumtanzten, Witze erzählten. Nervensägen eben. Man kann sich Arno Müller aber nicht so recht als Clown vorstellen. Er ist eher schüchtern. "Ich weiß gar nicht mehr so genau, wie ich früher zu Schulzeiten war", sagt er. Sich an die Kindheit in der saarländischen Provinz zu erinnern, das falle ihm sowieso schwer. Vielleicht kann er sich nicht erinnern, vielleicht will er es auch nicht. Die Erinnerungen jedenfalls, die ihm noch präsent sind, haben fast alle mit Radio zu tun. Wie er als Zehnjähriger mit seinem Kassettenrekorder das englische Programm von Radio Luxemburg 208 unter der Decke hörte und die besten Hits aufnahm. Wie er den britischen Sound der Moderatoren imitierte, ohne ein einziges Wort Englisch sprechen zu können. Wie er sich Mischpulte baute. Er habe eben sein ganzes Leben lang nichts anderes gewollt. Schließlich fällt ihm doch noch eine andere Anekdote ein. Einmal, da saßen sie wie jeden Sonntag in der Kirche, erzählte ihm ein Freund einen Witz. Der kleine Arno lachte. 45 Minuten lang, die ganze Messe hindurch. "Danach hat mich der Pfarrer vor versammelter Gemeinde zur Schnecke gemacht." Wenn er das erzählt, schaut er so, als würde er das gern noch mal machen. "Vielleicht war ich schon ein bisschen der Kasper." Vielleicht auch nicht.

Nach der mittleren Reife schickte Müllers Vater ihn nach Frankfurt zur Allianz, Lehre als Versicherungskaufmann. Die hatte der Vater schließlich auch gemacht. "Der Klassiker: Ich sollte was Anständiges lernen. War ja auch okay." Er ist keiner, der gegen seine Eltern aufbegehrt hätte. Müller arbeitete parallel als DJ, lernte jemanden von einer Plattenfirma kennen, der sein Demo-Tape an den Hessischen Rundfunk gab. "Die haben mich zu einer Probesendung eingeladen. Ich hatte daheim geübt wie ein Wilder." Es zahlte sich aus. Mit 19 moderierte Müller seine erste Sendung, die "Mittagsdiskothek", von zwölf bis zwei Uhr, montags bis sonnabends, eine Woche pro Monat. "Ich wusste vorher ja schon, dass ich das machen will. Aber ab da war klar, dass für mich alles andere nur ein Job gewesen wäre." Müller sagt dann auch noch, dass er das Glück gehabt hat, sein Hobby zum Beruf machen zu können. Er schaut kurz zu Boden. "Oh Gott, was für ein dämlicher Klischeesatz."

Wir sind mittlerweile wieder im Meilenwerk, setzen uns an einen Tisch vor einem Café. Als die Getränke kommen, fragt Müller nach einem Keks zu seinem Cappuccino. Kekse haben sie nicht, sagt der Kellner. Das hat hier was von Loriot. Müller lacht sein kurzes, kehliges Lachen. Er lacht es oft. Witzig sein, das ist sein Job. Seit 20 Jahren fünfmal die Woche fünf Stunden lang Zoten reißen, Sprüche klopfen, live ab fünf Uhr in der Früh. Wer da nicht gern viel lacht, hat keine Chance. Aber nervt diese programmierte gute Laune nicht auch mal? "Ich kann mir nicht vorstellen, irgendetwas anderes zu machen. Außerdem verändert sich doch ständig was, es ist wie in einer Wohnung. Da behält man doch auch nicht die gleiche Tapete 20 Jahre lang." Müller ist keiner, der Fragen mit Ja oder Nein beantwortet. Er spricht gern in Bildern. Deshalb vergleicht er Radiosendungen auch mit Autos. "Jeder Wagen hat vier Reifen, trotzdem gibt es Unterschiede zwischen einem Fiat Panda und einem Ferrari." Und wenn man Radio liebe, könne man eben nicht mehr erreichen, als diese Morningshow zu moderieren. Für alle, die sie nicht kennen: Es wird vor allem viel herumgealbert und gequatscht, dazu gibt es viele Hits, ein paar Sidekicks, Gewinnspiele, ein bisschen Information, Wetter, den Verkehrsflieger und Comedystars als Studiogäste. Mario Barth, Atze Schröder, Paul Panzer, Cindy aus Marzahn, nur die erste Liga. "Bei uns geht es um Entertainment, und das haben wir drauf. Es ist Eigenlob, ich weiß, aber diese Show ist die beste und größte Morgenproduktion in Deutschland - und eine der besten und größten in ganz Europa. Das ist absolut unbestritten und anerkannt. Und solange wir mit Abstand die Nummer eins sind, sehe ich keinen Grund, aufzuhören." Zumindest nicht in den kommenden zehn Jahren. Dann sei es aber auch irgendwann mal gut mit der Arbeit, sagt Müller.

Findet offenbar auch sein Sohn Lucas: Denn genau in diesem Moment flötet Müllers Handy den "Kill Bill"-Soundtrack. Nach ein paar Sekunden drückt er den Ton weg. Eine Minute später klingelt es wieder, diesmal geht er ran. Sein Sohn Lucas sagt, er müsse seinem Vater eine tolle Nachricht übermitteln. Lucas sagt das wirklich so: "Papa, ich muss dir eine tolle Nachricht übermitteln." Er könne jetzt das "Duel of the Fates" aus den "Star Wars"-Filmen auf dem Klavier spielen. "Das ist ja stark!", sagt Müller. Er strahlt vor Stolz. Selbst spielt er kein Instrument. Sein Vater wollte immer, dass er Schifferklavier lernt. Aber welches Kind will schon Schifferklavier spielen? Auch für Sport habe er sich nie groß interessiert, als Kind sei er ziemlich dick gewesen. Im Grunde, nun ja, sei da eben immer nur das Radio gewesen. Und die Autos. Und natürlich die Familie.

Die Morningcrew gehört zur Familie

Wobei man Familie bei Arno Müller wieder auf das Radio ausweiten muss. Die meisten, mit denen er arbeitet, sind schon lange an seiner Seite. Seine Co-Moderatorin Katja Desens etwa ist seit 1995 mit an Bord, die Pressesprecherin seit elf Jahren, sein Producer von Anfang an. "Ich bin ein treuer Mensch", sagt Müller. Die Morgencrew sei eben auch eine Familiencrew. Einmal im Jahr fahren sie dann auch wie eine echte Familie in den Urlaub. Nach Mallorca. Gut, so ganz stimmt das mit dem Urlaub nicht. Die Morningshow nehmen sie natürlich mit - und senden von der Insel.

Viele ehemals erfolgreiche Radiomoderatoren hat es ins Fernsehen gezogen, Thomas Gottschalk, Günther Jauch, auch Thomas Koschwitz. Müller hat dieser Schritt nie gereizt. "Fernsehen war mir immer viel zu unecht." Radio sei lebendiger, direkter, näher, "Kino im Kopf" eben. Da ist er, einer der beiden Sätze, die immer fallen, wenn man mit Radiomachern spricht. Und zwar unter Garantie. Der eine ist: Radio ist Kino im Kopf. Den anderen hatte Müller schon früher gesagt: Im Radio kannst du über alles reden, aber nicht über 90 Sekunden. "Wie mich diese Dogmatik nervt!" Produzenten, die an dieser uralten Regel festhielten, hätten immer noch nicht begriffen, wie Radio heute funktioniere.

Als wir das Meilenwerk wieder verlassen, hat sich auch die Sonne fast verabschiedet. Wieder fällt nur ein zarter Strahl in den Hof, Müller zündet sich eine Zigarette an. Er raucht viel. Er schaut den Schwaden ein paar Sekunden nach und spricht von seinen Träumen. Von einem Haus am Meer in einem Land, wo immer die Sonne scheint. Den perfekten Platz habe er aber noch nicht gefunden. "So lange fahre ich im Urlaub mit meiner Frau und meinem Sohn an den Scharmützelsee." Nicht eben der wetterbeständigste Ort der Welt. Aber so recht kann man das auch nicht glauben nach zwei Stunden mit Arno Müller. Nur noch Sonne und kein Radio mehr? "Die Show würde ich natürlich mitnehmen." Das sei ja auch das Problem bei der Suche. Es gebe zu viele Länder, die per se wegen der Zeitverschiebung nicht infrage kämen. Die Karibik etwa, "die sind sechs Stunden vor uns - das bedeutet ja Nachtschicht". Sehr gut funktioniere Dubai zum Beispiel, das ist drei Stunden voraus, aber wer will schon auf Dauer in Dubai leben? Man ahnt: Arno Müller wird erst mal in Berlin bleiben. Für ihn gibt es ja selbst in Moabit ein wenig Sonne.